
Seit über 30 Jahren operiert Dr. André Borsche Menschen mit schweren Fehlbildungen und Narben. Mehr als 80 humanitäre Einsätze hat der Plastische Chirurg schon für "Interplast-Germany e.V." übernommen – im Ausland und seiner „alten“ Klinik in Bad Kreuznach. Eine herausfordernde Aufgabe voller schwieriger Entscheidungen und persönlicher Glückmomente.
Dr. Borsche, wo kommen Sie gerade her?
Dr. André Borsche: Aus Somalia. Es war ein sehr bewegender Einsatz mit vielen positiven Eindrücken. 25 Patienten, vor allem Mädchen, profitierten von den Operationen, die bis zu sechs Stunden dauerten. Mit dabei war immer ein lernbegieriger somalischer Arzt, der künftig selber als Plastischer Chirurg seinen Landsleuten helfen will. Er übernimmt jetzt die Nachsorge, was für uns eine Riesenberuhigung ist.
Der wievielte Einsatz war das? Wo waren Sie schon überall für Interplast?
Dr. André Borsche: Der 83ste. Wir waren viel in Afrika unterwegs, Ruanda, Kamerun, Tansania, zuletzt oft in Mosambik – aber auch in Südamerika. Bei Ländern wie Brasilien meint man, das sei reich, aber im Nordosten herrscht auch noch große Armut. Auch in Peru und Bolivien sind schöne Partnerschaften entstanden. Viele Einsätze gab es im indischen Maharashtra, wo die Hospitäler uns dringend brauchten. Sehr oft war ich zudem in Nepal. Dort hat Interplast über knapp 30 Jahre ein Krankenhaus mit aufgebaut. Darüber hinaus holen wir jedes Jahr Kinder mit besonders komplizierten Befunden aus fernen Ländern nach Deutschland.
Was sind die medizinischen Hauptprobleme, die Interplast behandelt?
Dr. André Borsche: Wir sind mit Krankheiten und Situationen konfrontiert, die wir in Deutschland häufig gar nicht kennen. Es handelt sich um Extrem-Befunde, zumeist äußere Verletzungen. Wir helfen nach Defekten durch Unfälle und Kriegsfolgen, bei angeborenen Fehlbildungen, großen Hauttumoren, nicht heilenden Wunden sowie schweren Verbrennungen. Letzteres betrifft beispielsweise in Nepal viele Menschen, bei denen Narben die Hände, Arme, Beine oder den Hals so verändert haben, dass sie sich teilweise nur noch wie Schwerst-Körperbehinderte fortbewegen können. Aus den entlegenen Tälern dauert es ja manchmal Tage, bis akute Fälle überhaupt in eine Klinik kommen – und die muss dann in der Lage sein, sie adäquat zu versorgen. Unsere Patientinnen und Patienten haben ein schweres Unglück also zumindest überlebt, sind aber dadurch so gezeichnet, dass sie kaum mehr Lebensqualität besitzen. Gerade als Plastischer Chirurg kann man da fantastisch helfen.
Warum sind Verbrennungen ein so häufiges Problem?
Dr. André Borsche: Es gibt weltweit sehr viele Regionen, in denen gerade im ländlichen Bereich täglich mit offenem Feuer gearbeitet wird, ob zum Kochen oder Heizen. Das sind Gefahrenquellen sondergleichen. Vor allem in der Winterzeit wird unser Krankenhaus in Nepal überflutet mit Schwerstverletzten. Meistens sind es verbrannte Kinder sowie Frauen, die dort in ihrer Hausarbeit verunglücken – und so ein Sari brennt im Nu.
Was operieren Sie persönlich? Wofür sind Sie Spezialist?
Dr. André Borsche: Als Plastischer Chirurg bin ich ja an der ganzen Körperoberfläche zu Hause. Eine besondere Herausforderung ist allerdings für mich das Gesicht. Das ist beim Menschen einfach die wichtigste Zone. Ist das entstellt, wird man schnell von der Gesellschaft ausgegrenzt. Manchmal können die Augen nicht mehr geschlossen oder der Mund zieht so stark nach unten, dass die Spucke herausläuft. In solchen Fällen geht es nicht nur um die funktionale Wiederherstellung, sondern auch um das beste kosmetische Ergebnis.
Übernimmt Interplast jeden Fall?
