Klinik Möhnesee: Hitzeschutz im laufenden Betrieb

27 August, 2026 - 07:53
Miriam Mirza
Dr. Becker Klinik Möhnesee

Möhnesee, 2026, mitten im bislang heißesten Sommer seit Jahren. Mehr als 15.000 Menschen sind nach Informationen des Robert-Koch-Instituts bundesweit schon an den Folgen der Hitze gestorben, die meisten davon hochbetagt, viele davon Patientinnen und Patienten, wie man sie auch in Rehakliniken vorfindet. Neu bauen kann in dieser Lage niemand kurzfristig. Also müssen Kliniken lernen, mit dem umzugehen, was sie schon haben. An der Dr. Becker Klinik Möhnesee zeigt Fachärztin Maria Augstein, wie das im laufenden Betrieb gelingen kann, und wo selbst das beste Konzept an seine Grenzen stößt.

Wo es geht, Sporttherapie im Schatten statt in der Mittagssonne, Coolpacks und Ventilatoren, angepasste Blutdrucksenker statt Standarddosis. So sieht der Klinikalltag an der Dr. Becker Klinik Möhnesee aus, sobald eine Hitzewarnung eintrifft. Nichts davon erfordert einen Neubau. Genau das macht das Beispiel interessant, denn die meisten deutschen Krankenhäuser und Rehakliniken stehen in Gebäuden aus den siebziger, achtziger oder neunziger Jahren, die niemand kurzfristig durch klimaresiliente Neubauten ersetzen wird. Wer heute Hitzeschutz betreiben will, muss also mit dem arbeiten, was schon steht, und zwar mit dem Personal, das schon da ist, und mit Budgets, die selten für große bauliche Sprünge reichen.

31.07.2026, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
Uster

Nichtsdestotrotz ist das Thema dringend. Das zeigen die Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI). Im Wochenbericht vom 23. Juli 2026 (Kalenderwoche 28) schätzt das Institut für das laufende Jahr bereits rund 7.900 hitzebedingte Sterbefälle bundesweit, mit einem Prädiktionsintervall von 6.800 bis 9.000. Das liegt im Bereich der bisherigen Spitzenjahre 2018 und 2019 mit jeweils rund 7.000 Sterbefällen, während 2020 sowie 2022 bis 2024 jeweils bei etwa 3.000 lagen. Allein die Hitzephase ab Mitte Juni dieses Jahres kostete nach RKI-Schätzung rund 5.100 Menschen das Leben, die meisten davon über 85 Jahre alt. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum lagen die Werte 2023 bei rund 810, 2024 bei rund 470 und 2025 bei rund 560 Sterbefällen. Betroffen sind überproportional Frauen, was das RKI vor allem auf ihren höheren Anteil in den ältesten Altersgruppen zurückführt, also genau der Gruppe, die in Rehakliniken wie Möhnesee einen großen Teil der Patientenschaft ausmacht.

Ein Konzept, das mit den Mitarbeitenden wächst

Maria Augstein ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und Funktionsoberärztin der Kardiologie an der Klinik. Als hygienebeauftragte Ärztin und Mitglied im Arbeitsschutzausschuss (ASA) hat sie 2023 mit Unterstützung der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) das Hitzeschutzkonzept der Klinik mit erarbeitet. Zudem führt sie dazu Schulungen für Mitarbeitende sowie für Patientinnen und Patienten durch. Das Konzept wird laufend überprüft und aktualisiert. In den einzelnen Abteilungen unterstützen inzwischen eigene Hitzeschutzbeauftragte die Umsetzung und Augstein steht ihnen beratend zur Seite.

Am Alltag selbst hat sich dadurch, sagt Augstein, nicht grundlegend viel verändert. Sie berichtet von einer anderen Art der Aufmerksamkeit, die nicht nur die Patientinnen und Patienten in den Blick nimmt. Mitarbeitende achten heute gegenseitig aufeinander. "Der Eigenschutz für uns darf nicht vergessen werden", sagt Augstein. Augstein selbst merkt bei Hitze, wie ihre eigene Konzentration und Denkfähigkeit nachlassen und wie sie schneller ermüdet. Untersuchungen und Verordnungen kontrolliert sie an solchen Tagen noch genauer als sonst, auch Gespräche mit Patientinnen und Patienten fallen dann beiden Seiten manchmal schwerer. "Zum Glück ist die ärztliche Tätigkeit in einer Rehaklinik nicht so körperlich anstrengend wie in den Akutkliniken", sagt Augstein, "aber auch ich merke bei der Hitze, dass man mental schneller erschöpft ist." Ihr Fazit fällt trotzdem zuversichtlich aus: "Noch gelingt mir der Spagat sehr gut."

