Selbstfürsorge: Eine sichere Medizin braucht gesunde Ärztinnen und Ärzte

9 Dezember, 2025 - 06:55
Prof. Dr. med. Alexander Ghanem
Illustration einer Frau mit langen blauen Haaren, die ein großes rotes Herz umarmt, symbolisiert Selbstliebe und emotionale Geborgenheit.

Selbstfürsorge ist ein Schlüsselfaktor für Patientensicherheit, Leistungsfähigkeit und die Attraktivität des Arztberufs. Sie betrifft alle Altersgruppen, Versorgungsebenen, Geschlechter und Arbeitsmodelle – vom jungen Assistenzarzt bis zur erfahrenen niedergelassenen Kollegin.

In der ärztlichen Kultur wird Selbstfürsorge noch immer zu häufig als private Entscheidung betrachtet. Tatsächlich ist sie ein zentraler Bestandteil professioneller Verantwortung und sollte nicht nur als persönliche Kompetenz, sondern als professionelle und strukturelle Kernaufgabe verstanden werden. Denn das Vernachlässigen eigener Bedürfnisse wirkt sich unmittelbar auf Patientensicherheit, Teamfunktion und die langfristige Arbeitsfähigkeit aus.

Besonders gefährdet sind vor allem junge Ärztinnen und Ärzte, die zu Beginn ihrer Laufbahn hohe Leistungsansprüche an sich selbst stellen, ebenso wie erfahrene Kolleginnen und Kollegen, die nach Jahrzehnten im Dienst ein erhöhtes Risiko für Erschöpfung und Burn-out tragen. Auch Teilzeitkräfte und Niedergelassene stehen vor der Herausforderung, Berufs- und Privatleben flexibel zu gestalten, häufig ohne strukturelle Unterstützung durch Fachgesellschaften, Krankenhausträger oder Berufsverbände.

Ausdruck systemischer Ermüdungskultur

Übermüdung, emotionale Erschöpfung und chronischer Stress erhöhen nachweislich das Risiko für Behandlungsfehler, Kommunikationsprobleme und Fehlentscheidungen. Die Ursachen dafür liegen selten in der mangelnden Qualifikation von Ärztinnen und Ärzten, sondern meist in einer Überforderung. Im klinischen Alltag können sich die Folgen in kleinen Momenten zeigen: ein übersehener Laborwert am Ende einer Zwölf-Stunden-Schicht, ein missverständlicher Medikamentenplan in der Hektik der Übergabe oder aber eine verwechselte Blutgruppe beim Bedside-Test in der Nacht.

31.12.2025, KMG Klinikum Thüringen Brandenburg GmbH - Klinikum Sondershausen
Sondershausen

Solche Situationen sind keine Einzelfälle, sondern Ausdruck einer systemischen Ermüdungskultur. Patientensicherheit beginnt daher nicht bei der Checkliste, sondern bei der Regeneration der Behandelnden. Feste Ruhezeiten, verlässliche Dienstpläne und psychosoziale Unterstützungsangebote sind keine Komfortmaßnahmen, sondern sie sind essenzielle Sicherheitsstrukturen. Gesunde Ärztinnen und Ärzte sind die Voraussetzung für eine sichere Medizin – und damit Teil des professionellen Qualitätsauftrags.

Investition in ein stabiles Versorgungssystem

Funktionierende Gesundheitssysteme brauchen langfristig leistungsfähige Fachkräfte. Personalmangel, Frühverrentung und Burn-out sind keine zufälligen Entwicklungen, sondern Symptome einer dauerhaft überlasteten Berufsgruppe. Präventive Selbstfürsorge ist deshalb kein Selbstzweck, sondern eine Investition in die Stabilität des Versorgungssystems. Bereits kleine Routinen können im Alltag ihre Wirkung entfalten:

  • Bewegung als Übergangsritual: Der Arbeitsweg mit dem Fahrrad oder ein kurzer Spaziergang nach Dienstschluss schaffen mentale Distanz und unterstützen den Stressabbau.
  • Mikropausen im Arbeitsalltag: Eine Minute bewusste Atmung zwischen zwei Patientengesprächen senkt nachweislich das Stressniveau.
  • Klare Feierabendgrenzen: Die bewusste Trennung zwischen Arbeits- und Erholungszeit schützt vor der schleichenden Dauerverfügbarkeit, die in vielen medizinischen Bereichen zur Norm geworden ist.

