Facharzt-Weiterbildung Physikalische und Rehabilitative Medizin: Dauer, Inhalte, Perspektiven

12 Mai, 2020 - 15:27
Stefanie Hanke

Die Physikalische und Rehabilitative Medizin ist ein besonders vielseitiger Bereich: Hier steht der ganze Mensch im Mittelpunkt, nicht ein einzelnes Organ oder Symptom. Weitere Vorteile: Mehr Zeit für die Patienten und ein planbarer Arbeitsalltag.
 


Auf einen Blick: Facharzt-Weiterbildung Physikalische und Rehabilitative Medizin

  • Definition: Die Physikalische und Rehabilitative Medizin umfasst die sekundäre Prävention, die Erkennung, die fachbezogene Diagnostik, Behandlung und Rehabilitation bei Krankheiten, Schädigungen und deren Folgen mit den Methoden der physikalischen Therapie, der manuellen Therapie, der Naturheilverfahren und der Balneo- und Klimatherapie sowie die Gestaltung des Rehabilitationsplanes.
  • Dauer: Die Facharzt-Weiterbildung in der Physikalischen und Rehabilitativen Medizin dauert 60 Monate. Davon müssen jeweils 12 Monate in den Bereichen Chirurgie / Neurochirurgie und Innere Medizin / Neurologie abgeleistet werden.

  • Anzahl der Fachärzte: In Deutschland gibt es 2.695 Fachärzte für Physikalische und Rehabilitative Medizin. Davon sind 1.925 berufstätig. 791 arbeiten ambulant, 897 stationär in einer Klinik, 54 in Behörden, Körperschaften und ähnlichen Einrichtungen.
     


Fachärzte für Physikalische und Rehabilitative Medizin (PRM) helfen ihren Patienten, wieder auf die Beine zu kommen: manchmal ganz buchstäblich, manchmal auch im übertragenen Sinne. Denn ihre Aufgabe ist es, Menschen mit akuten oder chronischen Schmerzen oder Funktionseinschränkungen im Bewegungsapparat dabei zu unterstützen, ihre Leistungsfähigkeit und Lebensqualität so weit wie möglich wieder herzustellen – beispielsweise nach einer Operation oder einem Schlaganfall.

Das Aufgabengebiet der PRM-Fachärzte umfasst unter anderem die Frührehabilitation (rehabilitative Strategie im Akut-Krankenhaus), die postakute Rehabilitation (überwiegend in Reha-Kliniken) und Langzeit-Rehabilitation (überwiegend ambulant). Auch die Rehabilitation der Psyche sowie eine Beratung rund um einen gesundheitsbewussten Lebensstil spielen dabei eine wichtige Rolle.

PRM-Fachärzte sind Generalisten: Junge Ärzte lernen schon in der Weiterbildungszeit viele verschiedene diagnostische Verfahren und Therapiemethoden kennen. Außerdem müssen sie sich in vielen unterschiedlichen Fachgebieten auskennen – von der Orthopädie über die Neurologie bis hin zur Inneren Medizin. Denn in der Reha-Medizin werden die Patienten fachübergreifend diagnostiziert und therapiert. Deshalb spielt hier auch die Differentialdiagnostik eine große Rolle: Oft werden Patienten mit einer multiplen Symptomatik und Beschwerden mit unklarer Genese aus der Akut-Klinik entlassen, ohne dass es eine klare Diagnose gibt. PRM-Fachärzte müssen daher die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Beschwerden erkennen und in ihr Therapiekonzept einbeziehen.

Aus diesem Grund ist dieses Fachgebiet auch besonders interdisziplinär: So arbeiten PRM-Fachärzte eng mit Hausärzten, anderen Fachärzten und Psychotherapeuten zusammen, aber auch mit Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Pflegediensten. Ein weiterer Pluspunkt: Die PRM-Fachärzte können sich für die einzelnen Patienten mehr Zeit nehmen, und der Arbeitsalltag in einer Reha-Klinik ist deutlich besser planbar als in anderen medizinischen Fachgebieten. Das sorgt für eine verhältnismäßig gute Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.

In allen europäischen Ländern ist die Physikalische und Rehabilitative Medizin ein eigenständiges ärztliches Fachgebiet. In Deutschland gibt es seit 1967 den Facharzt für Physiotherapie und seit 1992 den Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin. Derzeit gibt es deutschlandweit laut Statistik der Bundesärztekammer (Stand 2019) 2.695 Fachärzte und Fachärztinnen für Physikalische und Rehabilitative Medizin.

