Steuerung vor der Notaufnahme: Strukturmodelle zur Entlastung von Klinikärztinnen und Klinikärzten

2 April, 2026 - 08:39
Miriam Mirza
Wegweiser mit Beschriftung „Notaufnahme“ und „Kinderklinik“, ergänzt durch rote Kreuz-Symbole, die auf medizinische Einrichtungen hinweisen.

Freitagabend, kurz vor 20 Uhr. Im Wartebereich der Notaufnahme sitzen Menschen mit sehr unterschiedlichen Beschwerden. Ein fieberndes Kind, eine Patientin mit seit Tagen bestehenden Rückenschmerzen, ein junger Mann mit Halsschmerzen. Parallel wird ein akut lebensbedrohlicher Fall versorgt. Solche Konstellationen gehören vielerorts zum Routinebild. Die Frage ist nicht mehr, ob Notaufnahmen stark beansprucht sind, sondern wie sich Patientenströme strukturieren lassen, bevor sie die Klinik erreichen.

Rekordzahlen in den Notaufnahmen

Die Belastung ist statistisch eindeutig. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Destatis wurden im Jahr 2024 rund 13 Millionen ambulante Notfälle in Notfallambulanzen deutscher Krankenhäuser behandelt. Das ist der höchste Wert seit Beginn der systematischen Erfassung im Jahr 2018 und entspricht einem Anstieg von etwa fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Im Tagesdurchschnitt suchten damit rund 35.600 Patientinnen und Patienten eine Notaufnahme auf. Die Statistik umfasst alle ambulanten Behandlungen, also auch jene, die nach Diagnostik und Therapie wieder entlassen wurden. Bezogen auf die Bevölkerung ergibt sich bundesweit ein Wert von etwa 156 ambulanten Notfallbehandlungen je 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner. In Stadtstaaten liegen die Raten deutlich höher als in ländlich geprägten Regionen.

Die Zahlen verdeutlichen eine strukturelle Entwicklung. Notaufnahmen werden nicht ausschließlich für akut lebensbedrohliche Zustände genutzt, sondern auch für medizinische Abklärung außerhalb regulärer Praxiszeiten. Für Klinikärztinnen und Klinikärzte bedeutet das eine parallele Versorgung hochakuter und niedrig dringlicher Fälle.

Overcrowding als strukturelle Herausforderung

International wird dieses Phänomen unter dem Begriff Overcrowding untersucht. Gemeint ist eine Situation, in der Behandlungsplätze, Personal oder diagnostische Ressourcen die Nachfrage dauerhaft nicht abdecken können.

Internationale Studien zeigen Zusammenhänge zwischen Überfüllung, verlängerten Wartezeiten, verzögerter Diagnostik und erhöhtem Risiko für Behandlungsfehler. Auch die Verweildauer in der Notaufnahme steigt unter Bedingungen struktureller Überlastung. In einzelnen Untersuchungen wird zudem eine Assoziation zwischen Overcrowding und erhöhter Mortalität bestimmter Patientengruppen beschrieben.

Für Deutschland existieren weniger flächendeckende Versorgungsstudien. Umfragen der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin DGINA zeigen jedoch, dass ein erheblicher Teil der Notaufnahmen regelmäßig an oder über der Kapazitätsgrenze arbeitet. Vor diesem Hintergrund gewinnen Steuerungsmodelle an Bedeutung. Sie setzen nicht am einzelnen Behandlungsfall an, sondern am Zugang zum System.

Das niedersächsische Modell

Niedersachsen hat 2025 den ärztlichen Bereitschaftsdienst mit KVN.akut neu organisiert. Zentrales Element ist eine strukturierte Ersteinschätzung über die Telefonnummer 116 117 mithilfe des bundesweit eingesetzten SmED Systems.

Der Ablauf ist formalisiert. Patientinnen und Patienten wenden sich zunächst an die 116 117. Eine standardisierte Triage ermittelt den Versorgungsbedarf. Anschließend erfolgt bei Bedarf ein ärztlicher Kontakt per Telefon oder Video. Nur bei entsprechender Indikation wird ein physischer Kontakt veranlasst.

Nach Angaben der KV Niedersachsen können rund 80 Prozent der Kontakte telemedizinisch abgeschlossen werden. Knapp 20 Prozent werden in eine Präsenzstruktur weitergeleitet. Die durchschnittliche ärztliche Kontaktzeit liegt unter zehn Minuten.

