Dr. Michael de Ridder: „Medizin wieder menschlicher gestalten!"

23 November, 2022 - 07:11
Michael Fehrenschild
Experte im Gespräch: Dr. Michael de Ridder

Immer mehr Fortschritt, immer weniger Mensch: Der langjährige Chefarzt und Autor Dr. Michael de Ridder plädiert für ein neues Selbstverständnis der Medizin. Ärztinnen und Ärzte sollten Schicksalsgefährten des Patienten werden.

Herr Dr. de Ridder, ist der empathische Arzt eine aussterbende Spezies?

Dr. Michael de Ridder: Wenn wir so weitermachen, im schlimmsten Fall ja. Natürlich sind die vielen technologischen, pharmakologischen und in jüngster Zeit auch molekularbiologischen Errungenschaften ein riesiger Gewinn für ganz viele Erkrankte, zumindest für die, die in den Industrienationen leben. Aber: Damit rücken die rein technischen Aspekte der Krankheiten in den Mittelpunkt – und der Mensch gerät aus dem Blickfeld. Das gilt für die Patienten-, wie auch die Ärzteschaft. Hinzu kommt die viel beklagte Merkantilisierung der Medizin.

Aber inzwischen gibt es doch schon im Studium ein Kommunikationstraining…

Dr. Michael de Ridder: Das ist kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Für mich liegt im Studium sogar bereits der Keim der „Abhärtung“ gegen die initialen empathischen Regungen, die eigentlich jeder Mensch hat. Die allermeisten Erstsemester sind anfangs noch von dem Gedanken beseelt zu helfen. Doch die Ausbildungswirklichkeit fokussiert allein auf wissenschaftliches Denken und fördert geradezu die Distanz zum „Arbeits-Gegenstand“, dem Patienten. An dessen Stelle ist der objektive Befund getreten. Der Kranke spielt hierbei allenfalls als Modell eine Rolle, das gefühllos begutachtet wird. In den Fächern Anatomie und Pathologie widmet sich der Nachwuchs zudem dem toten Körper – und der klagt ja nicht und man muss ihm nicht zuhören. Und das wird später in der Praxis nicht besser…

Inwiefern?

Dr. Michael de Ridder: Im Beruf wird die Aufmerksamkeit der Jungmedizinerinnen und -mediziner auf Bilder und Zahlen durch Sonografie, MRT, Szintigrafie, Laborwerte oder EKG-Kurven gelenkt und damit auf die reinen Fakten. Selbst während des Gesprächs wird die Wahrnehmung des Patienten durch den Blick auf den allgegenwärtigen Computerbildschirm durchkreuzt. Im „Sprechzimmer“ (sic!) hören Ärzte im Schnitt ohnehin nur 18 Sekunden zu, ehe sie den Patienten erstmals unterbrechen. Auch spricht man von Fällen anstatt von Menschen. Befunde und Arztbriefe sind ebenfalls völlig unpersönlich formuliert – da helfen auch sporadische Kommunikationstrainings nicht viel. Auf der Strecke bleibt zwangsläufig ein hohes Gut: die ärztliche Empathie.

Empathie ist ja fast ein Modewort, was verstehen Sie darunter?

Dr. Michael de Ridder: Diesem ‚wolkigen‘ Begriff werden verschiedene Bedeutungen zugeschrieben. Man kann aber wohl festhalten, dass er allgemein mit Wärme, Zuwendung und Einfühlungsvermögen assoziiert wird. Für das Arztgespräch bedeutet das, dass sich der Patient oder die Patientin angenommen, verstanden und gut aufgehoben fühlt, insbesondere bei einer ernsten Diagnose. Das meint konkret: mit den Ohren des Patienten hören, mit seinen Augen sehen und ihm dies im Gespräch zu spiegeln.

Wie funktioniert das? 

Dr. Michael de Ridder: Ein Beispiel: Eine Patientin mit metastasierendem Brustkrebs ist zutiefst erschrocken und sagt „die Diagnose traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel“. Da kann der Arzt sie mit den Worten „abholen“: „Ich kann mir vorstellen, wie Ihnen zumute ist… Ihr Leben erscheint Ihnen völlig aus der Bahn geworfen zu sein. Ist es das, was Sie meinen?“ Und wenn die Patientin im weiteren Verlauf fragt: „Glauben Sie, dass ich stark genug bin, die Therapie durchzustehen?“, kann man antworten: „Mein Eindruck ist, dass Sie nicht so schnell aufgeben. Spüren Sie das nicht auch in sich?“ Und wenn sie zum Beispiel bittet: „Falls das Leid zu groß wird, würden Sie mir dann helfen es abzukürzen?“ Hier könnte die Antwort lauten: „Ich verstehe Ihre Frage. Und ich verspreche Ihnen, an Ihrer Seite zu bleiben. Doch ich glaube, es ist jetzt nicht der Zeitpunkt darüber zu sprechen … Oder was meinen Sie?“ Die Erkrankte erfährt durch eine solche patientenzentrierte Gesprächsführung das Gefühl von Partnerschaft, Ermutigung und Toleranz und wird zugleich zur Selbstreflexion angeregt. Spiegeln ist die wirksamste Methode, einem Patienten zu signalisieren, dass der Arzt „bei ihm“ ist, wobei gleichzeitig die Balance zwischen Nähe und Distanz gewahrt bleibt.

Sind Berührungen nicht auch wichtig?

