
Dr. Benjamin Tscheuschner setzt auf „menschliche Medizin“. Heißt: Er hört zu, blickt hinter die Kulissen und behandelt maximal vier Patientinnen und Patienten in der Stunde. Alle, die noch mehr Zeit mit ihm verbringen wollen, lädt er in die „Sprechstunde mit dem Leben“ ein, seinem Podcast. Was treibt ihn an?
Dr. Tscheuschner, was machen Sie anders?
Dr. Benjamin Tscheuschner: Wer zu mir in die Praxis kommt, soll das Gefühl haben: „Hier darf ich authentisch sein“. Ich versuche nicht nur den medizinischen Fall zu sehen, sondern auch den Menschen mit seiner individuellen Geschichte, die in diesen Tag hineinspielt. Zwei Beispiele: Eine Jugendliche darf sagen, dass sie heute keinen Bock hat, zur Schule zu gehen. Ein Erwachsener, dass es einen Konflikt am neuen Arbeitsplatz gibt und er sich nicht mehr traut dahin zu gehen. Ich möchte nicht behaupten, dass ich das anders als alle anderen Hausärzte und -ärztinnen mache, aber die Tendenz, nur die Symptome zu sehen, ist da – und ich habe das auch so gelernt.
Das kostet aber viel Zeit, oder?
Dr. Benjamin Tscheuschner: Die Medizin ist leider sehr schnell geworden. Sechs bis acht Termine pro Stunde sind inzwischen Standard in der hausärztlichen Praxis. Wir steuern da ein bisschen gegen. Bei uns sind es ungefähr drei bis vier. Es kommt aber nicht nur auf die Zeit an, sondern ob ich den Raum öffne für die Beziehung, wirklich zuhöre und den Termin nicht nur „abarbeite“.
So wenig Durchlauf, wie bekommen Sie das hin?
Dr. Benjamin Tscheuschner: Wir haben die Praxisstrukturen geändert: einiges outgesourct und die Kompetenzen des Personals stark erweitert, worüber sich das Team auch freut. Ich habe jetzt fast nichts mehr mit Impfen, Wundversorgung, Praxis- und Büromanagement, inklusive der Korrespondenz zum Steuerbüro, zu tun. Stattdessen bin ich nur noch für die ärztliche Tätigkeiten und die großen Entscheidungen der Praxisführung zuständig. Natürlich bringen weniger Termine auch ein Stück weit weniger Geld, was für mich aber nicht relevant ist. Mir ist wichtiger, dass meine Angestellten und ich gern zur Arbeit kommen. Dafür fahre ich dann auch lieber einen Volvo statt einen Porsche.
Wie gestalten Sie die Arzt-Patienten-Ansprache?
Dr. Benjamin Tscheuschner: Ich gehe unterschiedlich auf meine Patientinnen und Patienten ein, je nachdem was ich von ihnen schon weiß oder wahrnehme. Manchen stelle ich direkt eine tiefergehende Frage im Sinn von: „Was ist eigentlich hinter den Kulissen los?“ Andere möchten ebenfalls mehr gesehen werden, können das aber nicht formulieren. Da muss ich dann mehr dran „hebeln“. Und einige wollen nach drei, zwei Minuten wieder draußen sein. Das ist für mich auch in Ordnung. Ich möchte aber allen das Gefühl vermitteln, dass sie nicht „nur“ einem Arzt gegenübersitzen, weil das automatisch Distanz schafft, sondern auch einem Menschen.
Wie erreichen Sie diese Ebene?
Dr. Benjamin Tscheuschner: Ein anderer Mensch spürt, ob man sich als gleichwertig oder überlegen ansieht. Gerade, wenn es um sensiblere Themen geht, gebe ich daher auch ein Stück von mir preis. Leidet jemand zum Beispiel unter Burnout und meint, er sei allein auf der Welt, lasse ich durchblicken, dass dem nicht so ist und ich das aus eigener Erfahrung kenne.
Ist das nicht anstrengend?
