Dr. Wagner: „Es ist eine wunderbare Aufgabe, Menschen in schwierigen Phasen weiterzuhelfen“

20 August, 2026 - 06:23
Dr. Sabine Glöser
Köpfe und Karriere: Dr. Matthias Wagner
Dr. med. Matthias Wagner ist seit 1. Juni 2026 Ärztlicher Direktor der Akutklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in der Günztalklinik Allgäu in Obergünzburg.

Über wichtige Erfahrungen, gewonnene Einsichten und ausgefallene Wünsche spricht aerztestellen.de mit erfolgreichen Ärztinnen und Ärzten. Dieses Mal stellt sich Dr. med. Matthias Wagner unseren Fragen. Er ist seit 1. Juni 2026 Ärztlicher Direktor der Akutklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in der Günztalklinik Allgäu in Obergünzburg.

Herr Dr. Wagner, warum eigentlich haben Sie sich auf die Psychosomatische Medizin und Psychotherapie spezialisiert?

Dr. Matthias Wagner: Nach meiner Psychiatrie-Facharztweiterbildung wollte ich mich stärker auf das Gespräch fokussieren und meine psychotherapeutischen Fähigkeiten ausbauen. Deshalb wechselte ich in eine psychosomatische Klinik mit gruppentherapeutischem Konzept. Seitdem schlägt mein Herz für dieses Fachgebiet. Ich kann mir nichts Schöneres und Interessanteres vorstellen.

Was ist für Sie unabdingbar, damit Sie gut arbeiten können?

Dr. Matthias Wagner: Ich spüre schnell, ob die Kolleginnen und Kollegen sich wechselseitig respektieren und anerkennen, wie ich das an meiner neuen Stelle erlebe. Das ist eine Grundvoraussetzung für ein funktionierendes Team. Nur so kann sich die Wirksamkeit einer multiprofessionellen Therapie voll entfalten.

Wie lautet der beste Rat, den Sie auf Ihrem Karriereweg bekommen haben?

Dr. Matthias Wagner: Angaangaq, ein traditioneller Heiler aus Kalaallit Nunaat in Grönland, sagte mir einmal: Learn from your patients! Books are only for your degree. Das hat mir deutlich gemacht, wie wichtig es ist, sich auf Patienten einzustimmen und die Fähigkeit, genau hinzuhören, immer weiter auszubauen.

Was schätzen Sie an anderen Menschen am meisten?

Dr. Matthias Wagner: Zuverlässigkeit, Offenheit und Humor sind Eigenschaften, die mir zusagen. Außerdem mag ich es, wenn Menschen sich nicht übermäßig wichtig nehmen und bescheiden bleiben.

Was treibt Sie an?

Dr. Matthias Wagner: Ich sehe es als eine wunderbare Aufgabe an, Menschen in schwierigen Phasen ihres Lebens weiterzuhelfen und Kolleginnen und Kollegen etwas von meiner Erfahrung und meinem Wissen weiterzugeben.

Mit wem würden Sie gern einmal einen Abend verbringen?

Dr. Matthias Wagner: Es ist schwierig, mich da festzulegen: Mich faszinieren besonders Menschen, die Musik oder Literatur mit seelischer Entwicklung und spirituellen Erfahrungen verknüpfen. Irvin D. Yalom wäre so jemand – mit seinen psychotherapeutischen Romanen und seiner Idee der existenziellen Therapie oder Martin Schleske, ein Geigenbauer, der christlichen Glauben mit musikalischen Metaphern erlebbar macht. Wenn ich noch einen Menschen aus der Vergangenheit nennen darf, ist das Franz Schubert. Seine Lieder berühren mich durch ihr tiefes Empfinden von Liebe, Sehnsucht, Schmerz und Erlösung.

Was raten Sie jungen Ärztinnen und Ärzten?

Dr. Matthias Wagner: Bleibt wissbegierig gegenüber der Vielfalt Eures Fachgebiets und den individuellen Lebensgeschichten Eurer Patienten, seid offen für neue Erfahrungen und lasst Euch nicht entmutigen von den Rahmenbedingungen unseres Gesundheitssystems.

Wie gelingt Ihnen eine gesunde Work-Life-Balance?

Dr. Matthias Wagner: Mir gefällt das Wort Work-Life-Balance nicht, weil meine „Arbeit“ für mich ein wichtiger Teil meiner Lebensaufgabe ist. Ich finde es aber immer wieder herausfordernd, mir selbst genug Ruhepausen und Aufmerksamkeit auf meine eigenen körperlichen und seelischen Bedürfnisse einzuräumen.

Woran mangelt es dem deutschen Gesundheitssystem?

Dr. Matthias Wagner: Unser Gesundheitssystem in Deutschland vertraut seinen Akteuren nicht! Es bevormundet Heilende und Helfende. Es nimmt den Menschen zu oft die Verantwortung für ihre eigene Gesundheit. Und vor allem zwingt es Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte, sich zeitlich stark zu limitieren und viel Energie auf Finanzierungsaspekte und Bürokratie zu richten. So werden ein differenziertes mehrdimensionales Diagnostizieren und unser heilsames Wirken zu oft im Keim erstickt. Weniger Korsett und mehr Freiheit wären Gold wert.

Wann sind Sie glücklich?

Dr. Matthias Wagner: Ich mache mein Glück möglichst wenig von äußeren Faktoren abhängig. Wann immer mir das gelingt, bin ich am glücklichsten.

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