Sexuelle Gesundheit in Schulen: Wenn Ärztinnen und Ärzte das unterrichten, was niemand sonst tut

12 Februar, 2026 - 07:13
Miriam Mirza
Klassenzimmer mit Schülern, zwei Lehrkräfte demonstrieren mit Puppen und Modellen vor einer Tafel und einer dekorierten Wand.

Pornografie auf dem Schulhandy, HPV-Impfungen, die missverstanden werden, und Fragen, die im Biologieunterricht untergehen. Die Lücken in der sexuellen Gesundheitsbildung junger Menschen sind erheblich. Die Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e.V. (ÄGGF) arbeitet seit über 70 Jahren daran, diese Lücken zu schließen. Ihre Mitgliederinnen und Mitglieder gehen in Grundschulen und weiterführende Schulen bis in Berufsschulen und klären auf. Nicht digital, nicht als Randthema, sondern im direkten Kontakt, getrennt nach Geschlecht, mit Zeit, Ruhe und der Expertise von Fachleuten, die wissen, wie man über sensible Themen spricht. 

In einer Zeit, in der die Gesundheitskompetenzen der Menschen dramatisch sinken, ist die Aufklärung über sexuelle Gesundheit ein sehr wichtiges Thema, das jedoch angesichts fortlaufender Streichungen von öffentlichen Geldern ins Hintertreffen zu geraten droht.

Was Jugendliche wirklich wissen wollen

An diesem Dezembermorgen steht Dr. Heike Kramer vor einer sechsten Klasse Jungs. Seit fast 35 Jahren ist sie im Einsatz. Die Szene ist alltäglich und gleichzeitig symptomatisch für die Lage. Einer der Schüler erzählt, dass er sich gegen HPV impfen lassen wollte, damit er keine Mädchen ansteckt. Kramer fragt: „Weißt du auch, dass du dich selbst schützt?“ Das Schweigen im Raum ist die Antwort. 

Diese Situation ist kein Einzelfall. Seit der Einführung der HPV-Impfung für Jungen wurde der Impfstoff viel zu lange als Gebärmutterhalskrebs-Impfung kommuniziert. Ein Begriff, der den Blick verengt und Jungen das Gefühl vermittelt, die Impfung sei etwas, das andere, vor allem Mädchen, betrifft. Für schwule Jugendliche gilt das besonders. Viele verstehen nicht, dass sie selbst zu den Gruppen gehören, für die HPV ein hohes Risiko darstellt. 

Kramer sagt klar: „Es muss HPV-Impfung heißen. Nur dann lässt sich erklären, dass der Schutz nicht nur den Gebärmutterhals betrifft, sondern auch vor Peniskrebs, Analkrebs sowie Krebs im Mund-Rachen-Bereich schützt.“ Diese Präzision ist entscheidend. Wer medizinisch arbeitet, weiß, dass falsche Kommunikation genauso schadet wie fehlende Aufklärung. Im Gespräch über die Folgen von HPV entstehen übrigens gar nicht so selten beängstigende Vorstellungen in den Köpfen der Heranwachsenden, auf die man selbst nie kommen würde. 

Sie berichtet von einer Situation, in der folgende Fragen aufkam: „Kann es sein, wenn die Folgen vor allem im Intimbereich wie Penis, Vulva, Vagina sind, dass die Impfung dann auch dorthin gegeben wird?“ Durch das Klopfen auf den Oberarm und den kurzen Satz, „wie alle Impfungen kommt die in den Oberarm“, verschwand die Angst schnell wieder. In solchen Momenten spiegelt sich Erleichterung in mehreren Gesichtern. „Man muss nur wissen, dass es diese Sorgen gibt, um entlastend kommunizieren zu können“, findet Kramer.

Wie Pornografie Normen setzt

In der sechsten Klasse haben viele bereits pornografische Inhalte gesehen – gewollt und ungewollt –, aber alle kennen sie. Wenn Kramer erklärt, warum Pornografie keine Anleitung ist, benutzt sie Vergleiche, die Kinder verstehen. Pornografie sei wie Superman, der vom Hochhaus springt und einfach weiterläuft. Jeder wisse, dass es nicht echt ist, weil alle schon mal Erfahrungen mit Springen gemacht haben und deshalb niemand selbst aus einem Hochhaus hechtet. Beim Thema Sex fehlt diese Vergleichsmöglichkeit. Es liegt oft noch keine eigene reale Erfahrung vor, an der sich Jugendliche orientieren könnten.

