KlimaDocs: Wie sich Ärzte und Ärztinnen für das Klima engagieren

3 November, 2022 - 06:38
Miriam Mirza
KlimaDocs

Der Klimawandel macht sich auch immer mehr in der Medizin bemerkbar. Auch Ärztinnen und Ärzte erleben die Auswirkungen: Die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels nehmen zu. Hitzewellen und Extremwetterereignisse haben in den letzten Jahren mehr Tote gefordert. Allein im Zusammenhang mit Hitze ermittelten Forscher für das Jahr 2018 rund 20.200 Todesfälle bei über 65-Jährigen (Lancet 2020).

Dabei wird es nicht bleiben. Das Problem: Das Gesundheitswesen ist auf solche Szenarien nicht vorbereitet. Krankenhäuser brauchen eine andere Bauplanung, um den klimatischen Veränderungen gerecht zu werden, die Wirkung von Medikamenten in überhitzen Körpern muss besser erforscht und die Zunahme von Erkrankungen durch Luftverschmutzung stärker in Betracht gezogen werden.

Weil sie sich aktiv für die Umwelt und für mehr Nachhaltigkeit einsetzen wollen, haben ein paar Medizinerinnen und Mediziner 2020 den Verein KlimaDocs e.V. gegründet. Ziel ist, möglichst viele Kolleginnen und Kollegen dafür zu gewinnen, sich für mehr Gesundheit durch Klimaschutz einzusetzen. Der Onkologe PD Dr. Jens Ulrich Rüffer ist Gründungsmitglied und hat sich schon lange mit dem Thema beschäftigt.

Irgendwann haben ihn ein paar Kolleginnen und Kollegen angesprochen, erinnert er sich. „Wir haben uns dann zusammengesetzt. Dabei stellte sich heraus, dass sie ganz andere Ideen hatten als ich. Sie wollten auf politischer Ebene agieren und verschiedene Politiker:innen anschreiben. Aufgrund meiner Erfahrung mit Kommunikation und Kommunikationsstrategien ist das aber nicht sehr effizient“, erklärt er und fährt fort: „Ich konnte mir auch nicht vorstellen, wie sie das neben ihrem Praxisalltag bewerkstelligen wollten. Darum habe ich Ihnen vorgeschlagen, sich da für das Klima zu engagieren, wo es weniger Arbeit macht und gleichzeitig der beste Touchpoint mit den Menschen ist – und das ist das Wartezimmer.“

Niedrigschwelliger Zugang

Statistisch gesehen geht jeder Deutsche zehnmal im Jahr zum Arzt oder zur Ärztin. Wenn die Patienten dann im Mittel 15 Minuten warten, kommt eine signifikante Kontaktzeit zustande. Warum also nicht die Gelegenheit nutzen und die Menschen aufklären? Der Verein hat darum eine spezielle Wartezimmerkommunikation zum Thema Klimaschutz und Klimawandel entwickelt. Seit kurzem gibt es außerdem einen Videoclip, der zusätzlich abgespielt werden kann.

Das Konzept kommt an: Innerhalb kürzester Zeit konnten die KlimaDocs mehr als 500 Praxen gewinnen mitzumachen. Darüber hinaus wurden Spenden und Förderungen eingeworben. Überzeugen dürfte die Kolleginnen und Kollegen auch, dass das Konzept sehr niedrigschwellig ist: Die Ärztinnen und Ärzte müssen zunächst nur Material im Wartezimmer auslegen. Rüffer glaubt, dass das Thema bei Medizinern und Medizinerinnen grundsätzlich auf Interesse stößt. Viele wollen auch mehr tun und überlegen, sogenannte „Klimasprechstunden“ anzubieten.

Klimasprechstunde für die Praxis

Diese Art der Sprechstunde findet während der normalen ärztlichen Sprechzeiten statt. Allerdings klären die Ärztinnen und Ärzte dabei über gesundheitliche Probleme auf, die im Zusammenhang mit dem Klimawandel stehen. Dem liegt die Tatsache zugrunde, dass vieles, was für die Gesundheit förderlich ist, auch der Umwelt guttut. Verschiedene Hausärzteverbände erstellen dazu gerade Konzepte.

Rüffer berichtet, dass die KlimaDocs e.V. ebenfalls mit Ärztinnen und Ärzten sowie verschiedenen Initiativen an Konzepten für die Klimasprechstunde arbeiten. „Wir wollen für die Kolleginnen und Kollegen praktikable Wege finden, dies umzusetzen. Es geht darum, Änderungen herbeizuführen, ohne dass sie in ihrem ohnehin schon zeitlich knapp bemessenen Arbeitsalltag noch mehr Zeit aufwenden müssen“, so der KlimaDoc. Sicher sei, dass Mediziner und Medizinerinnen ein wichtiger Faktor für die Verhaltensveränderung bei Patientinnen und Patienten seien. Sind erst einmal genug Menschen aktiv, so seine Hoffnung, wird auch die Wirtschaft und Forschung nachziehen.

Auf Seiten der Forschung wünscht sich Rüffer beispielsweise Engagement durch Pharmaunternehmen. Diese sollten etwa stärker erforschen, wie sich der Klimawandel auf die Wirkung von Medikamenten auswirkt. „Als Arzt will ich zum Beispiel wissen, ob ich während einer Hitzeperiode bei der Verschreibung einer Arznei aufpassen muss, weil der Körper eines 80-Jährigen mit einem ganz anderen Wasserhaushalt anders auf das Mittel reagiert als der von einem 20-Jährigen“, findet Rüffer.

Für Ärztinnen und Ärzte gibt es zahlreiche Wege, sich zu engagieren. Und es muss auch nicht immer gleich der große Wurf sein, um positive Veränderungen herbeizuführen. Der KlimaDoc berichtet von einem Projekt in Kiel zum Thema Shared Decision Making (SDM), das er im Zusammenhang mit einem Konsortium im Rahmen des Innovationfonds durchgeführt hat. Bei SDM geht es um die gemeinsame Entscheidungsfindung in Sachen Therapie von Arzt bzw. Ärztin und Patient, bzw. Patientin. Rüffer erzählt: „Wir konnten zeigen, dass wir aufgrund einer gemeinsamen Entscheidungsfindung 10 Prozent der Ressourcen einsparen konnten.“ Hintergrund ist, dass Patientinnen und Patienten durch SDM viel mehr in ihre Therapie involviert sind, Medikamente besser einnahmen und eine höhere Therapietreue zeigen. Und auch das ist natürlich klimarelevant.

In Anbetracht der Tatsache, dass sich aufgrund von fehlender Motivation der Patientinnen und Patienten und einer mangelhaften Therapietreue jedes Jahr Medikamente im Wert von mehreren Milliarden Euro in der Kanalisation wiederfinden, ist das eine interessante Erkenntnis. „Es gibt also ganz viele Ebenen, auf denen man etwas erreichen kann und nicht immer erfordert es erst einmal große Investitionen“ folgert Rüffer.

 

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