Dr. André Borsche: Wir stimmen uns im Vorfeld ab. Denn man darf nicht nur operativ planen, sondern muss die Umstände bedenken und das Worst-Case-Szenario im Blick haben. In diesen Ländern gibt es häufig keinen doppelten Boden, keine Intensivstation. Bei kleinen Kindern, mangelernährten Menschen oder sehr schwer Verletzten ist nicht garantiert, dass perfekt Operiertes auch perfekt heilt. In der Regel fahren wir nach zwei Wochen wieder ab – und was ist, wenn dann keiner vor Ort in der Lage ist, das gescheit fortzuführen? Da zahlt man über die Jahre auch ein gewisses Lehrgeld, die Nachsorge muss gesichert sein.
Können Sie ein Beispiel schildern?
Dr. André Borsche: Bei einer handchirurgischen Operation in Peru lief zunächst alles gut. Doch als wir die Koffer packten, sahen wir, dass die Wunde doch Probleme bereitete. Ich hatte ein sehr schlechtes Gewissen. Zum Glück machte ein Arzt dort den Fall zu seinem Thema, und nach sechs Wochen bekam ich Fotos, dass alles bestens ausgegangen war. Andererseits erinnere ich mich an einen Einsatz im Himalaya mit einem schwerstverbrannten Kind. Alle sagten, es bestünde nur eine geringe Chance, ihm noch zu helfen. Wir überlegten lange im Team und entschieden uns dann doch dafür. Das hat zunächst auch gut geklappt, eine OP-Schwester spendete sogar Blut. Als wir zu Hause waren, erfuhren wir, dass die 16 Jahre alte Mutter nicht in der Lage war, dieses Kind zu pflegen. Es ist dann doch verstorben. Da haben wir uns Riesenvorwürfe gemacht. Aber in dieser Situation konnten wir unmöglich nein sagen, weil wir emotional so betroffen waren. Es ist immer dramatisch, wenn man an die Grenzen des Machbaren kommt.
Müssen Sie oft so schwierige Entscheidungen treffen?
Dr. André Borsche: Immer wieder. Manchmal lehnen wir auch ab und revidieren die Entscheidung später. So operierten wir hier in Bad Kreuznach eine 11-Jährige aus Gambia, der eine Amputation drohte. Sie hatte eine ganz seltene Erkrankung, ein angeborener Riesenwuchs eines Beines. Uns war das Mädchen schon zwei Jahre zuvor vorgestellt worden. Zu dem Zeitpunkt dachten wir, es würde niemals überleben. Sie war komplett unterernährt und in einem wirklich tragischen Zustand. So etwas abzulehnen, fällt natürlich sehr schwer – und da war ich sehr verblüfft und erfreut, als die Anfrage für dasselbe Kind 2023 noch mal zu uns kam. In mehreren Operationen schafften wir es, ihr Bein so weit zu verschlanken, dass sie nun ohne Krücken auf zwei Füßen durch die Weltgeschichte laufen kann. Das zählt zu meinen größten persönlichen Glücksmomenten.
Wie kommen solche Kinder zu Ihnen? Wie ist der Vermittlungsweg?
Dr. André Borsche: Wir arbeiten mit verschiedenen Hilfsorganisationen zusammen. In Deutschland gehört zum Beispiel das Friedensdorf in Oberhausen dazu, das uns regelmäßig schwere Fälle vermittelt. Dort werden viele der hier operierten Kinder auch untergebracht. Denn solche Befunde benötigen längere Behandlungen. Vieles bedarf noch mal einer Nachkorrektur und Verbesserung – und das ist nur mit sehr viel Enthusiasmus vor Ort zu managen. Interplast lebt ansonsten davon, dass wir vertrauensvolle, persönliche Kontakte zu Ärztinnen und Ärzten sowie zu sozial engagierten Menschen in den jeweiligen Ländern knüpfen. Gerade auch für die kleinen Patienten, die wir in ihrer Heimat operieren.
Sie sind seit 35 Jahren für Interplast im Einsatz – ist die medizinische Situation weltweit besser geworden?
Dr. André Borsche: Allemal! Die medizinischen Kenntnisse vor Ort, ob durch Internet oder persönliche Ausbildung, sind viel hochkarätiger geworden. Vor Kurzem waren wir in Mosambik. Die haben alles, was sie an Erfahrung mitbekommen konnten, geradezu aufgesogen. Jeder Handschlag, den ich gemacht habe, wurde aufgeschrieben und gefilmt – und sie haben direkt mitgemacht. Manchmal liegt es allerdings am fehlenden Material. Unlängst schenkten wir dieser Klinik ein Dermatom, das rund 10.000 Euro kostet. Damit kann man zum Beispiel am Oberschenkel die Haut hauchdünn in 0,3 Millimeter Stärke für eine Hauttransplantation abnehmen – und zwar ohne, dass eine ernstere Wunde zurückbleibt.