Das Ergebnis sind falsche Vorstellungen über Körper, über Abläufe und über Erwartungen. Normen entstehen nicht aus Wissen, sondern aus Bildern. Gerade bei Jungen führt das zu großem Druck. Ein Neuntklässler vertraute Kramer einmal nach dem Unterricht an, dass er keine Lust mehr auf Sex habe. Seine sexuelle Erregbarkeit funktionierte nur noch mit Pornografie. Für die Ärztin war sofort klar, wie ernst diese Aussage ist. Sie hatte zumindest den Raum geschaffen, in dem der Junge diese Sorge äußern konnte.

Warum getrennte Gruppen unverzichtbar sind

Die ÄGGF arbeitet bewusst mit getrennten Gruppen. Die Logik dahinter ist einfach: Heranwachsende brauchen einen geschützten Rahmen. Ein Junge wird nicht fragen, ob seine Vorhaut zu eng ist, wenn Mädchen anwesend sind. Umgekehrt wird sich ein Mädchen nicht trauen, zu fragen, wie ein Tampon eingeführt wird, wenn nebenan Jungs kichern. In den Mädchengruppen geht es oft um andere Themen. Scham, Körpergefühle, verzerrte Schönheitsideale, die durch soziale Medien noch verstärkt werden, das Gefühl, nicht normal zu sein. 

Wenn die Gruppen nach Geschlecht getrennt sind, wird ebensolchen Unsicherheiten Raum gegeben. Gerade Ärztinnen und Ärzte wissen, dass Vertrauen nicht durch PowerPoint-Präsentationen entsteht, sondern durch eine Atmosphäre, in der Fragen gestellt werden dürfen und diese dann auch wertschätzende und verständliche Antworten erhalten.

Die 90 Minuten, die ihnen mit den Jugendlichen zur Verfügung stehen, sind bewusst dialogorientiert. Anatomie kommt vor, aber nicht als trockener Stoff. Wenn Kramer den Jungen erklärt, warum ein Tritt in die Hoden in den Bauch zieht, erklärt sie den Weg der Hodenwanderung und schafft gleichzeitig ein Gefühl von Normalität für ein Thema, das sonst als peinlich gilt. Medizinisches Wissen wird zu etwas, das Jugendliche unmittelbar betrifft.

„Wir arbeiten nach dem Prinzip, dass wir immer mit dem beginnen, was den Heranwachsenden aktuell wichtig ist. Das greifen wir auf und verknüpfen es mit den für die jeweilige Zielgruppe objektiv relevanten Gesundheitsinformationen.“ Auf diese Weise schaffen es die Ärztinnen und Ärzte, auch mit eigentlich schwer erreichbaren pubertierenden Jungen über Themenbereiche von Pornographie über die Relevanz der HPV-Impfung bis hin zu FASD (fetale Alkoholspektrumstörungen) zu sprechen. Dazu reicht oft eine einfache Frage wie „Wie machen die das denn eigentlich mit der Verhütung im Porno?“ Das eröffnet einen neuen Dialog. „Von hier aus auf Verhütung und Schutz durch Impfung zu gelangen ist ein kurzer Weg“, sagt Kramer. 

120 Mitglieder, 7.500 Veranstaltungen und ein strukturiertes Qualitätsmodell

Der Verein hat derzeit rund 120 Mitglieder, überwiegend Ärztinnen, die in allen Schulformen unterrichten, von der vierten Klasse bis zur Berufsschule. Jährlich entstehen rund 7.500 Infostunden. Der Verein hat sich  mindestens 10.000 zum Ziel gesetzt. Dafür braucht es mehr Mitstreiterinnen und Mitstreiter, aber vor allem mehr finanzielle Mittel.

Wer sich engagieren will, durchläuft ein strukturiertes Onboarding. Es umfasst Gespräche, Hospitationen, didaktische Materialien und ein Paten-System. Um Routine zu entwickeln, sollten Ärztinnen und Ärzte vormittags Zeit für regelmäßige Schuleinsätze haben. Wenige sporadische Termine pro Jahr helfen kaum, da pädagogische Sicherheit und das Gefühl für die Gruppen erst durch Wiederholung entstehen.

