
Wenn man die Klinik Floridsdorf betritt, wirkt nichts wie ein klassisches Krankenhaus. Licht fällt durch hohe Glasfronten, das helle Holz der Galerie schwingt sich über dem Raum, und im Eingangsbereich sitzt eine Familie im Café. Erst beim zweiten Blick erkennt man die Beschilderung für Notfall, Ambulanzen und Stationen. Es ist ein bewusst gewähltes Signal: Ein öffentliches Krankenhaus kann modern, offen und würdevoll sein, auch für Menschen, die nicht reich sind.
Eine junge Familie ist auf dem Weg zum Ausgang. Der Vater schiebt den Kinderwagen, die Mutter folgt langsam, vorsichtig, aber lächelnd. Vor wenigen Tagen wurde sie wegen eines Bandscheibenvorfalls operiert. Schmerzen ja, aber alles gut verlaufen, erzählt sie. Und vor allem eines: Sie habe sich hier gut versorgt gefühlt. In einem Stadtteil, der Wien in all seinen sozialen Facetten repräsentiert, steht dieses Krankenhaus wie ein Versprechen. Modern wie eine Privatklinik, aber bewusst öffentlich gedacht.
Entflochtene Patientenströme und ein neues Verständnis von Notfallmedizin
Die Klinik Floridsdorf wurde nicht nur gebaut, sondern geplant wie ein Versorgungssystem der Zukunft. Schon vor dem Haupteingang beginnt das Konzept der Entlastung, denn hier ist die Erstversorgungsambulanz vorgelagert. Sie wird von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Ärztefunkdienstes geführt und dient als erste Einschätzung, ob es sich um einen echten Notfall handelt oder ob Rezept, Facharztüberweisung oder eine rasche ambulante Behandlung ausreichen.
„Erst wer hier das Häkchen für einen echten Notfall erhält, gelangt in die zentrale Notaufnahme. Dieses System hat sich besonders in der Pandemie bewährt“, erklärt Birgit Wachet vom Wiener Gesundheitsverbund. Dort habe man gesehen, wie wichtig räumliche Trennung zwischen Infektpatientinnen und -patienten und etwa orthopädischen Fällen ist. Die Entflechtung ist Effizienzfaktor, Sicherheitsmaßnahme und Strukturprinzip zugleich.
Das Prinzip habe sich bewährt, berichtet Wachet. Es verhindert, dass Menschen mit leichten Beschwerden die zentrale Notaufnahme blockieren. Die Erstversorgungsambulanz ist zudem eine Ergänzung zum niedergelassenen Bereich, nämlich z. B. am Abend oder Wochenende, also dann, wenn der Hausarzt oder die Hausärztin nicht mehr offen hat und oft der Weg ins Krankenhaus unausweichlich erscheint.
Die Architektur des Krankenhauses folgt einem durchdachten Ablauf. Herzinfarktverdacht, schwerer Unfall oder Schlaganfall gelangen über eine eigene Zufahrt oder über einen Lift, der an den Hubschrauberlandeplatz angebunden ist, direkt in den Schockraum. Dort können Diagnostik und Therapie ohne Umwege beginnen, inklusive sofortigem CT. Die Stroke Unit ist über einen eigenen Lift angebunden. Kurze Wege bedeuten hier bessere Ergebnisse und in Floridsdorf wurden sie so geplant, dass Notfalleingang, Radiologie, OP und Intensivstation funktional miteinander verschränkt sind.
Architektur als Versorgungsfaktor: Licht, Holz und kurze Wege
Schon beim Betreten der Haupthalle fällt die besondere Atmosphäre auf: warme Materialien, viel Licht, klare Blickachsen. Das ist kein Zufall. Die Planungsphase begann früh und band künftige Nutzerinnen und Nutzer eng ein. Wachet sagt: „Wir wollten nicht nur, dass die Patientinnen und Patienten sich wohlfühlen, sondern auch die Mitarbeitenden.“ Was sie damit meint: In Zeiten des Fachkräftemangels wird Architektur zu einem zusätzlichen strategischen Faktor.
Bewegung im Alltag ist ausdrücklich erwünscht und architektonisch unterstützt. Über kurze Wege gelangt man zu Dachgärten, Therapiegärten und Flächen mit unterschiedlichen Untergründen, die Reha-Übungen ermöglichen. Für die Kinder- und Jugendpsychiatrie wurden eigene Zugänge und geschützte Außenbereiche geschaffen. Wer möchte, kann sich natürlich im gesamten Gelände frei bewegen. Doch wenn Menschen mit Fremd- oder Eigengefährdung eintreffen, werden sie nicht auf eine stigmatisierende Weise durch die Klinikflure in den für sie vorgesehenen Bereich transportiert.
