
Ärztinnen und Ärzte reduzieren ihre Arbeitszeit oft, weil sie sich chronisch überlastet fühlen. Formal arbeitet zwar ein Drittel in Teilzeit, doch 91 Prozent leisten regelmäßig mehr als 40 Stunden pro Woche, fast die Hälfte sogar mehr als 55 Stunden. Das zumindest ergab eine Umfrage des Hartmannbundes, an der 741 Ärztinnen und Ärzte teilnahmen.
Den Ergebnissen zufolge leiden 86 Prozent der Befragten an Erschöpfung, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen oder unter Stress. Mehr als die Hälfte bewertet die eigene Work-Life-Balance als schlecht. Die Befragten kritisieren insbesondere Minusstunden, unbezahlte Aktivzeiten in Bereitschaftsdiensten und eine hohe Belastung außerhalb der Kernarbeitszeiten. Darüber hinaus empfinden drei Viertel der Ärztinnen und Ärzte ihre Vergütung als nicht fair.
„Teilzeit ist keine Frage der Bequemlichkeit, sondern für viele Ärztinnen und Ärzte die letzte Möglichkeit, unter den bestehenden Bedingungen arbeitsfähig zu bleiben“, sagte Prof. Dr. med. Anke Lesinski-Schiedat, stellvertretende Vorsitzende des Hartmannbundes. Wer dauerhaft über seiner Belastungsgrenze arbeite, gefährde seine Gesundheit und die Patientensicherheit. Das Reduzieren von Arbeitszeit sei daher für viele eine Schutzmaßnahme.
Aus Sicht des Hartmannbundes ist die hohe Dienstbelastung von Ärztinnen und Ärzten eine Folge organisatorischer Ineffizienzen und struktureller Fehlsteuerungen. So fungierten Teilzeitbeschäftigte zum Beispiel oft als „Ausfallreserve“ bei kurzfristigen Personallücken. Erforderlich seien neue Organisationsabläufe, unterstützt durch Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Dazu zählten lebensphasenorientierte Arbeitszeitmodelle, kombiniert mit Homeoffice-Anteilen für patientenferne Aufgaben, schichtdynamische Vergütungen und ein Ausgleich besonders belastender Dienste. Ziel müsse es letztlich sein, ärztliche Arbeitszeit sinnstiftend zu gestalten – mit mehr Zeit für Patientinnen und Patienten und weniger administrativen Aufgaben.
Dtsch Arztebl 2026; 123(9): [4]