Dr. Benjamin Tscheuschner: Ja, das muss ich ehrlich sagen. Ich kann nicht wie andere 35 Stunden Sprechstunde in der Woche machen, weil man deutlich aufmerksamer sein muss. Und ist das Vertrauen einmal da, erzählen die Leute ja auch. Da kommt einer wegen Schnupfen, Husten und lässt Nebensätze fallen wie „mit meiner Frau gibt es Probleme, und wir schlafen nicht mehr in einem Zimmer“. Mir passiert es sogar häufig, dass jemand sagt: „Ich kann mit niemanden so sprechen wie mit Ihnen“. Ich denke da zum Beispiel an eine junge Frau, die schon früh morgens trank, um durch ihren Alltag zukommen. Sie war total verzweifelt, weil sie wusste, wie destruktiv das für ihre Familie war. Solche Informationen muss ich auch erst einmal verarbeiten. Dann geht schon mal die Tür zu, und meine Angestellten wissen „okay jetzt braucht er mal kurz fünf Minuten.“
Ist so viel Nähe nicht eine Gradwanderung?
Dr. Benjamin Tscheuschner: Mein ehemaliger Chefarzt in der psychosomatischen Klinik gab mir den Rat: „Wir können uns alles anhören, sollten uns aber nie in Gedanken vorstellen, was da passiert“. Patientinnen und Patienten dürfen merken, dass mich das tangiert. Sie brauchen aber jemanden, an den sie sich anlehnen können, vor allem in schweren Zeiten. Das heißt, ich muss das auch (aus-)halten können. Allerdings gibt es durchaus Fälle, wo ich die ein oder andere Träne vergieße – nach dem Termin.
Hat Ihre Vorgehensweise Vorteile für die Behandlung?
Dr. Benjamin Tscheuschner: Sie wird effektiver. Wir kommen schneller dorthin, wo wir hinwollen. Das klingt jetzt ein wenig mechanisch, aber je mehr wir den Menschen sehen, desto eher öffnet er sich, weil er weiß, diese Praxis nimmt mich an, von der Anmeldung bis zum Arzt.
Wie kommt das Team mit diesem Anspruch zurecht?
Dr. Benjamin Tscheuschner: Man muss aufpassen, dass das Personal nicht darunter leidet. Menschlich sein heißt nicht, dass alle Wünsche erfüllt werden. Meine Praxismanagerin tickt ähnlich wie ich, wir haben unser Personal dementsprechend ausgesucht und weitergebildet. Doch der Hauptfaktor ist, wie wir miteinander umgehen. Das ist gar nicht so viel anders ist als in einer Familie. Was nützt die beste Erziehung, wenn die Eltern Wasser predigen und Wein trinken? Kinder imitieren die Handlungen, nicht die Worte.
Sollte man in jeder Disziplin so arbeiten?
Dr. Benjamin Tscheuschner: In der Allgemeinmedizin spielt das schon die größte Rolle, weil wir die Menschen teilweise so lang begleiten. Mehr Empathie ist aber auch in anderen Fachbereichen hilfreich, wie in der Neurologie oder der Orthopädie. Gerade Rückenschmerzen haben häufig eine andere Komponente. Und wenn Menschen sich gesehen fühlen, lindert das ihre Beschwerden bewiesenermaßen grundsätzlich.
Was würden Sie dem Nachwuchs raten?
Dr. Benjamin Tscheuschner: Zu entschleunigen, sich mal ein paar Minuten nehmen und reflektieren, was da gerade passiert ist – und dass unsere Patientinnen und Patienten genauso Menschen sind wie wir. Das klingt abwertend, als würden die jungen Leute das nicht wissen. Aber auch bei mir kam das in meinen Anfangszeiten nicht so richtig an. Ich weiß, dass das in der Klinik teilweise schwer umzusetzen ist. Aber wer es irgendwie möglich machen kann, sollte es versuchen. Das macht einen ein bisschen weicher.
Gab es bei Ihnen einen Schlüsselmoment?