Dr. Michael de Ridder: Das ist für beide, Arzt, wie Patient, ein heikles Terrain. Sind sie jenseits streng diagnostischer oder therapeutischer Notwendigkeit überhaupt statthaft? Wann wird Berührung ärztlicherseits zum Übergriff? Wann hingegen ist sie vielleicht sogar geboten, um das „Aufgehoben-fühlen“ zu stärken? Hierfür gibt es keinen Verhaltenskodex. Hier hilft allein eine von Achtsamkeit und Respekt gelenkte Intuition, wann es angemessen ist und wann eben nicht.

Welche Anregung können Sie noch geben?

Dr. Michael de Ridder: Sehr interessant finde ich die „Medical Humanities“. Dieses Wahlfach ist in den angloamerikanischen Universitäten recht verbreitet. Es hat die Rückbesinnung auf eine Medizin, die den ganzen Menschen im Blick hat, zum Inhalt. Als interdisziplinäres Lehr- und Forschungsgefüge plädiert es für eine Verbindung der Medizin zu den Geisteswissenschaften. Hierbei wird der Rezeption von Literatur, insbesondere pathografischen Texten – der Darstellung von Krankheit in der Literatur – ein hoher Wert beigemessen.

Warum Literatur?

Dr. Michael de Ridder: Krankheit, Schmerz und Endlichkeit sind seit jeher auch Thema vieler literarischer Texte. Zahlreiche Gegenwarts-Autorinnen und Autoren haben bereits über eigene oder miterlebte Krankheitserfahrungen geschrieben – mit allen Fragen, die dabei auftauchen: Einsamkeit, Ängste, Hoffnungen sowie persönliche Erschütterungen und die Einzigartigkeit des Leidens – also die subjektive Dimension. Und dies gilt genauso für jeden Patienten, ob es nun um die Bewältigung und Heilung geht, um das (Über-)Leben mit und in chronischer Krankheit oder letztlich auch dem, was man einen gelungenen Sterbeprozess nennen könnte. Eine Beziehung zum Patienten kann nur entstehen, wenn man als Arzt es schafft, den Kranken in seiner individuellen Welt wahrzunehmen.

Kennen Sie geeignete Literatur-Beispiele?

Dr. Michael de Ridder: Um nur einige zu nennen: Der verstorbene Wolfgang Herrndorf - er nahm sich 2013 durch einen Kopfschuss das Leben – legte mit „Arbeit und Struktur“ ein Dokument der Tapferkeit angesichts seines mehrfach operierten Hirntumors vor. Erhellend ist außerdem Peter Esterhazys „Bauchspeicheldrüsentagebuch“ von 2017, in dem trotz seiner tödlichen Tumorerkrankung seine Heiterkeit aufscheint, wie ein Kritiker urteilte. John Updike wiederum lässt seine Leserschaft in „Rabbit in Ruhe“ nicht nur miterleben, was es heißt, ein Liebhaber mit Schuppenflechte zu sein, sondern auch den Schmerz eines Herzinfarktpatienten. Der Demenz seines Vaters spürt Arno Geiger in seinem Buch „Der alte König in seinem Exil“ nach. Es verrät mehr über das Wesen dieser Erkrankung und den Umgang mit ihr als jeder psychiatrische Befund oder Ratgeber.

10.02.2024, Neurologische Gemeinschaftspraxis Fürstenfeldbruck
Fürstenfeldbruck
14.02.2024, Neurologisches Rehabilitationszentrum Godeshöhe GmbH
Bonn

Ihr Appell?

Dr. Michael de Ridder: Die Medizin darf die fundamentalen Bedürfnisse von Kranken nicht weiter ignorieren, zumal in der Verzweiflung schwerer Krankheit, mit Hinfälligkeit und Angewiesensein. Da muss der Arzt ein Schicksalsgefährte sein. Und auch bei weniger schweren Diagnosen: Natürlich braucht es Zeit, sich die Geschichte(n) anzuhören. Doch das einfühlende ärztliche Gespräch stärkt nachgewiesenermaßen die Motivation und Eigenverantwortung des Patienten und spart so letztendlich auch Kosten. Überdies erhöht empathische Kommunikation ebenso die Lebens- und Arbeitszufriedenheit des Arztes deutlich und beugt so dem derzeit viel beklagten ärztlichen Burnout vor.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Dr. Michael de Ridder: Ich plädiere dafür, dass wir Medizin neu lernen. Nach mehr als 35 Jahren ärztlicher Tätigkeit, hoffe ich, dass der Arzt nicht weiter zur „Dokumentationsdrohne“ mutiert und allein zum Vollstrecker medizinischer Algorithmen wird. Stattdessen sollte ärztliche Empathie als umso wertvolleres Gut geschätzt werden, wenn wir irgendwann in den kommenden Jahrzehnten die „Routinediagnostik“ vollständig an Computer delegiert haben. Ein Magnetresonanztomograph bietet weder Mitgefühl noch ein menschliches Antlitz. Nur ein Mensch zeigt Regungen und Ausdruck, nur ein Mensch ist fähig zur Empathie. Und Empathie vermittelt: „Ich könnte du sein“. 

Der Experte

Dr. Michael de Ridder

Dr. Michael de Ridder ist Facharzt für Innere Medizin und Biologe, Sachbuchautor, Vorsitzender der Hans-Joachim-und-Käthe-Stein-Stiftung für Palliativmedizin und setzt sich seit Jahren für selbstbestimmtes Sterben ein. Er leitete als Chefarzt die Rettungsstelle des Berliner Urban-Krankenhauses und war Mitgründer sowie Geschäftsführer des Vivantes Hospiz Berlin. Mehr zum Thema Empathie findet sich in seinem Buch „Welche Medizin wollen wir?“   

Bild: © Siegfried Büker

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