Schwindeln im Sprechzimmer: Was Patientinnen und Patienten beim Arzttermin verschweigen

16 April, 2026 - 07:20
Stefanie Hanke
Ein älterer Mann in einem Gespräch mit einem Arzt, der ein Klemmbrett hält und Notizen macht. Beide sitzen an einem Schreibtisch in einem hellen Raum.

Gewicht? Alkoholkonsum? Häufigkeit der Symptome? Im Arzt-Patienten-Gespräch zählen Details, um eine passende Diagnose und Therapie zu finden. Trotzdem haben 31 Prozent der Deutschen beim Arztbesuch schon mal geschwindelt oder Informationen verschwiegen. Das geht aus einer aktuellen YouGov-Umfrage im Auftrag von Doctolib hervor. An der Befragung im März 2026 nahmen 1.043 Erwachsene ab 18 Jahren teil.

Besonders häufig sind junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahre nicht ehrlich zu ihrem Arzt oder ihrer Ärztin: 45 Prozent gaben bei der Befragung an, wichtige Informationen für sich behalten oder nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Dagegen sind es bei den Älteren über 55 Jahre nur 24 Prozent. Auch zwischen den Geschlechtern gibt es Unterschiede: Männer schweigen seltener (28 Prozent) als Frauen (34 Prozent).

Symptome, Stress, psychische Beschwerden: Das wird verschwiegen

Und welche Themengebiete werden am häufigsten nicht angesprochen? Mehr als jeder und jede Vierte (27 Prozent) gab an, zu Beschwerden und Symptomen nicht alle Informationen an den Arzt oder die Ärztin weitergegeben zu haben. Ähnlich oft werden private und soziale Umstände wie Stress, finanzielle Sorgen oder Familienkonflikte verschwiegen (26 Prozent). Und auch die mentale Gesundheit bzw. psychische Beschwerden bleiben oft unerwähnt: 24 Prozent sprachen diese Themen nicht an.

Und auch über den persönlichen Lebensstil möchten einige beim Arzttermin nicht gern sprechen: Fragen zu Tabakkonsum (17 Prozent), Gewicht (16 Prozent), Bewegung (14 Prozent), Ernährung (13 Prozent) und Alkoholkonsum (12 Prozent) wurden von vielen nicht ehrlich oder vollständig beantwortet.

 

 

Hauptmotive: Angst und Scham

Es sind häufig emotionale Gründe, die sie davon abhalten, dem Arzt oder der Ärztin alle Informationen zu geben. Bei 35 Prozent derjenigen, die beim Arztbesuch schon mal Informationen verschwiegen haben, spielt die Angst vor Verurteilung oder negativer Bewertung die größte Rolle. Aber auch Scham und Peinlichkeit sind ein wichtiges Motiv (31 Prozent). 30 Prozent hielten die zurückgehaltenen Informationen für irrelevant. Besonders schade: 17 Prozent hatten das Gefühl, aus Zeitdruck nicht alle relevanten Informationen teilen zu können, 15 Prozent gaben an, nicht genug Vertrauen zu ihrem Arzt oder ihrer Ärztin zu haben.

Dabei ist der großen Mehrheit (87 Prozent) bewusst, dass das unangenehme gesundheitliche Folgen haben könnte: Jeweils 44 Prozent der Befragten nannten eine falsche Diagnose oder eine falsche bzw. unwirksame Behandlung als mögliche Konsequenzen. 41 Prozent ist bewusst, dass es dadurch zu einer Verschlechterung der Erkrankung kommen kann.

Ärztinnen und Ärzte: Ehrliche Kommunikation ist wichtig

Parallel wurden auch mehr als 300 niedergelassene Ärztinnen und Ärzte befragt. Für zwei Drittel (67 Prozent) ist eine ehrliche Kommunikation wichtig oder sehr wichtig, wenn es um den Behandlungserfolg geht. Trotzdem hatten 31 Prozent bei der Hälfte, teilweise sogar bei fast jedem Termin das Gefühl, dass Patientinnen und Patienten nicht die volle Wahrheit sagen. 

Und auch die Ärztinnen und Ärzte sehen ernsthafte Folgen, wenn ihnen wichtige Informationen vorenthalten werden: Gut zwei Drittel (34 Prozent) nennen falsche oder verzögerte Diagnosen als häufigste Konsequenz. Für 31 Prozent ergibt sich ein Vertrauensverlust in der Arzt-Patienten-Beziehung, 30 Prozent sehen die Gefahr von unwirksamen Behandlungen.

Was sich Patientinnen und Patienten wünschen 

Aber was muss passieren, damit Patientinnen und Patienten in der Sprechstunde ehrlich über ihre Situation sprechen? Der wichtigste Wunsch ist hier, dass sich Ärztinnen und Ärzte mehr Zeit für das Gespräch nehmen: 40 Prozent der Befragten ist das wichtig. 35 Prozent wünschen sich von ihren Ärztinnen und Ärzten mehr Empathie und Einfühlungsvermögen sowie ein besseres Vertrauensverhältnis (30 Prozent). 

Und auch die Digitalisierung könnte helfen, Scham und Angst vor Verurteilung abzubauen: Digitale Vorab-Fragebögen werden insgesamt von 57 Prozent derjenigen, die schon einmal nicht die Wahrheit gesagt haben, positiv bewertet. 40 Prozent gaben an, sie würden in so einem Fragebogen ehrlicher antworten als im persönlichen Gespräch.

Quelle: "Jede:r dritte Deutsche verschweigt Medizinern wichtige Informationen: Angst und Scham sind Hauptgründe", YouGov-Befragung im Auftrag von Doctolib, April 2026

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