Waldkliniken Eisenberg: Von der DDR-Platte zur "Healing Architecture"

17 Februar, 2021 - 07:07
Lukas Hoffmann
Waldkliniken Eisenberg
Der thüringische Wald umgibt die Waldkliniken Eisenberg.

In den Waldkliniken Eisenberg werden Patienten seit einigen Monaten in einem spektakulären Neubau behandelt. Wie konnte sich das thüringische Kreiskrankenhaus den Entwurf des italienischen Stararchitekten Matteo Thun leisten?

Firmitas, Utilitas, Venustas – Stabilität, Zweckmäßigkeit und Schönheit forderte der römische Schriftsteller und Ingenieur Vitruvius vor zweitausend Jahren in seinem zehnbändigen Standardwerk „De Architectura“ – über Architektur. Diese Grundsätze sind heute aktuell wie damals. Viele Krankenhausarchitekten haben allerdings lediglich die beiden ersten Prinzipien verinnerlicht. Schön sind Krankenhäuser selten, für Ästhetik fehlt das Geld.

In Eisenberg hat man das Ganze umgedreht und sich auf das dritte Prinzip konzentriert. Der kreisrunde Klinikneubau sieht aus wie ein Wellnesshotel. Noch vor zehn Jahren wurden die Patienten in einem DDR-Plattenbau kuriert. „Die Kernidee unseres Neubaus war es, ein Krankenhaus zu bauen, das Patienten als Gäste willkommen heißt“, sagt David Ruben Thies, Geschäftsführer der Waldkliniken Eisenberg. Vieles ist in den Waldkliniken Eisenberg anders als in dem typischen Kreiskrankenhaus von Nebenan. Die Empfangstheke ist langgezogen, wie in einem Hotel. In den Patientenzimmern gibt es große Glasfronten, mit Blick auf den Wald, und kleine Wintergärten, die man sich mit dem Nachbarzimmer teilt. Drei Klinikrestaurants laden zum Schlemmern ein, darunter das Gourmetrestaurant Matteo mit Kaminofen und großer Weinkarte.

Was ist "Healing Architecture"?

Aber die Klinik soll nicht nur Naturliebhaber ansprechen, die auf nahegelegenen Waldpfaden die Umgebung erkunden können. "Healing Architecture" heißt das Stichwort, das in Deutschland lange kaum Beachtung fand. In einigen unserer europäischen Nachbarländern und in den USA forscht man hierzu schon seit Längerem. Bereits im Jahr 1984 bewies der US-amerikanische Architekturprofessor Roger Ulrich, dass Patienten, die auf ein anderes Gebäude blicken, mehr Schmerzmittel benötigen, als Patienten, die ins Grüne schauen.

Auch die Innenarchitektur hat einen gesundheitsfördernden Einfluss, findet Prof. Dr. Tanja Vollmer, die an der TU Berlin das Fach Architekturpsychologie lehrt. Getrennte Sprech- und Untersuchungsräume geben dem Patienten mehr Sicherheit, Besprechungsecken ohne den „Schutzwall Schreibtisch“ stärken das Arzt-Patient-Verhältnis, gemütliche Wartenischen machen die Wartezeit angenehmer.

In der Studie „Architektur als zweiter Körper“ aus dem Jahr 2010 hat Vollmer nachgewiesen, das Kranke gegenüber der Architektur vulnerabler sind als gesunde Menschen. „Architektur wird zum zweiten Körper, wenn der eigene Körper nicht mehr den Schutz bietet, den wir als Menschen für unser verletzliches Inneres so sehr brauchen“, sagt sie. 

Mehr Offenheit für "Healing Architecture" in der Ärzteschaft

Als Vollmer im Jahr 2000 der Bauleitung des neuen psychoonkologischen Zentrums der LMU München ihr Konzept einer heilenden Architektur vorlegte, habe sie „in große, fragende Augen geschaut.“ Inzwischen bemerkt sie eine zunehmende Offenheit gegenüber Healing Architecture, insbesondere in der Ärzteschaft. Und manchmal wird aus der Offenheit Tatkraft, so wie im Fall der neuen Kinder- und Jugendklinik des Universitätsklinikums Freiburg, die im Jahr 2023 fertig werden soll. Oder eben den Waldkliniken Eisenberg, die seit November bezugsfertig sind. 

Und wer hat den rund 62,5 Millionen Euro teuren Neubau der Waldkliniken nun bezahlt? In Deutschland werden Kreiskrankenhausneubauten von den Bundesländern nach genau festgelegten Kriterien finanziert. Ist ein Gebäude zu teuer, wird der Antrag abgelehnt. Bei den Waldkliniken Eisenberg gab es vom Freistaat Thüringen eine Zusage: „Wir haben pro Quadratmeter nicht mehr ausgegeben als das durchschnittliche, deutsche Kreiskrankenhaus“, sagt Geschäftsführer Thies.

Zusammenarbeit mit Stararchitekt Matteo Thun

Um dem Bettenhaus trotz des verbindlichen Budgets den Look eines Wellnesshotels zu geben, hat sich Thies mit dem italienischen Hotelarchitekten Matteo Thun zusammengesetzt. Es galt das Prinzip: Alles muss desinfizierbar sein, ohne vorgeschriebene Normen zu verletzen. So stellten sie zum Beispiel fest: Das Badezimmer auf Hotelstandard ist halb so teuer und genauso gut wie die üblicherweise in Kliniken verbaute Nasszelle. Oder: Der teure, keimresistente Türgriff, der normalerweise in Kliniken verbaut wird, ist gar nicht notwendig, wenn man am Patientenbett ein Desinfektionsständer anbringt.

Auch bei der Auftragsvergabe sparte Thies Geld. Er wählte keinen Generalunternehmer, sondern vergab die Aufträge einzeln an regionale Bauunternehmer. Generalunternehmer wären zwar auf den ersten Blick günstiger, würden auf lange Sicht aber mehr kosten, weil Nachbesserungen teuer bezahlt werden müssten. Die regionalen Bauunternehmer seien bei einer Reklamation sofort ins Haus gekommen und hätten kostenlos ausgebessert. „Letztendlich hat es sich gelohnt, dass wir allein für die Auftragsabwicklung eine Vergabereferentin plus Assistenz eingestellt haben“, sagt Thies. 

Bei allem gesundheitsförderndem Einfluss einer durchdachten Architektur darf die Hauptaufgabe eines Krankenhauses aber nicht vergessen werden: die medizinische Behandlung. In den Waldkliniken Eisenberg liegt ein Schwerpunkt auf der Orthopädie. 80 Prozent der Patienten kommen wegen eines orthopädischen Eingriffs.

Qualität, Qualität, Qualität

„Bei uns gibt es nur eine Marketingstrategie“, sagt Thies, „Qualität, Qualität, Qualität.“ Bei verschiedenen orthopädischen Eingriffen, wie zum Beispiel Hüft- oder Knieoperationen, erreichen die Waldkliniken Eisenberg ein hohes Qualitätsniveau.

Derzeit ist die Klinik pandemiebedingt nicht ausgelastet. Wenn der Rettungsschirm für Krankenhäuser bis zum 31. März verlängert werde, sei man bis zu diesem Datum finanziell abgesichert, erklärt Thies. In einer Post-Corona-Ära soll das integrative Wohlfühlkonzepts mit 233 Betten für Kassenpatienten und nur 13 Betten für Privatpatienten für einen erhöhten Patientenzustrom sorgen.

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