Die Logik des Modells besteht darin, medizinische Einordnung vorzuziehen. Das Krankenhaus wird erst dann involviert, wenn eine weiterführende Diagnostik oder stationäre Therapie erforderlich erscheint.

Vergleichbare Ansätze in Deutschland

Niedersachsen ist nicht das einzige Bundesland mit strukturierten Steuerungsprojekten. Das SmED System wird unter anderem am Klinikum Frankfurt Höchst im Rahmen eines gemeinsamen Tresens von kassenärztlichem Bereitschaftsdienst und Notaufnahme eingesetzt. Ähnliche Konzepte wurden in Hamburg in Integrierten Notfallzentren erprobt. Projektberichte und Evaluationen sind beim Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung dokumentiert.

In Bayern verfolgt die Kassenärztliche Vereinigung mit dem Portal DocOnLine einen digitalen Ansatz. Patientinnen und Patienten können online eine strukturierte Ersteinschätzung durchführen und bei Bedarf eine Videosprechstunde in Anspruch nehmen. Ziel ist eine frühzeitige Zuordnung zur geeigneten Versorgungsebene.

Die Modelle unterscheiden sich organisatorisch, verfolgen jedoch ein gemeinsames Ziel: die Reduktion von Fehlsteuerungen zwischen ambulantem und stationärem Bereich.

Internationaler Vergleich

Ein Blick nach England zeigt eine systemisch verankerte Navigation. Der telefonische Dienst NHS 111 arbeitet mit dem Triageinstrument NHS Pathways. Patientinnen und Patienten werden anhand standardisierter Entscheidungsbäume in die jeweils passende Versorgungsstruktur geleitet.

Im Unterschied zu vielen deutschen Projekten ist die Steuerung dort integraler Bestandteil des Systems. Die Notaufnahme ist nicht primärer Einstiegspunkt, sondern eine klar definierte Option innerhalb eines abgestuften Versorgungsmodells.

Der Vergleich erlaubt keine direkte Übertragung auf das deutsche System, verdeutlicht jedoch, dass strukturierte Navigation auf nationaler Ebene implementierbar ist.

Auswirkungen auf die Klinikpraxis

Ob Steuerung tatsächlich entlastet, zeigt sich im Ablauf einer Schicht. Wenn ein erheblicher Anteil an Unsicherheiten bereits telemedizinisch geklärt wird, erscheinen weniger Patientinnen und Patienten mit primär ambulant lösbaren Beschwerden in der Notaufnahme. Das kann Wartezeiten reduzieren und diagnostische Ressourcen gezielter verfügbar machen.

In einer Nachtschicht könnte sich dies in der Zusammensetzung der Fälle widerspiegeln. Weniger selbstzugewiesene Patientinnen und Patienten mit seit Tagen bestehenden Beschwerden. Weniger Fälle, bei denen primär Beratung oder einfache Medikation erforderlich ist. Der relative Anteil komplexerer Fälle würde steigen. Die Arbeitsintensität verschwindet dadurch nicht. Sie verändert sich. Der Fokus liegt stärker auf medizinisch dringlichen Situationen.

Hinzu kommt die interprofessionelle Dimension. Strukturierte Steuerung bindet Callcenter, Triagefachkräfte, telemedizinisch tätige Ärztinnen und Ärzte sowie nichtärztliche Gesundheitsfachkräfte in eine vorgelagerte Versorgungsarchitektur ein. Für das Krankenhaus entstehen klarere Schnittstellen zwischen ambulantem und stationärem Bereich.

Planbarkeit gewinnt an Bedeutung. Schwankungen im Patientenaufkommen lassen sich zwar nicht vollständig vermeiden, können jedoch strukturell abgefedert werden.

Kosten und Ressourceneinsatz

Notfallinfrastruktur ist personal- und kostenintensiv. Fehlsteuerungen wirken sich unmittelbar auf Ressourceneinsatz und Wirtschaftlichkeit aus. Analysen zur Nutzung von Rettungsdiensten zeigen deutliche regionale Unterschiede in Inanspruchnahme und Kosten. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung weist in ihrer Expertise zur ambulanten Akut- und Notfallversorgung auf Koordinationsdefizite zwischen Versorgungssektoren hin.

Konkrete bundesweite Kosteneffekte einzelner Steuerungsmodelle sind bislang nur begrenzt evaluiert. Die ökonomische Relevanz ergibt sich jedoch aus der Struktur: Jeder Fall, der ambulant abschließend versorgt wird, beansprucht keine stationäre Hochleistungsinfrastruktur. Für Klinikärztinnen und Klinikärzte spiegeln sich solche Effekte langfristig in Personalausstattung, Investitionsspielräumen und Arbeitsbedingungen wider.