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Die Weiterbildung Physikalische und Rehabilitative Medizin im Überblick

Die Dauer der Weiterbildung

Die Weiterbildungszeit in der Physikalischen und Rehabilitativen Medizin beträgt 60 Monate bei einem Weiterbildungsbefugten an einer Weiterbildungsstätte, davon

  • müssen 12 Monate in der stationären Akutversorgung im Gebiet Chirurgie und/oder in Neurochirurgie abgeleistet werden
  • müssen 12 Monate in der stationären Akutversorgung im Gebiet Innere Medizin und/oder in Neurologie abgeleistet werden

Übergreifende Inhalte der Facharzt-Weiterbildung Physikalische und Rehabilitative Medizin

  • Wesentliche Gesetze, Verordnungen und Richtlinien
  • Theoriemodelle der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit, z. B. International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) sowie der Rehabilitation
  • Rehabilitationsspezifische Hygienemaßnahmen unter besonderer Berücksichtigung multiresistenter Erreger
  • Wissenschaftlich begründete Gutachtenerstellung (Richtzahl: 10)
  • Teilnahme an multiprofessionellen Teamsitzungen (Richtzahl: 50)
  • Rehabilitationsspezifische Aspekte der Behandlung von Patienten mit kognitiven Defiziten
  • Rehabilitationsspezifische Beratung und Mitbehandlung von Suchterkrankungen

Notfälle

  • Erkennung und Behandlung typischer Komplikationen im Behandlungsverlauf sowie deren Prophylaxe

Prävention

  • Prävention von Krankheiten, arbeitsplatzbedingten Belastungen und Schädigungen (Primärprävention)
  • Prävention von Krankheitsfolgen (Sekundärprävention)
  • Prävention von Einschränkungen der Teilhabe sowie von Hilfe- bzw. Unterstützungsbedarf (Tertiärprävention)
  • Präventionsmedizinische Untersuchungen und Beratungen einschließlich sportmedizinischer Aspekte
  • Arbeitsplatzorientierte Beratungen
  • Beratung zu Hilfe- und Unterstützungsbedarf

Soziale Sicherungssysteme und Versorgungsstrukturen

  • Grundprinzipien der sozialen Sicherung, Rehabilitations- und Sozialmedizin
  • Rehabilitationsbezogene Steuerungselemente im Gesundheitswesen und ihre praktische Anwendung
  • Grundlagen und methodische Prinzipien der Rehabilitation und Rehabilitationssteuerung
  • Medizinische Rehabilitation, insbesondere Leistungsformen, spezifische Rehabilitationsangebote und -verfahren und Einrichtungen
  • Berufliche Rehabilitation (Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben) und Wiedereingliederung
  • Schulisch-pädagogische Rehabilitation und Leistungen zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft
  • Grundlagen der Durchgangsarzt- und Verletztenartenverfahren der gesetzlichen Unfallversicherung
  • Anwendung von Modellen der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit
  • Indikationsstellung und Zuweisung zu den verschiedenen rehabilitativen Versorgungsformen (Richtzahl: 50)
  • Indikationsstellung und Einleitung von beruflichen und/oder arbeitsplatzorientierten Rehabilitationsleistungen (Richtzahl: 20)
  • Indikationsstellung und Beratung zu Leistungen zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft (Richtzahl: 20)
  • Beurteilung des Leistungsvermögens, der Arbeitsunfähigkeit und der Erwerbsminderung sowie der Pflegebedürftigkeit (Richtzahl: 100)

Diagnostische Maßnahmen

  • Differentialdiagnostik von Struktur- und Funktionsstörungen
  • Manualmedizinische Untersuchung von Komplex- und Einzelbefunden des Bewegungssystems, z. B. Bewegungsstörungen, regionale Befunde, Einzelbefunde an Gelenken, Muskeln, faszialen, viszeralen und neuronalen Strukturen (Richtzahl: 200)
  • Neurologische Befunderhebung bei Störungen des peripheren und zentralen Nervensystems
  • Indikationsstellung, Durchführung und Auswertung apparativer Diagnostik
  1. EKG
  2. Belastungs-EKG
  3. Lungenfunktionsprüfung
  • Sonographie der Bewegungsorgane (Richtzahl: 200)
  • Indikationsstellung und Befundinterpretation radiologischer Untersuchungen, auch unter funktionellen Gesichtspunkten
  • Teilnahme an radiologischen Fallbesprechungen (Richtzahl: 50)
  • Stand- und Ganganalyse
  • Orientierende psycho-pathologische Befunderhebung
  • Indikationsbezogene Auswertung von Assessmentinstrumenten zur Selbst- und Fremdeinschätzung