„Wer sich zeitlich nicht engagieren kann, ist als Fördermitglied hochwillkommen“, betont, Kramer und fährt fort: „denn viele kleine Beiträge tragen auch zum Erfolg bei und lassen die Gesundheitskompetenz und die Gesundheit junger Menschen wachsen.“

Die unterschätzte wirtschaftliche Dimension von Prävention

Eines der größten Probleme ist die fehlende Finanzierung. Immer mehr öffentliche Gelder werden gekürzt, Ministerien agieren vorsichtig und die frühere Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung war lange Zeit administrativ blockiert. Nur wenige Krankenkassen sehen eine Möglichkeit, gemeinsame Projekte durchzuführen. Bei Stiftungen muss der Satzungszweck exakt passen und Unternehmen suchen häufig Förderziele mit lokalem Bezug oder kurzfristigen Ergebnissen. Das macht es dem Verein schwer, an die nötigen finanziellen Ressourcen zu kommen.

Die negativen Folgen treffen jedoch alle. Die Ärztinnen und Ärzte der ÄGGF klären nicht nur über Sex auf. Sie sprechen über sexuell übertragbare Erkrankungen, über Einvernehmlichkeit, über Konsens, über FASD, über Gewalt, über Risikoverhalten und über die Fähigkeit, die eigenen Grenzen zu erkennen. Es geht um Prävention im umfassendsten Sinn.

Gerade FASD zeigt die Dimension. Vierzehntausend Babys kommen in Deutschland jedes Jahr mit fetalem Alkoholsyndrom zur Welt. Achtzig Prozent von ihnen werden nie selbstständig leben können. Die wirtschaftlichen Schäden sind enorm. Ein Kind mit FASD kostet nach US-Studien zwei Millionen Dollar im Laufe eines Lebens. Wenn nur die Hälfte dieser Fälle durch Aufklärung verhindert würde, könnten die eingesparten Summen unzählige Bildungsprogramme finanzieren. Kramer kritisiert: „So denken die wenigsten. Dabei wäre es so einfach. Schwanger – Alkohol? Kein Schluck. Kein Risiko.“

Warum der persönliche Kontakt unersetzlich ist

Digitale Bildungsangebote können helfen, Informationen bereitzustellen, aber sie können das Gespräch nicht ersetzen. Die Ärztin berichtet, dass sie im direkten Kontakt sieht, wann ein Thema peinlich wird, wann jemand Verständnisprobleme hat oder wann ein Blick bedeutet, dass etwas nicht stimmt.

Auch bei Elternabenden zeigt sich die Bedeutung von Präsenz. Das Angebot des Vereins stößt auf großes Interesse. Im Anschluss an Termine für Erwachsene entstehen Gespräche, die es in digitalen Formaten nicht geben würde. Manche Eltern fragen erst dann, was sie sich vorher nicht zu fragen trauten.

Und manchmal sind es die leisen Momente, die den größten Unterschied machen. Eine Schülerin vertraute einer Kollegin an, dass sie zu Hause Gewalt erlebt. Die Ärztin konnte sofort reagieren. Ein Junge erzählte, dass er nicht wusste, was der erste Samenerguss sei. Erst in der Stunde erfährt er, dass es völlig normal ist und ist mehr als erleichtert. Junge Mädchen zu Beginn der Pubertät atmen sichtbar aus, wenn sie erfahren, dass der kleine Knubbel unter der Brust sicher kein Brustkrebs ist, sondern die sich entwickelnde Brustdrüse. Diese Situationen entstehen nur, wenn jemand im Raum ist, der Vertrauen schafft.

Was Ärztinnen und Ärzte tun können

Damit die ÄGGF ihre wichtige Aufklärungsarbeit weiterführen kann, braucht der Verein neue Mitglieder. Besonders gesucht werden Kolleginnen und Kollegen in den östlichen Bundesländern, wo es bisher kaum Angebote gibt. Wer sich engagieren möchten, kann sich mit einem Lebenslauf und Motivationsschreiben direkt an die ÄGGF wenden. Vorausgesetzt werden die Approbation, Freude an der Arbeit mit jungen Menschen und die Bereitschaft, längerfristig und mindestens ein Mal die Woche mitzuwirken. Neu hinzugekommene Medizinerinnen und Mediziner durchlaufen zuerst einen Onboarding-Prozess, in dem sie auf die Unterrichtssituation in der Schule vorbereitet werden. „Und, wie wir alle in der ÄGGF uns fortlaufend zu den vielfältigen Themen rund um die sexuelle und reproduktive Gesundheit sowie Pubertät und Erwachsenwerden in der Entwicklung aller Geschlechter fortbilden, gehört dies von Anfang an dazu“, erzählt Kramer.