Zwischen Projekt und Strukturveränderung

Die Diskussion um die Notfallversorgung verläuft seit Jahren zwischen Reformankündigungen und Modellprojekten. Niedersachsen, Bayern, Hamburg und Frankfurt liefern unterschiedliche organisatorische Ansätze zur Patientensteuerung. Gemeinsam ist ihnen der Versuch, medizinische Einordnung zeitlich vorzuziehen und Zuständigkeiten klarer zu definieren.
Ob daraus eine dauerhafte strukturelle Veränderung entsteht, hängt weniger von einzelnen Projekten ab als von ihrer systematischen Einbindung. Steuerung wirkt nur dann stabilisierend, wenn ambulante Kapazitäten verfügbar sind, digitale Triageinstrumente zuverlässig funktionieren und Patientinnen und Patienten die vorgesehenen Zugangswege tatsächlich nutzen.

Für Klinikärztinnen und Klinikärzte bleibt die Frage damit empirisch. Verändert sich die Zusammensetzung der Fälle? Lassen sich Schwankungen im Patientenaufkommen abfedern? Entsteht mehr Planbarkeit im Schichtsystem?

Die bisherigen Erfahrungen aus Niedersachsen liefern erste Hinweise. Ob sie zu einer dauerhaften Verschiebung in der Inanspruchnahme stationärer Notfallstrukturen führen, wird sich erst in der längeren Beobachtung zeigen.

FAQ: Patientensteuerung und Entlastung von Notaufnahmen

1. Warum sind Notaufnahmen in Deutschland zunehmend überlastet?

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Destatis wurden 2024 rund 13 Millionen ambulante Notfälle in Notfallambulanzen behandelt. Das entspricht durchschnittlich etwa 35.600 Patientinnen und Patienten pro Tag. Notaufnahmen fungieren dabei nicht nur als Versorgungsort für akut lebensbedrohliche Zustände, sondern zunehmend auch als niedrigschwellige Anlaufstelle außerhalb regulärer Praxiszeiten. Die hohe Inanspruchnahme führt zu struktureller Arbeitsverdichtung und Kapazitätsengpässen.

2. Was ist das niedersächsische Modell zur Patientensteuerung?

Niedersachsen hat 2025 den ärztlichen Bereitschaftsdienst neu organisiert. Zentrales Element ist eine strukturierte Ersteinschätzung über die bundesweite Rufnummer 116 117 mithilfe des Triageinstruments SmED. Nach telefonischer Einschätzung erfolgt bei Bedarf ein telemedizinischer Kontakt. Rund 80 Prozent der Fälle können nach Angaben der KV Niedersachsen telemedizinisch abgeschlossen werden, nur etwa 20 Prozent werden in eine Präsenzstruktur weitergeleitet.

3. Wie kann Telemedizin Notaufnahmen entlasten?

Telemedizin ermöglicht eine medizinische Ersteinschätzung und Beratung, bevor Patientinnen und Patienten physisch eine Einrichtung aufsuchen. Dadurch können niedrig dringliche Fälle im ambulanten System verbleiben. Eine vorgelagerte Einordnung reduziert potenziell Wartezeiten, Triageaufwand und die Nutzung stationärer Infrastruktur. Entscheidend ist dabei die Integration in bestehende Versorgungsstrukturen.

4. Gibt es vergleichbare Modelle zur Steuerung von Notfallpatienten?

Ja. In mehreren Regionen Deutschlands werden strukturierte Triage- und Navigationsmodelle erprobt, darunter gemeinsame Tresen von Bereitschaftsdienst und Notaufnahme in Frankfurt sowie digitale Vorabsteuerung über DocOnLine in Bayern. International ist etwa der britische Dienst NHS 111 etabliert, der mithilfe standardisierter Entscheidungsbäume Patientinnen und Patienten in passende Versorgungsebenen lenkt.

5. Führt Patientensteuerung zu Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen?
Belastbare bundesweite Kosteneffekte einzelner Modelle liegen bislang nur begrenzt vor. Grundsätzlich gilt jedoch, dass stationäre Notfallinfrastruktur personal- und kostenintensiv ist. Wenn ein relevanter Anteil von Fällen ambulant oder telemedizinisch abschließend versorgt werden kann, werden hochpreisige stationäre Ressourcen entlastet. Die tatsächlichen ökonomischen Effekte hängen von regionaler Versorgungsdichte, Akzeptanz und langfristiger Implementierung ab.

 

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