Durchdachte Struktur im Hintergrund
Eine Besonderheit, die im Alltag kaum sichtbar ist, aber die Versorgungsqualität stark beeinflusst, ist das fahrerlose Transportsystem. Wäsche, Medikamente, Verbrauchsgüter und die Speisen gelangen über autonome Wagen auf eigenen Wegenetzen zu den Stationen. Das Personal muss sich nicht mehr um logistische Wege kümmern. „Das System wurde so geplant, dass Patientinnen und Patienten die Transporte gar nicht sehen. Alles läuft über eigene Aufzüge und Strecken“, sagt Wachet.
Auch die Trennung von Notfallbetrieb, Terminambulanzen und stationären Bereichen ist klar strukturiert. Terminpatientinnen und Terminpatienten kommen mit festen Uhrzeiten, während der Notfallbetrieb über eigene Wege geführt wird. Das reduziert Wartezeiten und schafft Ruhe auf den Stationen. Die Bettenführungsstation ermöglicht es, Diagnostik und Abklärung vor stationärer Aufnahme konzentriert vorzunehmen. Menschen, deren Zustand zunächst unklar ist, erhalten dort innerhalb weniger Stunden eine vollständige Abklärung, bevor entschieden wird, welche Abteilung geeignet ist.
Hintergrund ist das Bemühen um die Trennung zwischen Akutpatientinnen und -patienten und planbaren, also elektiven, Patientinnen und Patienten. Erstere kommen entweder selbst und in diesem Fall von der Erstversorgungsambulanz geschickt oder per Rettungsfahrzeug oder Helikopter auf die Zentrale Notaufnahme. Dort wird – je nach Dringlichkeit – abgeklärt und diagnostiziert. Sollte eine Diagnose nicht vor dem Abend möglich sein, werden die Patientinnen und Patienten nicht einfach auf irgendeiner Station aufgenommen, sondern bleiben auf der Notfallstation, wo sie typischerweise vom Abend bis zum folgenden Vormittag stationär aufgenommen werden. Erst am Folgetag werden sie auf jene Station verlegt, auf die sie laut Diagnose auch wirklich gehören. Die Folge: Weil nicht ständig Patientinnen und Patienten in der Nacht auf irgendwelche Betten verteilt werden, herrscht auf den Stationen deutlich mehr Ruhe in der Nacht.
Was macht die Klinik Floridsdorf medizinisch besonders?
Die Klinik Floridsdorf in Wien gilt als eines der modernsten öffentlichen Krankenhäuser in Österreich. Sie kombiniert mehrere Merkmale, die in der klinischen Versorgung relevant sind:
- Entflochtene Patientenströme einmal durch eine vorgelagerte Erstversorgungsambulanz, die die zentrale Notaufnahme entlastet und klare triagebasierte Abläufe ermöglicht, sowie durch die Trennung von planbarem und Notfallbetrieb.
- Schockraum mit bis zu vier Schockraumplätzen, eigenem CT und direktem Zugang zur Stroke Unit und zum Heliport über einen eigenen Lift.
- 16 OP-Säle mit kurzen Wegen zwischen Notfall, OP-Bereich und Intensivversorgung.
- Fahrlose Transportsysteme für Speisen, Wäsche, Material und Medikamente, die das Personal entlasten.
- Therapie- und Dachgärten, kurze Wege und viel Tageslicht als Teil eines heilungsfördernden architektonischen Konzepts.
- Eigenständige Zugänge für Psychiatrie, um sichere, nicht stigmatisierende Wege zu gewährleisten.
- Großes Simulationszentrum, in dem interprofessionelle Teams realitätsnahe Notfallszenarien trainieren können.
Diese Elemente wurden bereits in der Planungsphase in enger Abstimmung mit medizinischen Fachbereichen entwickelt.
Viele dieser Konzepte basieren auf internationalen Vorbildern. Teams der Klinik besuchten unter anderem die Charité in Berlin, um OP-Management, Lagerlogistik und Apothekenstrukturen zu studieren. Die Ergebnisse flossen direkt in die Planung ein.
Ein internationales Thema, mit dem sich alle im Gesundheitswesen arbeitenden Menschen beschäftigen müssen, ist die steigende Gewalt. Das ist auch in Österreich ein Problem und eine Herausforderung, der der Wiener Gesundheitsverbund aktiv begegnet. „Wir schauen uns das Thema sehr gezielt an und strukturieren Maßnahmen, damit unsere Mitarbeitenden geschützt sind“, sagt Wachet. Der Fokus liegt auf der Präventionsarbeit. Es geht darum, gewalttätige Vorfälle zu verhindern und das Sicherheitsgefühl von Mitarbeiterinnen, Mitarbeitern und Patientinnen und Patienten zu stärken. In speziellen Deeskalationsmanagement-Schulungen lernen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beispielsweise den Umgang mit Aggression und Gewalt.
