
Über wichtige Erfahrungen, gewonnene Einsichten und ausgefallene Wünsche spricht aerztestellen.de mit erfolgreichen Ärztinnen und Ärzten. Dieses Mal stellt sich Prof. Dr. med. Kai Singbartl unseren Fragen. Er ist seit 1. März 2026 Medizinischer Geschäftsführer und Ärztlicher Direktor der Evang. Kliniken Essen-Mitte.
Herr Professor Singbartl, warum eigentlich sind Sie Facharzt für Anästhesiologie geworden?
Prof. Dr. Kai Singbartl: Ein Praktikum während in meiner Schulzeit in Bochum hat bereits früh mein großes Interesse an der Intensivmedizin geweckt. Schon damals sah ich, dass die Betreuung schwerkranker Patientinnen und Patienten ein hohes Maß an Verantwortung, schneller Entscheidungsfindung und enger Teamarbeit erfordert. Während des Studiums entwickelte ich dann eine große Neigung für Pharmakologie und Physiologie, so dass dann letztendlich für mich die Anästhesiologie der sinnvollste Weg in die Intensivmedizin war.
Was ist für Sie unabdingbar, damit Sie gut arbeiten können?
Prof. Dr. Kai Singbartl: Transparenz, Verlässlichkeit und Fokussierung auf die Patienten. Gerade aus meinen Erfahrungen in unterschiedlichen Gesundheitssystemen weiß ich, wie wichtig klare Strukturen, Verlässlichkeit und gegenseitiger Respekt für gute Medizin sind. Gemäß dem obersten Leitsatz der Mayo Clinic, „The needs of the patient come first“, hat es mich immer wieder angenehm überrascht, wie gut sich auch die komplexesten Probleme mit einer klaren Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Patienten lösen lassen.
Wie lautet der beste Rat, den Sie auf Ihrem Karriereweg bekommen haben?
Prof. Dr. Kai Singbartl: Man soll das machen, woran man Interesse und Spaß hat. Mit Engagement und fortlaufender Weiterentwicklung und -bildung kann man sich in die Lage versetzen, die Karriere weitestgehend selbst zu bestimmen.
Was schätzen Sie an anderen Menschen am meisten?
Prof. Dr. Kai Singbartl: Integrität, Teamfähigkeit und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. In der Medizin sind diese Voraussetzungen entscheidend für eine gute Zusammenarbeit.
Was treibt Sie an?
Prof. Dr. Kai Singbartl: Mich motiviert die Möglichkeit, Medizin aktiv mitzugestalten und weiterzuentwickeln – sowohl in der Patientenversorgung als auch in organisatorischen Strukturen. Das Gesundheitswesen befindet sich im Wandel. Gerade in dieser Zeit ist es wichtig, Verantwortung zu übernehmen und Entwicklungen mitzugestalten, bevor man gestaltet wird.
Mit wem würden Sie gern einmal einen Abend verbringen?
Prof. Dr. Kai Singbartl: Eine spannende Runde würde ich mit Paul Krugman, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, und Befürwortern verschiedener Gesundheitssysteme, von universellen Versorgungssystemen bis hin zu reinen freiwilligen, privaten Versorgungssystemen, verbringen. Probleme wie alternde Bevölkerungen, zunehmende chronische Erkrankungen und Pandemien betreffen fast alle Länder. Die Probleme haben jedoch unterschiedliche Auswirkungen auf die einzelnen Gesundheitswesen. Eine leidenschaftliche Diskussion von Pros und Kontras der jeweiligen Gesundheitssysteme vor dem Hintergrund der Herausforderungen sollte uns wertvolle Anregungen geben, um unser Gesundheitssystem zukunftssicher zu gestalten.
Was raten Sie jungen Ärztinnen und Ärzten?
Prof. Dr. Kai Singbartl: Bleiben Sie neugierig und wissbegierig, stellen Sie Fragen, und suchen Sie sich ein Umfeld, das zu Ihnen passt und in dem Sie entwickeln können. Scheuen Sie sich nicht vor neuen Wegen und nutzen Sie Chancen, wenn sie sich Ihnen bieten. Manche meiner Karriereabschnitte hatte ich ursprünglich nie in Erwägung gezogen, sie passten letztendlich aber besser zu mir und meinen Zielen als andere Optionen, die ich ursprünglich geplant hatte. Gleichzeitig wichtig: Verlieren Sie nicht den Blick für das Ganze und stellen Sie die Patientinnen und Patienten immer in den Mittelpunkt.
Wie gelingt Ihnen eine gesunde Work-Life-Balance?
Prof. Dr. Kai Singbartl: Ich nehme keine Arbeit mit nach Hause, auch wenn es schwerfällt. Das ist in unserem Beruf eine Herausforderung. Für mich ist es wichtig, bewusst Zeit für meine Familie einzuplanen. Diese Auszeiten helfen mir, den Stau meiner Gedanken zu beseitigen und neue Energie zu tanken.
Woran mangelt es dem deutschen Gesundheitssystem?
Prof. Dr. Kai Singbartl: Zunächst einmal das Gute: Wir haben erkannt, dass sich etwas ändern muss. Das deutsche Gesundheitssystem ist leistungsfähig und steht vor großen Herausforderungen. Es gibt aber zwei Aspekte, bei denen wir uns selbst im Weg stehen. Wir müssen zunächst entscheiden, wie unser Gesundheitssystem aussehen soll, bevor wir irgendwelche Maßnahmen ergreifen. Aber auf dem Weg dorthin dürfen wir unsere Anstrengungen nicht einstellen, weil ein Problem oder eine Vorschrift auftaucht. Diesen Eindruck gewinne ich gerade häufig, wenn es um die Informationstechnologien und deren Anwendungen im Gesundheitswesen geht. Eine erfolgreiche und sinnvolle Nutzung der Informationstechnologien ist für das Überleben unseres Gesundheitswesens und somit letztendlich für das Wohl unserer Patienten unabdingbar. Wir müssen uns daher vielmehr darauf konzentrieren, Vorschriften oder Bedenken in unsere Lösungsansätze miteinzubeziehen anstatt zu resignieren.
Wann sind Sie glücklich?
Prof. Dr. Kai Singbartl: Wenn ich Zeit mit meiner Familie verbringen kann, um zum Beispiel meine beiden Töchter zu ihren Ballettaufführungen oder Schwimmwettkämpfen zu begleiten oder mit meiner Frau ein Klassikkonzert zu besuchen. Diese Momente sind für mich der wichtigste Ausgleich und geben mir Kraft.