Die Arbeit der ÄGGF steht durch regelmäßige Evaluationen auf wissenschaftlich fundierten Füßen. Vorher-Nachher-Befragungen mit Wartekontrollgruppen zeigen klare Effekte auf Wissen, Verhaltensabsichten und Selbstwirksamkeit. Was nicht direkt messbar ist, sind langfristige Effekte wie weniger ungeplante Schwangerschaften oder weniger Gewaltbetroffene. Doch die Ärztinnen und Ärzte machen jeden Tag die praktische Erfahrung, dass Aufklärung eine der effektivsten Formen von Prävention ist.

Kramer war bis Anfang dieses Jahres Vorstandsvorsitzende der ÄGGF. Heute ist sie im Semi- Ruhestand, hat aber nicht aufgehört. Sie empfindet diese ehrenamtliche Arbeit als besonders sinnstiftend. Wenn ein Neuntklässler nach dem Unterricht bleibt und sagt, dass er noch einmal mit jemandem sprechen muss, dann weiß sie, warum sie diese Arbeit tut.

Weitere Infos  unter www.aeggf.de.

Sexuelle Gesundheitsbildung in Schulen

Worum geht es in diesem Beitrag?
Der Beitrag beschreibt, wie Ärztinnen und Ärzte der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e. V. (ÄGGF) seit Jahrzehnten sexuelle Gesundheitsbildung an Schulen durchführen. Im Fokus stehen persönliche Aufklärung, Prävention und der direkte Dialog mit Kindern und Jugendlichen.

Warum ist sexuelle Gesundheitsaufklärung in Schulen wichtig?
Viele Jugendliche erhalten ihr Wissen über Sexualität aus Pornografie oder sozialen Medien. Fehlendes medizinisches Wissen führt zu falschen Vorstellungen über Körper, Sexualität, Verhütung und sexuell übertragbare Erkrankungen. Ärztlich begleitete Aufklärung kann Wissenslücken schließen und Unsicherheiten abbauen.

Welche Rolle spielen Ärztinnen und Ärzte in der schulischen Sexualaufklärung?
Ärztinnen und Ärzte bringen medizinische Expertise, Erfahrung im sensiblen Gespräch und Glaubwürdigkeit mit. Sie können komplexe Themen wie HPV-Impfung, Pubertät, Konsens, FASD oder sexuelle Gesundheit verständlich und angstfrei erklären.

Warum arbeitet die ÄGGF mit getrennten Gruppen?
Getrennte Gruppen schaffen einen geschützten Raum, in dem Kinder und Jugendliche Fragen stellen können, die sie in gemischten Gruppen oft nicht äußern würden. Das erhöht Offenheit, Vertrauen und Lernerfolg.

Was leistet die ÄGGF konkret?
Die ÄGGF organisiert jährlich rund 7.500 Aufklärungsstunden an Schulen in ganz Deutschland. Etwa 120 überwiegend ärztliche Mitglieder unterrichten in Grundschulen, weiterführenden Schulen und Berufsschulen nach einem strukturierten Qualitätsmodell mit Evaluation.

Welche Themen werden behandelt?
Die Inhalte reichen von Pubertät, Körperwissen und Verhütung über Pornografie, sexuelle Grenzverletzungen und Konsens bis hin zu Prävention von sexuell übertragbaren Erkrankungen, HPV und fetalen Alkoholspektrumstörungen (FASD).

Warum ist Prävention auch wirtschaftlich relevant?
Frühe Aufklärung kann hohe Folgekosten im Gesundheits- und Sozialsystem reduzieren. Besonders bei FASD zeigen Studien, dass präventive Maßnahmen erhebliche langfristige Kosten vermeiden könnten.

Warum reicht digitale Aufklärung allein nicht aus?
Digitale Angebote vermitteln Informationen, ersetzen aber kein persönliches Gespräch. Ärztinnen und Ärzte können im direkten Kontakt Unsicherheiten erkennen, Vertrauen aufbauen und in sensiblen Situationen unmittelbar reagieren.

Wie können Ärztinnen und Ärzte die Arbeit der ÄGGF unterstützen?
Medizinerinnen und Mediziner können sich aktiv engagieren oder Fördermitglied werden. Voraussetzung für den Unterricht sind Approbation, Freude an der Arbeit mit Jugendlichen und regelmäßige Verfügbarkeit. Weitere Informationen finden sich unter www.aeggf.de

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