Dr. Benjamin Tscheuschner: In der Klinik sagte ich einer Herzinfarkt-Patientin, sie solle abnehmen. Sie antwortete, sie sei schon immer übergewichtig gewesen und hätte das seit Jahrzehnten ändern wollen – ohne Erfolg. Da habe ich als junger Mann gedacht: „Mensch, das muss doch gehen und da sollte man doch...“ Ich konnte das nicht verstehen. Erst mit der Zeit begriff ich, dass wir alle unsere Kämpfe haben. Auch bei mir hat nicht alles so funktioniert, wie ich wollte. Irgendwann wusste ich: „Niemand macht das freiwillig im Sinne von ‚ich lebe jetzt mal ungesund‘“.
Muss man nicht ehrlich aufklären?
Dr. Benjamin Tscheuschner: Natürlich, aber es ist wichtig, das individuell zu formulieren. Nehmen wir als simples Beispiel einen Patienten mit Fettleber, der trinkt. Selbstverständlich ist es meine Pflicht, ihn aufzuklären, aber muss ich ihm das einprügeln? Bei einem Alkoholiker sollte ich im Hinterkopf haben, dass er das wohl nicht tut, weil er so großen Spaß dran hat. Wenn er bockt oder so frustriert ist, dass er die Zusammenarbeit beendet, hat niemand etwas gewonnen.
Wie stärken Sie die Compliance bei schwierigen Fällen?
Dr. Benjamin Tscheuschner: Ich habe Fälle, die wehren sich bei arterieller Hypertonie gegen die Medikation. Sie sagen, dass sie das schon irgendwie hinkriegen, ändern aber tatsächlich nichts. Andere mit koronarer Herzkrankheit wollen kein ASS nehmen. Ich bin dann schon ehrlich, versuche aber trotzdem einen Anknüpfungspunkt zu finden. Ich frage sie: „Für was wären Sie denn offen? Zu was wären Sie bereit?“ Das heißt, ich gehe nicht in den Vorschlagsmodus nach dem Motto „Sie sollten aber“, sondern frage umgekehrt: „Sie haben das jetzt gehört, was macht das mit Ihnen? Und wo würden Sie mitmachen?“
Gab es bei Ihnen einen Auslöser?
Dr. Benjamin Tscheuschner: Ich wuchs in sehr konservativen religiösen Strukturen auf, erlebte körperliche Gewalt, meine Grenzen wurden regelmäßig überschritten, sodass ich auf den absoluten Leistungstrip gekommen bin. Das war meine Überlebensstrategie. Das funktionierte jahrelang, ich war auch erfolgreich. Irgendwann merkte ich, wie viel Energie es mich kostet, dieses Leben aufrechtzuerhalten. Das führte 2017 zu einem riesigen Bruch in meinem Leben. Ich stieg aus, verlor dadurch nahezu alle Freundschaften, auch meine Familie ist nur noch bruchstückhaft vorhanden. Wer so an seine Grenzen kommt, denkt darüber nach, was man im Leben will, was wichtig ist.
Sie machen einen Podcast „Sprechstunde mit dem Leben“. Um was geht es da?
Dr. Benjamin Tscheuschner: Ich mag tiefe Gespräche wahnsinnig gern, aber meine Zeit ist begrenzt. Ich habe daher mein Sprechzimmer quasi um ein Podcast-Format erweitert. In den Solofolgen erzähle ich, was ich in meinem Leben und der Praxis erlebe, um mich menschlich näher zu bringen. In den Interview-Folgen lade ich verschiedenste Gäste ein, die Umbrüche erlebt haben. Wer mag, kann als Zuhörender mit in diese Sprechstunden kommen, mitfühlen und Resonanz spüren. Es hat einen großen Effekt, wenn man erfährt, dass auch andere Menschen über ähnliche Mauern gesprungen sind. Häufig ist das der erste Knackpunkt zur Veränderung, wenn man das Gefühl hat, okay zu sein – und zwar ohne to dos. Das Leben ist voll davon, was man besser machen sollte.
Zur Person:
Dr. Benjamin Tscheuschner ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Psychotherapeut, Ernährungsmediziner und Podcaster. 2017 übernahm er eine Hausarztpraxis in Althütte. Er arbeitet auch an einem Buch – einem psychologischen Roman zum Thema Identität mit autobiografischen Anteilen.



