
Über wichtige Erfahrungen, gewonnene Einsichten und ausgefallene Wünsche spricht aerztestellen.de mit erfolgreichen Ärztinnen und Ärzten. Dieses Mal stellt sich Dr. med. Ina H. Sprenger unseren Fragen. Sie ist seit 1. Mai 2026 Chefärztin der psychosomatischen Akutversorgung in der Krankenhausabteilung der Hardtwaldklinik II in Bad Zwesten.
Frau Dr. Sprenger, warum eigentlich sind Sie Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Psychosomatische Medizin und Psychotherapie geworden?
Dr. Ina H. Sprenger: Mich fasziniert am Gebiet der Psychomedizin, dass sie die vielleicht „menschlichste“ Form der Medizin ist. Sie setzt dort an, wo Sprache, Erinnerung, Identität und Beziehung zusammenkommen, also Dinge, die Menschen in besonderer Weise auszeichnen. Heilung entsteht dabei nicht allein durch eine Intervention, sondern durch das gemeinsame Verstehen dessen, was einen Menschen bewegt. Und als Ärztin bin ich in meiner Person sowohl Diagnostik- als auch Therapie-Instrument. Es braucht kein äußeres Werkzeug. Und genau das macht das Gebiet für mich zur spannendsten und herausforderndsten Disziplin der Medizin.
Was ist für Sie unabdingbar, damit Sie gut arbeiten können?
Dr. Ina H. Sprenger: Ich arbeite dann am besten, wenn Neugier wichtiger ist als vorschnelle Gewissheit. In der Psychomedizin gibt es selten einfache Antworten. Ein Umfeld, das Fragen zulässt und gemeinsames Nachdenken fördert, ist für mich deshalb unverzichtbar. Zeit für Patientinnen und Patienten, kollegialer Austausch und die Möglichkeit zur kontinuierlichen Reflexion sind essenziell. Gerade in der Psychomedizin entstehen gute Entscheidungen selten allein, sondern sie ergeben sich oft in einem interdisziplinären Dialog.
Wie lautet der beste Rat, den Sie auf Ihrem Karriereweg bekommen haben?
Dr. Ina H. Sprenger: Zuerst zuhören, genau beobachten und sich erlauben, „beeindruckt“ zu werden. Das hat mich gelehrt, dass gute Medizin nicht mit Antworten beginnt, sondern mit aufmerksamer Wahrnehmung.
Was schätzen Sie an anderen Menschen am meisten?
Dr. Ina H. Sprenger: Integrität und Aufrichtigkeit schaffen Vertrauen, dazu Demut, die eigene Grenzen kennt, und Vergebungsbereitschaft, die es für ein gutes Miteinander braucht.
Was treibt Sie an?
Dr. Ina H. Sprenger: Mich treiben Neugier, Verantwortung und die Überzeugung an, dass jede Begegnung mit einer Patientin oder einem Patienten die Chance bietet, etwas zu verstehen, zu lernen und im besten Fall etwas zum Besseren zu verändern.
Mit wem würden Sie gern einmal einen Abend verbringen?
Dr. Ina H. Sprenger: Ich würde gern einen Abend mit C. S. Lewis verbringen. Er war ein brillanter Denker, Christ und ein Mensch, der persönliches Leid erfahren hat. Gerade deshalb beeindruckt mich, dass er nicht abstrakt über Schmerz, Hoffnung und Sinn geschrieben hat, sondern aus eigener Erfahrung. Ich würde gern mit ihm darüber sprechen, wie Leid einen Menschen verändert, wie Hoffnung entstehen kann und welche Rolle Glaube dabei spielt.
Was raten Sie jungen Ärztinnen und Ärzten?
Dr. Ina H. Sprenger: Nehmen Sie sich Zeit für die Dinge, die sich nicht beschleunigen lassen – Gespräch, Beobachtung und Nachdenken. Die Qualität ärztlichen Handelns entsteht oft dort, wo man sich der Eile widersetzt, ohne Zeit zu verschwenden. Es ist so wichtig, sich Neugier und die Bereitschaft zum Zuhören zu bewahren. Medizin wird oft technischer und schneller – umso wichtiger ist es, sich bewusst Zeit für den Menschen hinter der Erkrankung zu nehmen.
Wie gelingt Ihnen eine gesunde Work-Life-Balance?
Dr. Ina H. Sprenger: Ich halte wenig von diesem Management-Slogan. Wenn Arbeit sinnvoll ist, trägt das. Ansonsten schätze ich gute Rhythmen: intensive Arbeit, bewusste Erholung und gute Gemeinschaft.
Woran mangelt es dem deutschen Gesundheitssystem?
Dr. Ina H. Sprenger: Die Systeme der stationären und ambulanten Versorgung sind zu fragmentiert, was besonders komplex oder chronisch Erkrankte trifft. Außerdem werden falsche Anreize geschaffen, bei denen Menge statt Qualität belohnt wird. Schließlich gibt es vor allem in der Psychomedizin eine unbefriedigende Situation in der Weiter- und Fortbildung – mit dem Risiko, dass fachliche Defizite weitergegeben und so die Qualität der Patientenversorgung mittelbar beeinträchtigt wird.
Wann sind Sie glücklich?
Dr. Ina H. Sprenger: Ich bin glücklich, wenn ich mich als wirksam erlebe und in Verbindung bin – mit Menschen, mit mir selbst und mit Gott, in dem ich Sinn, Kraft und Ziel finde.



