Dr. Hintz: „Nur die Anästhesisten interessierten sich für eine vernünftige Work-Life-Balance“

11 Februar, 2021 - 07:43
Dr. Sabine Glöser
Dr. Marcus Hintz
Dr. med. Marcus Hintz ist seit 1. Januar 2021 Chefarzt der Abteilung für Anästhesie an der Paracelsus-Klinik Hemer.

Über wichtige Erfahrungen, gewonnene Einsichten und ausgefallene Wünsche spricht aerztestellen.de mit erfolgreichen Ärztinnen und Ärzten. Dieses Mal stellt sich Dr. med. Marcus Hintz unseren Fragen. Er ist seit 1. Januar 2021 Chefarzt der Abteilung für Anästhesie an der Paracelsus-Klinik Hemer.

Herr Dr. Hintz, warum eigentlich sind Sie Anästhesist geworden?

Dr. Marcus Hintz: Schon während der Schulzeit hat mir die Biologie immer dann Spaß gemacht, wenn die Physiologie mitspielte. Auch während des Studiums ließ mein Interesse an der Physiologie nicht nach. Ich kann schlecht auswendig lernen, ich muss Abläufe verstehen. Eine große Rolle für meine spätere Berufswahl haben sicherlich auch persönliche Erfahrungen im Studium mit den Dozenten der Anästhesie gespielt. Und ehrlich gesagt, waren die Anästhesisten in den frühen 90ern die Einzigen, die an einer vernünftigen Work-Life-Balance interessiert waren. Während meines Zivildienstes an der Uniklinik wehrten sie sich gegen zu hohe Belastungen und arbeiteten nicht immer am Rande ihrer Kräfte. Beeindruckt hat mich auch meine Doktormutter Prof. Dr. med. Gabriele Nöldge-Schomburg, auch eine Anästhesistin.

Was ist für Sie unabdingbar, damit Sie gut arbeiten können?

Dr. Marcus Hintz: Eine gute Stimmung, Vertrauen zu meinen Mitarbeitern und Verlässlichkeit. Wenn man sich selbst nicht aufgehoben und sicher fühlt, hat man auch keine Ressourcen, seinen Patienten das Gefühl zu geben, gut aufgehoben zu sein. Unabdingbar ist natürlich, dass es nicht nur ein Gefühl ist, gut aufgehoben zu sein.

Wie lautet der beste Rat, den Sie auf Ihrem Karriereweg bekommen haben?

Dr. Hintz: Ein Rettungsassistent, mit dem ich heute befreundet bin, sagte in meiner Anfangszeit mal, als wir einen Patienten in der Ambulanz übergeben wollten und wir nicht so behandelt wurden, wie wir es für angemessen hielten: „Marcus, Du bist so gut, hau‘ doch mal mehr auf den Putz.“ Leider muss man das gelegentlich wirklich tun.

Was schätzen Sie an anderen Menschen am meisten?

Dr. Marcus Hintz: Aufrichtigkeit, Authentizität und Ehrlichkeit.

Was treibt Sie an?

Dr. Marcus Hintz: Mich treibt der Spaß an der Arbeit an und, auch wenn es abgedroschen klingt, den Menschen zu helfen.

Mit wem würden Sie gern einmal einen Abend verbringen?

Dr. Marcus Hintz: Von den Lebenden mit König Juan Carlos von Spanien, natürlich nur, wenn er ehrlich auf meine Fragen antwortet. Nach dem Ende der Franco-Diktatur 1975 führte er sein Land in die Demokratie, zeigte Größe bei einem Putschversuch und fuhr sein Ansehen schließlich gegen die Wand. Und mit Stefan Stoppok würde ich gern nach einem seiner Konzerte ein Bier trinken gehen.

Was raten Sie jungen Ärztinnen und Ärzten?

Dr. Marcus Hintz: Lasst Euch nicht beirren, macht, was Euch Interessiert, steht für die Dinge ein, die Ihr tut und schaut über den Tellerrand. Das Leben ist mehr als Karriere und Medizin, Niederlagen gehören dazu. Bleibt authentisch, Ihr solltest morgens in den Spiegel schauen und Euch selbst erkennen.

Wie gelingt Ihnen eine gesunde Work-Life-Balance?

Dr. Marcus Hintz: Indem ich mich abgrenze, um Zeit für meine Familie und für meine Freunde zu gewinnen.

Woran mangelt es dem deutschen Gesundheitssystem?

Dr. Marcus Hintz: Geld ist genug da, es sollte nur vernünftig eingesetzt werden. Die finanziellen Anreize sind zu hoch. Krankenhäuser müssen die Möglichkeit haben zu überleben, wenn sie Patienten gut versorgen, diagnostizieren und beraten. Man muss nicht immer alles machen, was möglich wäre.

Wann sind Sie glücklich?

Dr. Marcus Hintz: Jetzt – trotz Coronakrise. Meiner Familie und den Menschen, die mir wichtig sind, geht es gut. Meine Familie ist gesund, wir leben in einem meist sicheren Land, haben genug zu essen und eine gute Medizin. Mich persönlich drücken und drückten keine finanziellen Sorgen. Manchmal täte uns allen ein wenig mehr Demut gut.

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