COVID-19: Der Klinikbetrieb normalisiert sich – auch in Tirol

29 Mai, 2020 - 08:08
Stefanie Hanke
Dr. Alexandra Kofler ist Ärztliche Direktorin des A.ö. Landeskrankenhauses (Univ.-Kliniken) Innsbruck.

Durch die Fälle in Ischgl galt Tirol vor allem zu Beginn der Pandemie als „Corona-Hotspot“. Doch inzwischen hat sich auch hier die Lage wieder normalisiert. Im Interview berichtet Dr. Alexandra Kofler, Ärztliche Direktorin des A.ö. Landeskrankenhauses (Univ.-Kliniken) Innsbruck, wie sie die Krisensituation erlebt hat und was Corona für den Klinikbetrieb der Zukunft bedeutet.

Frau Dr. Kofler, Tirol war ja ein Corona-Hotspot. Wie haben Sie in den vergangenen Monaten die Situation in Ihrer Klinik erlebt?

Dr. Alexandra Kofler: Ja, die Situation war sehr anstrengend – vor allem, weil in Südtirol und in unserem Nachbarland Italien die Lage sehr, sehr kritisch war und wir nicht wussten, wie stark uns diese Welle erreichen wird. Es gab ja auch ständig neue medizinische Erkenntnisse: Wir haben nach und nach erfahren, dass dieses Virus sich anders verhält als die Viren, die wir sonst gewohnt sind – beispielsweise bei einer Grippewelle. Um auf alles vorbereitet zu sein, haben wir unseren Regelbetrieb um gut 50 Prozent runtergefahren. Außerdem haben wir einen Krisenstab eingerichtet, um auf die Situation schnell reagieren zu können.

Waren denn in Ihrer Klinik während der Krise die Kapazitätsgrenzen erreicht?

Dr. Alexandra Kofler: Als größtes Versorgungszentrum in Westösterreich sind wir mit der Behandlung von Patienten aus ganz Tirol und Südtirol beauftragt, was gerade bei einer Pandemie eine sehr große Herausforderung darstellt. Da wir mit unserem Pandemieplan sehr gut auf die zu bewältigenden Schwierigkeiten vorbereitet waren, sind wir jedoch nie an unsere Kapazitätsgrenzen gestoßen. Der Flaschenhals in dieser Situation liegt bei den Intensivplätzen. Während der akuten Phase musste ein Großteil der Intensivbetten für COVID-19 Patienten freigehalten und umgerüstet werden. Jene Patienten, die aus unserer Einrichtung entlassen werden konnten, wurden von unseren externen Partnern erstklassig weiterbetreut, ein großes Dankeschön gilt an dieser Stelle auch den Nachsorge- und Rehabilitationszentren.

Was für Maßnahmen haben Sie da ergriffen?

Dr. Alexandra Kofler: Wir mussten ganz gewaltig umschichten. Zum Beispiel wurde aus einer neurochirurgischen Intensivstation eine internistische COVID-Station. Außerdem haben wir die operativen Leistungen runtergefahren, um auch das Personal anders einsetzen zu können. Wenn ich plötzlich eine zusätzliche Intensivstation aufmache, brauche ich natürlich auch Menschen, die dort arbeiten können. Bei uns haben beispielsweise Anästhesie-Pfleger plötzlich Intensivpatienten betreut – diese Mitarbeiter mussten wir natürlich aus den OPs abziehen. Personalengpässe gab es aber nicht.

Jetzt hat sich die Situation auch an Ihrer Klinik inzwischen wieder normalisiert. Wie gehen Sie wieder zum normalen Klinikalltag über?

Dr. Alexandra Kofler: Derzeit gibt es bei uns einen Kampf um zusätzliche OP-Kapazitäten – wir arbeiten jetzt die Liste jener Patienten ab, deren Operationen verschoben wurden. Das ist ja ein furchtbares Gefühl, wenn man zum Beispiel ein neues Kniegelenk braucht, aber die OP um Monate verschoben wird und man nicht weiß, wann man endlich drankommt. Die nächste Herausforderung für uns ist also, diese Operationen jetzt nachzuholen. Bei uns gibt es deshalb in diesem Jahr auch keine Sommerpause. Die Mitarbeiter können natürlich ihren Sommerurlaub nehmen – aber die Leistungsfähigkeit der Klinik muss zu 100 Prozent erhalten bleiben. Normalerweise fahren wir in dieser Zeit auch immer den OP-Betrieb zurück, weil viele Patienten nicht unbedingt im Sommer operiert werden möchten. Das ist in diesem Jahr anders.

Wie nehmen Sie die Stimmung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wahr?