Krankheiten und Störungen der Funktionsfähigkeit

  • Mit- und Anschlussbehandlung sowie Rehabilitation von Erkrankungen und Funktionsstörungen, insbesondere
  1. Folgen komplikativer Krankheitsverläufe
  2. funktionelle, degenerative, entzündliche und stoffwechselbedingte Krankheiten des Bewegungssystems
  3. Verletzungsfolgen einschließlich Polytrauma, Schädel-Hirn-Trauma, Querschnittsläsionen
  4. zerebrale Durchblutungsstörungen einschließlich Schlaganfall
  5. neurodegenerative Krankheiten und periphere Nervenläsionen
  6. Krankheiten des kardiopulmonalen Systems
  7. Krankheiten des Gefäßsystems einschließlich des Lymphgefäßsystems
  8. angeborene Leiden und Folgen frühkindlicher Hirnschäden
  9. psychische und psychosoziale Erkrankungen und Problemlagen

Interventionen

  • Methode und Therapiemittel, physiologische Wirkung und Therapieeffekte von physikalischen Therapien, z. B. Krankengymnastik, Manuelle Therapie, Ergotherapie, Sporttherapie, Massagetherapie, Elektro- und Ultraschalltherapie, Hydrotherapie, Thermotherapie, Balneotherapie und Inhalationstherapie
  • Rehabilitative Maßnahmen wie Rehabilitationspflege, Logopädie, Neuropsychologie, rehabilitative Sozialarbeit, Patientenschulung und -information, Kunst- und Musiktherapie, begleitende psychotherapeutische Verfahren, Ernährungstherapie
  • Indikationsstellung, Einleitung und Verlaufsbeurteilung physikalischer und rehabilitativer Interventionen unter kurativer und rehabilitativer Zielsetzung (Richtzahl: 100)
  • Interventionelle Methoden
  • Diagnostische und therapeutische Punktionen und Injektionen
  • Manualmedizinische Behandlungstechniken, auch in Kombination mit Untersuchungstechniken
  • Differentialindikative Hilfsmittelversorgung mit Orthesen und Prothesen, Einlagen- und Schuhversorgung, rehabilitativer Technologie und Kompressionsbestrumpfung, Mobilitätshilfen (Richtzahl: 50)

Frührehabilitation

  • Grundlagen kombinierter akut- und rehabilitationsmedizinischer Behandlung
  • Transfer- und Mobilisationskonzepte
  • Grundlagen der Beatmung und Beatmungsentwöhnung, Tracheostoma- und Sekretmanagement
  • Planung und Durchführung der Frührehabilitation einschließlich frührehabilitativer Komplexbehandlung im multiprofessionellen Team (Richtzahl: 50)
  • Strukturierte Überwachung des frührehabilitativen Verlaufs und Überleitungsmanagement
  • Weiter- und Nachbehandlung der zur Frührehabilitation führenden Krankheit oder Verletzung, der Begleitkrankheiten und Komplikationen
  • Frührehabilitative Assessments (Richtzahl: 50)
  • Dysphagiemanagement
  • Ernährungsmanagement
  • Trachealkanülenversorgung

Postakute und Anschlussrehabilitation sowie intermittierende Heilverfahren

  • Rehabilitationsdiagnostik und -assignment
  • Rehabilitationsplanung und rehabilitative Interventionen
  • Therapieevaluation und -modifikation
  • Überleitungsmanagement und sozialmedizinische Beurteilung
  • Planung, Koordination und Beurteilung postakuter Rehabilitation und intermittierender Heilverfahren (Richtzahl: 50)

Rehabilitative Langzeitversorgung und ambulante rehabilitative Krankenbehandlung

  • Rehabilitative Langzeitversorgung und Nachsorge
  • Auswahl und Einleitung von Leistungen zur Teilhabe in der Langzeitversorgung von Menschen mit chronischen Krankheiten bzw. Behinderungen (Richtzahl: 10)
  • Einleitung von Funktionstraining bzw. Rehabilitationssport (Richtzahl: 20)

Konservative und operative Akutversorgung

  • Assistenzen bei Operationen (Richtzahl: 50)
  • Wund- und Infektionsmanagement sowie Verbandlehre
  • Gerinnungsmanagement sowie Prophylaxe, Diagnostik und Therapie von Thrombosen
  • Indikationsstellung und Befundinterpretation von Abdomensonographien, Dopplersonographien der Gefäße, Echokardiographien, endoskopischen Verfahren
  • Indikationsstellung und Befundinterpretation von Elektroenzephalographien, Elektromyographien, Nervenleitgeschwindigkeiten, evozierten Potenzialen
  • Grundlagen der Botulinumtoxintherapie

Quellen: Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer 2018, Ärztestatistik 2019, Deutsche Gesellschaft für Physikalische und Rehabilitative Medizin (www.dgprm.de)
 


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