Der Ablauf bei Hitzewarnung

Trifft eine Hitzewarnung ein, verfolgt diese das Team über Warnapps wie die des Deutschen Wetterdienstes oder die Notfall-Informations- und Nachrichten-App die Temperaturentwicklung, um Therapien rechtzeitig umzustellen. Therapien mit sportlicher Betätigung, vor allem im Freien, werden in kühlere Tageszeiten verlegt oder ganz gestrichen. Darüber hinaus werden Cooling-Zonen eingerichtet sowie Coolpacks und Fächer verteilt. Morgens sorgen die Mitarbeitenden in den Abteilungen zunächst für Durchlüftung, die wenigen vorhandenen Klimaanlagen werden in Betrieb genommen, und es wird gezielt für Pausen gesorgt.

Das Pflegeteam hat besonders Patientinnen und Patienten mit Herzmedikamenten wie Blutdrucksenkern oder Diuretika im Blick, deren Dosierung bei Hitze engmaschig kontrolliert und gegebenenfalls angepasst werden muss. Auch die richtige Lagerung der Medikamente selbst muss beachtet werden, denn falsche Lagerung kann ihre Wirkung verändern. Am stärksten wirkt sich das Konzept auf die Planung der Outdoortherapien aus, was auch Visiten- und Untersuchungszeiten verschieben kann. Die Abstimmung zwischen Pflege, Therapie und Ärzteschaft funktioniert dabei nach Augsteins Beschreibung reibungslos, weil jede Berufsgruppe ihre Zuständigkeit im Ernstfall genau kennt.

Wo kurzfristige Maßnahmen an ihre Grenzen stoßen

Die Grenzen des Konzepts benennt Augstein am deutlichsten selbst. Kurzfristige Maßnahmen wie Ventilatoren oder verlegte Therapiezeiten lassen sich schnell und gut umsetzen. Bei einer länger dauernden Hitzewelle heizen sich Patientenzimmer und Arbeitsräume aber trotzdem auf. "Da nutzen die kurzfristigen Maßnahmen, wie zum Beispiel Ventilatoren, nicht mehr viel", sagt Augstein. In den Hitzeschutzkonzepten seien deshalb auch mittel- und langfristige Maßnahmen hinterlegt, "die aber Zeit und Geld brauchen".

Wie teuer das werden kann, zeigt ein anderer Standort der Dr. Becker Klinikgruppe. An der Kiliani-Klinik in Bad Windsheim wurden dreifachverglaste Fenster für rund 300.000 Euro eingebaut, um Hitzeeintrag und Wärmeverlust zugleich zu reduzieren. Eine Investition, die sich nicht jede Einrichtung ohne Weiteres leisten kann, gerade wenn Rehakliniken wirtschaftlich ohnehin unter Druck stehen und Klimaanlagen oder Verglasung nicht zu den Positionen gehören, die sich kurzfristig refinanzieren.

Kein Einzelfall, sondern Konzernstandard

Die Klinik Möhnesee steht nicht allein vor dieser Problematik. Alle acht Rehakliniken der Dr. Becker Gruppe haben inzwischen eigene Hitzeschutzkonzepte als Teil ihres Notfallmanagements integriert, jede mit eigenen lokalen Lösungen. An der Burg-Klinik in Thüringen etwa findet die Sporttherapie im schattigen Flussbett der Felda statt, Nordic Walking und Qigong inklusive. Klinikdirektor Martin Vitzithum von der Kiliani-Klinik fasst das gemeinsame Ziel so zusammen: hitzebedingte Komplikationen verhindern, den Reha-Erfolg trotz Hitze sichern, Maßnahmen schnell umsetzen und ein funktionierendes Warnsystem nutzen. Orientierung bieten dabei Empfehlungen bundesweiter Arbeitsgruppen und Ministerien, etwa des Bundesumweltministeriums.