Nachhaltigkeit und Ressourcenintelligenz
Die Klinik Floridsdorf ist auch ein Modell dafür, wie Krankenhäuser in Zeiten des Klimawandels geplant werden können. Anstatt auf energieintensive Vollklimatisierung zu setzen, arbeitet das Haus mit Wandkühlung, Fernwärme, Fernkälte, Verschattung und gezielter Begrünung. Hitzeperioden stellen dennoch eine Herausforderung dar, aber energetisch ist das Konzept klar zukunftsorientiert.
Besonders eindrucksvoll ist die sogenannte Grätzelheizung. Direkt neben dem Krankenhaus steht ein Rechenzentrum. Dessen warme Abluft wurde früher ungenutzt in die Umgebung entlassen. Heute wird sie über ein gemeinsames Projekt mit Wien Energie genutzt, um per Wärmepumpe bis zu 70 Prozent des Heizbedarfs der Klinik zu decken. Hinzu kommen Photovoltaikflächen, 1.000 neu gepflanzte Bäume und vorgezogene Pflanzen, die bereits Schatten spenden.
„Nachhaltigkeit ist hier kein Zusatz, sondern ein strukturelles Element der Bauplanung“ berichtet Wachet. Das Gesamtkonzept aus Innovationen in Architektur, Technik und Medizin führt dazu, dass regelmäßig Delegationen aus anderen Ländern und Städten kommen, um sich das Konzept anzusehen, darunter Vertreterinnen und Vertreter aus Hamburg, Zürich und Budapest.
Arbeitgeberprofil, Training und neue Professionalität
Für das medizinische Personal besonders relevant ist das Universitäre Simulationszentrum Wien – eine Kooperation des Wiener Gesundheitsverbundes und der Medizinischen Universität Wien. Auf zwei großen Trainingsflächen üben interprofessionelle Teams realitätsnah Notfallszenarien: Geburt, Neugeborenenversorgung, Reanimation und komplexe OP-Abläufe. Die Hightech-Puppen können atmen, reagieren und sogar sterben, während Trainerinnen und Trainer hinter Spiegelglas beobachten und Simulationen steuern. Szenarien können eskalieren, vital reagieren oder verändert werden, sodass Teams unter realitätsnaher Belastung arbeiten müssen.
Das Training kommt allen zugute, denn so können technische Fertigkeiten eingeübt werden, wie beispielsweise die Reanimation eines Neugeborenen. Dieser Fall tritt nämlich so selten ein, dass man es nicht erst am Neugeborenen selbst trainieren kann. Darüber hinaus lernen die Teilnehmenden, in Teams zusammenzuarbeiten, z.B. wer für was zuständig ist und wie eine gute Rollenverteilung funktioniert. Die Klinik schafft damit einen geschützten Raum, in dem Fehler erlaubt sind und Lernen ohne Risiko möglich ist. „Man vergisst im Training, dass es eine Puppe ist. Der Stress fühlt sich real an“, sagt Wachet. Das ist eine Qualität, die sich unmittelbar in der Patientenversorgung niederschlägt.
Als Teil des Wiener Gesundheitsverbundes öffnet die Klinik Floridsdorf zudem Perspektiven für Weiterentwicklung und Spezialisierung. Mit rund 30.000 Mitarbeitenden ist der Verbund einer der größten Gesundheitsdienstleister Europas. Wachet betont: „Wir können viel bieten und wir wollen zeigen, dass gute Arbeitsbedingungen kein Zufall sind.“
Dass das Haus wie eine Privatklinik wirkt und dennoch öffentlich ist, ist bewusst gesetzt. Es signalisiert Wertschätzung, Modernität und ein Bekenntnis dazu, dass hochwertige Versorgung keine Frage des Einkommens ist. Die junge Mutter am Eingang formulierte es so: „Es ist gut zu wissen, dass es in der Nähe so ein Krankenhaus gibt.“
Welche strukturellen Konzepte der Klinik Floridsdorf sind für Ärztinnen und Ärzte relevant?
Die Klinik Floridsdorf setzt auf mehrere Konzepte, die speziell für medizinische Fachkräfte bedeutsam sind:
- Terminambulanzen statt Walk-in: Ambulante Patientinnen und Patienten kommen ausschließlich mit Termin. Das reduziert Wartezeiten und stabilisiert Abläufe im klinischen Alltag.
- Zentrale Notaufnahme mit eigener Bettenstation: Zur Überwachung und weiteren Diagnostik und Abklärung.
- Nachhaltige Energieversorgung: Wandkühlung, Fernkälte, Photovoltaik und die Grätzelheizung, die Abwärme eines benachbarten Rechenzentrums nutzt.
- Modulare, anpassbare Bauweise: Bereiche können funktional verändert werden, ohne grundlegende Strukturen des Hauses umbauen zu müssen.
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit: Radiologie, Neurologie, Notfallmedizin und OP-Management sind funktional eng miteinander verschaltet.
Diese Strukturen sollen Arbeitsprozesse verbessern, Sicherheit erhöhen und die Versorgungsqualität langfristig stabil halten.