Lässt sich Ihr Handwerk denn gut lernen?
Dr. André Borsche: Letztlich gehen wir oft auf die Basistechniken, wie Hauttransplantationen oder Lappenplastiken, zurück. Diese kann man sehr gut vorführen. Es handelt sich um klare Techniken, keine Wunderwerke. Auch halte ich bei jedem Einsatz einen Vortrag, wie man in bestimmten Problemsituationen am besten agiert.
Läuft das Krankenhaus in Nepal mittlerweile autonom?
Dr. André Borsche: Es ist beeindruckend, wie selbstständig die von uns ausgebildeten Nepalesen inzwischen auf hohem Niveau wirken und ihren eigenen Patienten helfen können. Dennoch hat so ein Auslandsprojekt eine Kehrseite. Man möchte irgendwann auch die finanzielle Abhängigkeit zurückschrauben. Das ist für ein Krankenhaus, das primär Armen helfen soll, ein Riesenspagat. An dieser Frage arbeiten wir bis heute sehr intensiv.
Wie kann das funktionieren?
Dr. André Borsche: Sie müssen auch Patientinnen und Patienten behandeln, die das durchaus selbst bezahlen können. Dafür gibt es ein ausgeklügeltes Social-Scoring-System. Da wird gefragt: Wie viele Ochsen hast du, wie groß ist dein Feld, wie ist deine Familie aufgestellt? In solchen Ländern ist immer der unmittelbare Familienkreis verantwortlich für das Einzelschicksal. Niemand kommt allein ohne Angehörigen ins Krankenhaus – und wenn es der Nachbar ist. Es wäre auch wünschenswert, wenn sie vor Ort ebenfalls Spender mobilisieren, was für die Verankerung des Hospitals im eigenen Land von Bedeutung ist.
Braucht Interplast noch Verstärkung?
Dr. André Borsche: Mitfahren wollen ganz viele, aber nur wenige der jüngeren Kolleginnen und Kollegen haben leider eine Chance, das zu verwirklichen. Es geht in den meisten Teilen der Welt nicht mehr um die Albert-Schweitzer-Mentalität nach dem Motto: „Ich packe jetzt den Koffer und schaue, dass ich als guter Arzt irgendwie wirken kann.“ Stattdessen haben wir einen Mangel an erfahrenen, breit aufgestellten Spezialisten, die zudem bereit sind, eine Teamleitung zu übernehmen.
Was heißt das genau?
Dr. André Borsche: Die Organisation und Vorbereitung eines Einsatzes kann sich über ein Jahr hinziehen – und ist eine Herausforderung. Man muss sich um tausend Dinge, wie Visa, Arbeitserlaubnis, Einladungen, Material und Finanzen kümmern. Darüber hinaus ist eine wirklich gute fachliche Expertise nötig – und nicht jeder gutverdienende Profi in Deutschland sieht sich verleitet, als „Verrückter“ den Armen in anderen Ländern zu helfen. Sie müssen auch sozial ticken oder gar eine Berufung spüren. Wer mitmachen will, muss also Biss und Hartnäckigkeit entwickeln und der Auffassung sein: Das ist mir so wichtig, dafür setze ich meinen Jahresurlaub und die Work-Life-Balance ein.
Können das auch Kolleginnen und Kollegen in der Rente sein?
Dr. André Borsche: Gerade diese sind wertvolle Mitstreiter! Wir haben viele bedeutende Interplastler, die in der Ober- oder Chefarzt-Position oder in einer Praxis waren und nun in der Rente bei uns noch mal richtig loslegen. So lange sie nicht zittern oder Blödsinn operieren und ihre Kenntnisse gerne anderen vermitteln, sind das wertvolle Persönlichkeiten. Das gilt für die Anästhesie genauso. Jemand mit Erfahrung in Kinderanästhesie ist für uns Gold wert.
Der Experte:
Dr. André Borsche ist Facharzt für Plastische & Ästhetische Chirurgie. Von 1995 bis 2023 war er Chefarzt für Plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie am Diakonie-Krankenhaus in Bad Kreuznach. 2009 und 2021 wurde seine Abteilung von der Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie als beste Weiterbildungsstätte ausgezeichnet. Seit 1990 engagiert er sich mit seiner Frau Dr. Eva Eisenhardt-Borsche für Interplast-Germany e.V., aktuell als Vorsitzender.
Mehr Informationen und Kontakt: www.interplast-germany.de



