Dr. Harnack: „Die Neuroanatomie hat mich nicht mehr losgelassen“

7 Mai, 2026 - 08:05
Dr. Sabine Glöser
Köpfe und Karriere: Dr. Daniel Harnack
Dr. med. Daniel Harnack ist seit 1. Januar 2026 Chefarzt der Neurologischen Rehabilitationsklinik an den Kliniken Beelitz.

Über wichtige Erfahrungen, gewonnene Einsichten und ausgefallene Wünsche spricht aerztestellen.de mit erfolgreichen Ärztinnen und Ärzten. Dieses Mal stellt sich Dr. med. Daniel Harnack unseren Fragen. Er ist seit 1. Januar 2026 Chefarzt der Neurologischen Rehabilitationsklinik an den Kliniken Beelitz.

Herr Dr. Harnack, warum eigentlich sind Sie Neurologe geworden?

Dr. Daniel Harnack: Seinen Anfang nahm alles im Medizinstudium, als in den Anatomievorlesungen das zentrale Nervensystem abgehandelt wurde. Da ich diese kaum besucht hatte, war ich gezwungen, mir die Inhalte im Selbststudium anzueignen, was mich zu meiner großen Überraschung faszinierte. Die Neuroanatomie hat mich seither nicht mehr losgelassen. Später im Studium, als die klinischen Fächer gelehrt wurden, schrieb ich mich während eines Auslandsjahres in Frankreich für das Fach Neurologie ein und hatte erstmals täglich mit neurologischen Patienten Berührung. Ich fand es spannend, auf der Grundlage neuroanatomischer Kenntnisse neurologische Untersuchungen durchzuführen und basierend auf den Befunden von einem Syndrom auf den Ort der Schädigung im ZNS zu schlussfolgern oder es einer neurologischen Entität zuzuordnen. Spätestens der Beginn meiner Promotionsarbeit zum Thema Neuromodulation und die sich entwickelnden Therapieoptionen für neurologische Patienten bestärkten meinen Wunsch einer Facharztausbildung zum Neurologen.

Was ist für Sie unabdingbar, damit Sie gut arbeiten können?

Dr. Daniel Harnack: Ohne Zweifel muss das Arbeitsumfeld stimmen. Dieses wird maßgeblich bestimmt von einem guten interdisziplinären Team, in dem sich alle Player auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen und in dem die Patienten im Fokus stehen. Das ideale Zusammenspiel von Kompetenz und Empathie über die unterschiedlichen Berufsgruppen hinweg zum Wohle der Patienten lässt mich gut arbeiten. Zudem braucht es eine langfristige Planungsperspektive, die nicht auf kurzfristige Quartalserfolge ausgerichtet ist, sondern auf einen Fortbestand über Generationen.

Wie lautet der beste Rat, den Sie auf Ihrem Karriereweg bekommen haben?

Dr. Daniel Harnack: Das war der Rat, bleib dran, wenn Du einen Lauf hast. Er stammt aus einer Zeit, in der ich während meiner langjährigen Ausbildung an der Charité noch in der klinisch orientierten Grundlagenforschung tätig war. Ich habe mir diesen Rat für meinen ärztlichen Werdegang mitgenommen.

Was schätzen Sie an anderen Menschen am meisten?

Dr. Daniel Harnack: Am meisten schätze ich an anderen Menschen, wenn sie offen und authentisch sind. Aber auch Verlässlichkeit halte ich mit Blick auf den Arztberuf für eine wichtige Charaktereigenschaft.

Was treibt Sie an?

Dr. Daniel Harnack: Der Motor meines Antriebs ist und war immer Vision. Die Grundlage dafür sind meine Neugier und mein Interesse. Ich möchte immer alles ganz genau wissen und verstehen. Daraus wachsen Ideen und das Verlangen, Dinge zu bewegen und voranzubringen.

Mit wem würden Sie gern einmal einen Abend verbringen?

Dr. Daniel Harnack: Vielleicht mit jemanden, der gar nicht mehr unter uns weilt: Santiago Ramón y Cajal. Ich würde mir von ihm gern seine Zeichnungen über die Struktur des Nervensystems zeigen lassen. Für seine Arbeiten erhielt er zusammen mit Camillo Golgi 1906 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Cajals neurohistologische Arbeiten über die Feinstrukturen des Nervensystems finde ich eine faszinierende Leistung, die mich nicht zuletzt auch als Ästhet unwahrscheinlich anspricht.

Was raten Sie jungen Ärztinnen und Ärzten?

Dr. Daniel Harnack: Machen Sie sich immer selbst ein Bild von Ihren Patienten, bleiben Sie neugierig, hinterfragen Sie Dinge und beurteilen Sie die Befundlage im Spiegel Ihres eigenen Wissens. Unterschätzen Sie dabei nicht den Wert Ihrer Erfahrungen, die ständig weiterwachsen. Und, um das Glück zu bedienen, geraten Sie an einen guten Mentor oder eine gute Mentorin.

Wie gelingt Ihnen eine gesunde Work-Life-Balance?

Dr. Daniel Harnack: Mit diesem Modebegriff kann ich nicht viel anfangen. Wenn ich arbeiten will, dann arbeite ich, egal wie lange und wie oft. Aber klar, ich plane mir auch freie Zeit für mich und meine Familie ein. Bisher musste ich dieses Konzept nicht hinterfragen.

Woran mangelt es dem deutschen Gesundheitssystem?

Dr. Daniel Harnack: Ungeachtet der vielen Ideen mangelt es aus meiner Sicht an dem Mut, wichtige Dinge grundlegend und nachhaltig anzugehen. Viele Entscheidungen und Vorgaben werden meist mit zu viel Entfernung zur Praxis getroffen. Doch wir brauchen praktikable Lösungen. Ein pragmatisches Vorgehen scheint mir manchmal zielführender zu sein. Leider steht das Wohlergehen der Patienten im Fokus der Entscheidungen eher weit hinten. Das spürt man, wenn Gesetze und Vorgaben auf den Klinikalltag treffen.

Wann sind Sie glücklich?

Dr. Daniel Harnack: Mit Blick auf meinen Beruf als Arzt und Neurologe erfüllt es mich, wenn Patienten durch ihre Therapien einen Zugewinn an Funktionen wiedererlangen. Ganz gleich, wie groß der Umfang oder das Ausmaß derselben sind, es gibt mir ein gutes Gefühl, wenn für alle Patienten individuell funktionelle Verbesserungen zu einem Plus an Lebensqualität führen.

Das könnte Sie auch interessieren: