Wut, Ärger & Co.: Negative Gefühle Arbeitsplatz – ein Tabu in der Klinik?

19 März, 2026 - 08:52
Gerti Keller
Junge Ärztin in einem weißen Arztkittel mit rotem Stethoskop hebt den Zeigefinger, im Hintergrund sind eine Uhr, eine Pflanze und ein Kittel zu sehen.

Sich aufregen, traurig sein, Frust runterschlucken: Solche Emotionen sind zutiefst menschlich und werden dennoch im Job nicht gern gesehen. Das ist ein Fehler, sagt Prof. Oliver Hoffmann. Denn sie sind wichtige Frühwarnsysteme für uns selbst, aber auch fürs Gesundheitssystem. Der Innovationspsychologe erklärt, was uns die vermeintlich negativen Gefühle sagen wollen und wie wir mit ihnen umgehen sollten.   

Viele Menschen, insbesondere Klinikmitarbeitende, leiden im Berufsalltag an Überforderung, sind total genervt, resignieren gar. Doch das zu zeigen, ist meist nicht angesagt. Wieso sind Gefühle am Arbeitsplatz überhaupt tabu?

Prof. Oliver Hoffmann: Emotionen gelten im Berufsleben schlichtweg als unprofessionell. Seit Jahrzehnten wird in der Unternehmenskultur der rein rationale Mensch propagiert, Gefühle werden als Ballast und unberechenbarer Störfaktor angesehen. Dabei verhält es sich genau umgekehrt. Die zentrale menschliche Eigenschaft ist die Emotionalität, die Ratio kommt sozusagen dazu. Der Neurowissenschaftler António Damásio formulierte treffend: „We are not thinking machines that feel, we are feeling machines that think“.

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Aber es gibt inzwischen doch zahllose Kurse zu Themen wie Achtsamkeit und Resilienz?

Prof. Oliver Hoffmann: In letzter Zeit haben sich die Gefühle zwar zurückgemeldet, aber nur als „Positivitätswahn“. In Coachings und Büchern werden Schlagworte wie Selbstwirksamkeit als Allheilmittel beschworen, um im modernen Leben zu bestehen. Das führt dazu, dass viele Menschen denken, nur das Positive sei wertvoll. Dabei ist „think positive“ oft die höfliche Variante von: „Stell dich nicht so an.“ Das Negative wird nach wie vor ausgeblendet.

Warum ist das Negative auch wichtig?

Prof. Oliver Hoffmann: Jedes Gefühl ist grundsätzlich erst einmal eins: Information – und die will beachtet und genutzt werden. Gerade die vermeintlich negativen geben uns wertvolle Hinweise. Starke Empfindungen wie Wut, Angst, Neid oder Resignation zeigen sehr gut eigene Defizite auf. Ich kann mich darin ergehen und nichts tun – oder erkennen, dass mir selbst etwas fehlt und konkrete Schritte unternehmen.

Was sagen mir diese negativen Emotionen denn?

Prof. Oliver Hoffmann: Ärger und noch stärker Wut machen mir mein großes Interesse an einer Sache bewusst. Sie sind ein Fingerzeig darauf, dass eine Grenze verletzt, eine Vereinbarung gebrochen, ich zum Beispiel systematisch übergangen wurde. Das ist eine Kraft, die stark zur Veränderung antreibt. Da steckt Power dahinter, die ich nutzen sollte! Was hingegen irrelevant für mich ist, wird mich nie aggressiv machen. Angst dagegen signalisiert mir deutlich, dass ich mich auf einem Feld bewege, das meine Ressourcen übersteigt. Dieses Warnsignal ist wie ein Telegramm, das in Großbuchstaben ruft: „Achtung. Hier stimmt was nicht“. Neurophysiologisch erzeugt Angst aber keine blinde Panik, sondern Vorsicht, Rückzug und Konzentration, um Fehler zu vermeiden. Die Frage ist nicht, wie werde ich sie los, sondern was übersehe ich gerade? Die Angst ist nicht das Problem, nur deren Ignoranz.

Aber Neid ist doch wirklich kleinlich…

Prof. Oliver Hoffmann: Nein! Dieses Gefühl ist so stark! Andererseits wird kaum eine andere Emotion mehr stigmatisiert. Dabei ist Neid gar nicht dazu da, uns zu zeigen, wie sehr wir anderen etwas nicht gönnen, sondern wie sehr uns etwas fehlt, wie weit wir noch von unserem Potenzial entfernt sind. Eine Ärztin, die neidisch auf die Beförderung einer Kollegin blickt, sollte die Emotion nicht schlucken, sondern sie lesen: Fehlt mir vielleicht eine wichtige Kompetenz? Nur die Verdrängung von Neid ist destruktiv, sie kann sich in Feindseligkeit verwandeln.

Und bei Resignation, da ist man doch eigentlich „schon drüber“?

Prof. Oliver Hoffmann: Ja, aber wer erkannt und akzeptiert hat, dass sich etwa Rahmenbedingungen nicht ändern lassen, kann daraus immerhin noch Konsequenzen ziehen. Kämpft ein Arzt zum Beispiel über Jahre hinweg wie Don Quijote gegen die deutsche Bürokratie, kann er eines Tages möglicherweise leichter ins Ausland gehen. Das schützt auch vor Zynismus, der entsteht, wenn man immer weiter macht, obwohl man längst ausgebrannt ist. In einem ökonomisch gesunden System wären die negativen Gefühle der Mitarbeitenden nicht nur für sie selbst, sondern für das ganze Unternehmen Frühwarnsignale. Die Führungsebene würde merken: Hier werden Grenzen überschritten, Ressourcen erschöpft und Werte verletzt. Passiert das nicht, bleibt die Performance nach außen noch eine Weile stabil, aber langfristig verliert man das „menschliche Kapital“. Trotzdem wird meist einfach weitergemacht nach dem Motto: „Das wird schon“, obwohl alle wissen, dass es nicht „wird“.