Solche Gewohnheiten sind keine Wellnessübungen, sondern Bausteine professioneller Nachhaltigkeit. Wer langfristig leistungsfähig bleiben will, braucht Freiräume zur Regeneration – individuell und institutionell. Denn die Stabilität des Gesundheitssystems hängt unmittelbar von der Gesundheit seiner Fachkräfte ab.

Führungskräfte tragen besondere Verantwortung

Kultureller Wandel im Gesundheitswesen beginnt nicht mit Appellen, sondern mit Vorbildern. Wenn erfahrene Ärztinnen und Ärzte offen zeigen, dass sie Pausen ernst nehmen, Wochenenden schützen und Urlaub als notwendige Regeneration begreifen, sendet das ein starkes Signal an jüngere Kolleginnen und Kollegen: Selbstfürsorge ist Ausdruck von Professionalität, nicht von Schwäche.

Führungskräfte tragen dabei besondere Verantwortung. Wer Anrufe außerhalb der Arbeitszeit begrenzt oder Teams dazu ermutigt, Pausen tatsächlich zu nutzen, verändert gelebte Routinen. Auch in der Niederlassung können Ärztinnen und Ärzte durch bewusste Organisation zeigen, dass sich Effizienz und Erholung nicht ausschließen. So entsteht eine Kultur, in der Selbstfürsorge nicht zur individuellen Ausnahme, sondern zur selbstverständlichen Team-Norm wird – und damit den Weg für strukturelle Veränderungen ebnet.

Verbindliche Strukturen in allen Bereichen

Individuelle Strategien sind notwendig, reichen jedoch nicht aus. Selbstfürsorge darf nicht länger als eine ausschließlich persönliche Aufgabe verstanden werden. Sie muss Bestandteil professioneller Rahmenbedingungen werden. Fachgesellschaften können dazu Mindeststandards formulieren, etwa zu Ruhezeiten, Rotationsmodellen, Resilienzförderung oder empfohlenen Pausenzeiten. Krankenhausbetreibende sind gefordert, verbindliche Strukturen zu schaffen. Planbare Arbeitszeiten, feste Pausen, Rückzugsräume und psychosoziale Unterstützung müssen organisatorischer Standard sein. Auch Berufsverbände und Gewerkschaften können mit tarifpolitischen Maßnahmen dazu beitragen, etwa durch das Begrenzen von Dienstlängen, verpflichtende Ruhezeiten und die Integration von Self-Care-Elementen in Tarifverträge.

31.12.2025, Jüdisches Krankenhaus Berlin
Berlin
31.12.2025, Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG)
München

Selbstfürsorge sollte daher nicht als Kür individueller Selbstoptimierung angesehen werden, sondern vielmehr als institutionalisierte Pflicht und Voraussetzung für Patientensicherheit und Systemstabilität gelten. Damit sie im ärztlichen Alltag tatsächlich gelebt werden kann, braucht es verbindliche Strukturen, die alle Versorgungsbereiche und Lebensphasen berücksichtigen. Fachgesellschaften, Krankenhausleitungen und Berufsverbände tragen gemeinsam Verantwortung, damit Selbst- und Patientenschutz künftig als zwei Seiten derselben professionellen Haltung wahrgenommen werden.

Dtsch Arztebl 2025; 122(25): [2]

Der Autor:

Prof. Dr. med. Alexander Ghanem
Chefarzt Innere Medizin II
Kardiologie & internistische Intensivmedizin
Asklepios Klinik Nord
22417 Hamburg

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