Dr. Alexandra Kofler: Es gab während der Krise einen wunderbaren Zusammenhalt im Team. Wir haben große Anstrengungen unternommen – aber die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren durchweg maximal engagiert, egal, in welcher Berufsgruppe. Und auch jetzt sind sie maximal bemüht, den Rückstand aufzuarbeiten. Ich bin dem gesamten Team sehr dankbar, dass das so gut geklappt hat. Alles, was in den Jahren vorher schwierig und mühsam war, hat auf einmal schnell und kooperativ funktioniert. Das ist auch für mich eine schöne Erfahrung zu sehen, wie auf einmal alle das gleiche Ziel hatten.

Haben Sie denn die Schutzausrüstung, die für den Klinikbetrieb nötig ist?

Dr. Alexandra Kofler: Wir hatten phasenweise Engpässe beim Material wie Masken, OP-Hauben und Handschuhe. Und wir wussten ja nie, ob der Nachschub kommt oder nicht. So eine Situation kannten wir noch gar nicht – bisher war immer selbstverständlich, dass diese Sachen da sind. Das war auch ein Problem, als wir wieder mit dem normalen Betrieb begonnen haben: Wenn unsere Chirurgen jetzt das OP-Programm erstellen, müssen sie auch berücksichtigen, wie viel Material sie verbrauchen und ob das entsprechend vorhanden ist. Inzwischen sind wir aber wieder gut ausgerüstet.

Was haben Sie aus der Krisensituation gelernt?

Dr. Alexandra Kofler: Wir müssen uns für die Zukunft fragen: Wie müssen wir uns vorbereiten, damit wir die Patienten, die kein COVID-19 haben, nicht vernachlässigen? Es ist wichtig zu verstehen, dass Corona eine zusätzliche Belastung für den Klinikbetrieb ist, mit der wir leben müssen – zusätzlich zu den Patienten mit vielen anderen Krankheiten, die wir hier betreuen. Wir verhandeln derzeit mit der Politik darüber, in welcher Form wir jetzt aufrüsten können, um dafür besser aufgestellt zu sein. Da spielt auch Flexibilität eine große Rolle: Wir mussten unsere Intensivstationen beispielsweise plötzlich für ganz andere Patientengruppen zur Verfügung stellen. Und künftig ist es wichtig, diese Flexibilität zu ermöglichen, ohne dass der restliche Klinikbetrieb so stark darunter leidet.

Wie kann Ihnen die Politik dabei konkret helfen?

Dr. Alexandra Kofler: Ich wünsche mir beispielsweise, dass die Ressourcen im Bereich Infektiologie aufgestockt werden. Dieses Fach gewinnt ja zunehmend an Bedeutung. Außerdem sollte man in der Intensivmedizin flexiblere Strukturen schaffen: Da könnte es beispielsweise eine Intensiv-Überwachungseinheit angeschlossen an die Intensivstation geben. Im Normalbetrieb kann diese Einheit dann kostengünstig für Überwachung genutzt werden. Wenn es nötig ist, sollte man hier aber dann sehr schnell Intensivplätze für Beatmungspatienten schaffen können. Dann müsste nicht erst im Ernstfall geschaut werden, woher wir die Beatmungsgeräte bekommen können – sondern es wäre alles da und müsste nur aktiviert werden.

Was erwarten Sie jetzt für die kommenden Wochen und Monate?

Dr. Alexandra Kofler: Ich denke, wir werden noch länger auf der Hut sein müssen. Die aktuellen Lockerungen im öffentlichen Leben lassen ja schon vermuten, dass die Infektionsraten wieder ansteigen werden. Deswegen müssen wir natürlich Vorsichtsmaßnahmen aufrechterhalten. Das heißt, wir müssen auch alle Patienten, die für eine Operation zu uns kommen, vorsorglich auf COVID-19 testen. Und auch Besuche werden eingeschränkt bleiben – wir müssen einfach aufpassen, dass niemand dieses Virus in unsere Klinik trägt. Wir haben jetzt in einer großen Aktion alle Kliniken um Feedback gebeten, was wir besser machen können. Da gibt es schon auch einige konstruktive Kritik: Die Kolleginnen und Kollegen wünschen sich mehr Mitbestimmung. Und sie wünschen sich zeitnah gute Informationen, damit sie nachvollziehen können, was genau warum gemacht wird. Während der Krise war das nicht immer so möglich – da mussten wir vor allem schnell reagieren. Aber jetzt haben wir etwas Luft, so etwas für die Zukunft vorzubereiten und neue Wege zu finden.

Hier finden Sie mehr Informationen über die Tirol Kliniken GmbH auf aerztestellen.de

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