Die Konzepte sind Teil der unternehmensweiten Nachhaltigkeitsinitiative "Natürlich für morgen", die die Klinikgruppe seit 2021 verfolgt und deren Grundlage unter anderem eine jährlich berechnete CO2-Bilanz ist. Nach eigenen Angaben senkte die Gruppe ihre Emissionen seit dem Basisjahr 2019 um knapp 17 Prozent und plant eine Reduktion um 50 Prozent bis 2030. Diese Ergebnisse wurden unter anderem durch Investitionen in Heiztechnik, ein unternehmensweites Ernährungskonzept mit regionalen und saisonalen Lebensmitteln und den Einkauf von zertifiziertem Ökostrom erzielt. Für dieses Engagement wurde die Gruppe mehrfach von der Nichtregierungsorganisation Health Care Without Harm mit der Climate Commitment Recognition ausgezeichnet, zuletzt im Januar 2026. Diese Zahlen zeigen, dass Hitzeschutz bei Dr. Becker in ein größeres, dokumentiertes Nachhaltigkeitsprogramm eingebettet ist und nicht nur eine saisonale PR-Maßnahme darstellt.

Was Augstein anderen Kliniken rät

Wie immer ist das Interesse an solchen Konzepten besonders groß, wenn schon die nächste Hitzewelle vor der Tür steht. Doch der Klimawandel ist kein saisonales Thema. Was kann die Klinik Möhnesee an andere Häuser weitergeben? "Ich kann nur allen Kliniken empfehlen, ein Hitzeschutzkonzept zu entwickeln", sagt Augstein. "Es gibt genügend bereits vorliegende Konzepte, auch von öffentlicher Seite her, denen man sich bedienen kann, man muss das Rad nicht neu erfinden." Auch Unterstützung von Expertinnen und Experten wie KLUG lasse sich gezielt einholen. Wichtig sei, dass alle Mitarbeitenden und Abteilungen von Anfang an eingebunden würden und, wie in der Klinik am Möhnesee, feste Verantwortliche benannt werden, die Erstellung und Umsetzung des Konzepts vor Ort begleiten. "Das ist am Anfang sicherlich viel Arbeit, aber umso leichter ist später die Umsetzung."

Am Möhnesee gehören dazu auch regelmäßige Pflichtfortbildungen zum Thema Hitze, die sowohl digital als auch in Präsenz stattfinden, sowie wiederkehrende Informationen für Patientinnen und Patienten in den Sommermonaten, etwa über Flyer und Vorträge.

Die politische Ebene fehlt noch

Dass einzelne Kliniken allein nur begrenzt gestalten können, zeigt sich auch in der aktuellen Fachdebatte. Der Geriater Clemens Becker forderte in einer vielbeachteten Übersichtsarbeit, extreme Hitzewellen rechtlich als Naturkatastrophen einzustufen, um im Ernstfall Krisenstäbe zu aktivieren oder Arbeitsverbote auszusprechen, ähnlich wie es einige Länder wie Kanada oder Australien bereits handhaben. Vorgeschlagen werden dabei unter anderem klimaangepasste Medikationspläne, klimatisierte Hitzeschutzräume und eine flächendeckende, verpflichtende Ausstattung von Risikogruppen mit Kühlhilfen, finanziert und koordiniert über eine ressortübergreifende nationale Strategie. Genau an diesem Punkt trifft sich die Forderung mit Augsteins eigener Erfahrung aus dem Klinikalltag.

Ausblick

"Durch den Klimawandel und die damit verbundenen Hitzeperioden werden wir auch immer mehr Patientinnen und Patienten mit durch Hitze verschlimmerten Erkrankungen oder durch Hitze und Klimawandel neu auftretenden Erkrankungen bekommen, die das Gesundheitssystem zusätzlich belasten und auch zu höheren Belastungen der Mitarbeitenden führen", sagt Augstein voraus. Die mittel- und langfristigen Maßnahmen aus den Hitzeschutzkonzepten, die eigentlich am meisten bewirken würden, kosten nach ihrer Einschätzung viel Geld und Zeit und müssten deshalb "mit Hilfe der Politik und des Staates zügig erkannt und umgesetzt werden". Bis diese Unterstützung da ist, bleibt vielen Einrichtungen nur, mit dem zu arbeiten, was sie schon haben, klug organisiert und immer wieder neu an die Realität angepasst.

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