Was sind Alarmzeichen?

Prof. Oliver Hoffmann: Ein absolutes ist die zunehmende Expathie. Man kann das besonders gut in Kliniken beobachten: Pflegekräfte, die jahrelang auf Intensivstationen arbeiten, entwickeln nicht selten einen spröden Umgang mit den Patientinnen und Patienten. Außenstehende empören sich über diese vermeintliche Gefühllosigkeit. Doch in Wahrheit ist das ein Puffer, eine mentale Abkürzung, die verhindert, dass Mitgefühl in Überforderung kippt. Ohne diesen Panzer könnten sie gar nicht mehr weiterarbeiten. Soziale Kälte schützt jedoch nur, wenn sie episodisch bleibt, wird sie chronisch, zerstört sie uns. Gerade was das Klinikpersonal anbelangt, sehe ich häufig, dass sich die Leute mit ihrer unbewussten Abgrenzung von den Kranken gar nicht auseinandergesetzt haben. Hier kann man zum Beispiel in Schulungen Fähigkeiten erwerben, um diesem Phänomen wenigstens einigermaßen Herr zu werden.

Was kann ich selbst noch für mich tun?

Prof. Oliver Hoffmann: Das Beste ist, Verbindlichkeiten zu anderen Menschen aufzubauen. Der Weg aus der Kälte führt nicht über große Gesten, sondern über kleine Verpflichtungen. Ein wöchentliches Treffen, ein fixer Abend mit Freunden, ein kurzer Check-In mit Kolleginnen und Kollegen. Im Arbeitsalltag kann man zum Beispiel Mikroroutinen ändern. Dafür müssen Sie das eigene Verhalten besonders aufmerksam beobachten. Ein weiterer Tipp: Führen Sie ein Affekt-Tagebuch, in dem Sie zum Beispiel die fehlende Rückendeckung durch Vorgesetzte notieren. Die Verschriftlichung hilft, die Gefühle einzuordnen und der eigenen Wahrnehmung zu trauen. Wer chronisch müde, genervt oder besorgt ist, hat keinen „falschen Fokus“, weil er die Umstände nicht als Herausforderung betrachtet, sondern ein toxisches Verhältnis zu den tatsächlichen Anforderungen.

Aber wenn es inzwischen doch vielen so geht, warum ändert sich so wenig?

Prof. Oliver Hoffmann: In der Regel hat sich das Kollektiv meist auf Harmonie geeignet. Niemand möchte derjenige sein, der „negative Energie“ in den Raum bringt. Deswegen werden auf Besprechungen und Meetings diese Punkte nicht angesprochen, zumindest nicht ausführlich genug. Dadurch bekommt auch die Führungskraft zu wenig Informationen. Und so stehen immer mehr Elefanten im Raum. Klarheit bedeutet, Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Wo das Negative ausgefiltert wird, entstehen weichgespülte Formulierungen, die niemandem wirklich wehtun und deshalb auch nichts verändern.

Die Folgen?

Prof. Oliver Hoffmann: Wer stets seine negativen Gefühle negiert, verliert den Zugriff auf sein eigenes Frühwarnsystem. Man funktioniert weiter – und merkt immer später, dass etwas nicht mehr zu ertragen ist. Der unausgesprochene Ärger, die unadressierten Kränkungen und die leise Angst verschwinden nicht, weil niemand darüber spricht. Sie sammeln sich stattdessen an und entladen sich irgendwann als zynische Distanz oder einer Kündigung „aus heiterem Himmel“. Selbst die Ausfallerscheinungen werden ökonomisch verklärt. Ein Burnout gilt fast als Ritterschlag, da hat einer wieder mal alles gegeben. Allerdings hat der medizinische Beruf bei all den Belastungen einen riesigen Vorteil.

Welchen?

Prof. Oliver Hoffmann: Die großen Sinnfragen entstehen selten an sonnigen Stränden, sondern eher in Praxen und Krankenhäusern. Eine Ärztin auf einer Intensivstation mag bestimmt nicht jeden Tag im Wortsinn glücklich sein, aber sie erlebt, dass ihre Arbeit einen Unterschied macht. Der Neurologe und Psychiater Viktor Frankl formulierte es sehr zugespitzt: „Wer ein warum zu leben hat, erträgt fast jedes wie“. Hoffen wir, dass das „fast“ belastbar genug ist. 

Der Experte:

Prof. Oliver Hoffmann

Oliver Hoffmann ist Professor für Innovationsmanagement sowie Experte für Wirtschaftspsychologie. Er unterrichtete bereits an verschiedenen Universitäten, unter anderem in Shanghai an der Tongji und der LMU in München. Er berät Unternehmen und hat etliche Bücher veröffentlicht. Aktuell: Negative Psychologie – wie Angst, Zweifel und Scheitern zu essenziellen Ressourcen werden: Ein praktischer Gegenentwurf zum Diktat der Positiven Psychologie. ISBN: 978-3869808109. Mehr Infos: www.thetaeos.com

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