Dr. Guth: „Die jungen Ärztinnen und Ärzte heutzutage leisten enorm viel“

8 April, 2021 - 08:11
Dr. Sabine Glöser
Dr. Matthias Guth
Dr. Matthias Guth ist seit 1. November 2020 Chefarzt der Klinik für Interdisziplinäre Notfallmedizin am Sana Klinikum Lichtenberg.

Über wichtige Erfahrungen, gewonnene Einsichten und ausgefallene Wünsche spricht aerztestellen.de mit erfolgreichen Ärztinnen und Ärzten. Dieses Mal stellt sich Dr. med. Matthias Guth unseren Fragen. Seit 1. November 2020 ist er Chefarzt der Klinik für Interdisziplinäre Notfallmedizin am Sana Klinikum Lichtenberg.

Herr Dr. Guth, warum eigentlich sind Sie Notarzt geworden?

Dr. Matthias Guth: Ich habe schon während des Studiums im Rettungsdienst und in einer Notfallpraxis gearbeitet, daher auch die Entscheidung, Anästhesist zu werden. Letztendlich ausschlaggebend war mein Praktisches Jahr, das ich unter anderem in der Notaufnahme eines staatlichen Krankenhauses in Kapstadt verbracht habe. Da wurde mir klar, dass ich auch künftig im Bereich der Notfall- und Akutmedizin tätig sein möchte.

Was ist für Sie unabdingbar, damit Sie gut arbeiten können?

Dr. Matthias Guth: Ein gut funktionierendes Team, auf das man sich verlassen kann. Das klingt jetzt vielleicht ein wenig abgedroschen, aber gerade in der Notfallmedizin kommt man als Solo-Spieler schnell an seine Grenzen.

Wie lautet der beste Rat, den Sie auf Ihrem Karriereweg bekommen haben?

Dr. Matthias Guth: Es sollte den Patientinnen und Patienten nach deinem Zutun immer etwas besser gehen als vorher. Das klingt erstmal blöd, beinhaltet aber einen ganz zentralen Punkt des ärztlichen Handelns: Primum non nocere, secundum cavere, tertium sanare. Ich habe manchmal das Gefühl, dass diese Gedanken in der heutigen modernen und zunehmend ökonomisch geprägten Medizin ab und zu etwas in Vergessenheit geraten.

Was schätzen Sie an anderen Menschen am meisten?

Dr. Matthias Guth: Ehrlichkeit und einen guten Humor.

Was treibt Sie an?

Dr. Matthias Guth: Die Notfall- und Akutmedizin als eigenständige Fachdisziplin ist ja noch ein relativ junger Teilbereich der Medizin – hier bewegt sich in kurzer Zeit einfach sehr viel. Diese Entwicklung täglich aktiv mitgestalten zu können, ist für mich eine riesige Motivation.

Mit wem würden Sie gern einmal einen Abend verbringen?

Dr. Matthias Guth: Mit dem ehemaligen, belgischen Sportprofi Eddy Merckx als dem erfolgreichsten männlichen Radrennfahrer der Radsportgeschichte.

Was raten Sie jungen Ärztinnen und Ärzten?

Dr. Matthias Guth: Die Anforderungen an junge Ärztinnen und Ärzte werden immer größer und komplexer. Wenn die Altvorderen erzählen, wie sie früher ohne Probleme 36-Stunden-Dienste geleistet haben, dann ziehe ich davor den Hut. Ich weiß aber auch, dass genau diese Kollegen heute keine acht Stunden in der Notaufnahme überstehen würden. Die jungen Ärztinnen und Ärzte heutzutage leisten enorm viel, auch, weil die alltäglichen Aufgaben und Ansprüche neben dem Job deutlich gewachsen sind. Vielleicht sollte man besser sie um Rat fragen.

Wie gelingt Ihnen eine gesunde Work-Life-Balance?

Dr. Matthias Guth: Ich glaube, Arbeit und Leben sind keine Gegenpole, die man gegeneinander ausbalancieren muss. Ich sehe meine Arbeit als einen wichtigen Teil meines Lebens. Natürlich muss ich immer wieder priorisieren und aufpassen, dass ich andere Teilbereiche meines Lebens nicht arbeitsbedingt zu lange vernachlässige. Das ist allerdings nicht wirklich einfach und gelingt mir leider auch nicht immer.

Woran mangelt es dem deutschen Gesundheitssystem?

Dr. Matthias Guth: Eines der großen Probleme in unserem heutigen Gesundheitswesen ist die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität: Wir wollen für jeden uneingeschränkt zu jeder Tages- und Nachtzeit die beste und umfassendste medizinische Versorgung, haben dafür aber weder die notwendigen personellen noch die finanziellen Ressourcen. An dieser Crux reiben sich Ärzte und Pflegekräfte tagtäglich auf.

Wann sind Sie glücklich?

Dr. Matthias Guth: Es gibt ganz viele unterschiedliche kleine und große Glücksmomente. Natürlich steht da die Zeit mit der Familie ganz oben, aber auch vieles Weitere, eine gute Flasche Wein mit Freunden, eine Patientin, der ich wirklich helfen konnte oder auch ganz banal ein paar Stunden auf einem Rennradsattel.

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