
In der Lausitz entsteht gerade etwas, das es in Deutschland noch nicht gab: eine Universitätsmedizin, die von Anfang an digital gedacht ist, sektorenübergreifend vernetzt und als Modell für strukturschwache Regionen konzipiert. Was das im Alltag von Ärztinnen und Ärzten bedeutet, erklärt Martin Peuker, Digitalisierungsvorstand der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem, im Gespräch.
Digitalisierung als Versorgungsstrategie: Die Lausitz macht Ernst
Brandenburg hat lange auf seine erste staatliche Universitätsmedizin gewartet. Genau genommen hat es sie nie gegeben, bis zum 1. Juli 2024. An diesem Tag wurde die Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem, kurz MUL-CT, in Cottbus gegründet. Als bislang letztes Flächenbundesland hat Brandenburg damit eine eigene staatliche Universitätsmedizin.
Was unspektakulär klingt, ist in Wirklichkeit eine strukturpolitische Weichenstellung mit erheblicher Tragweite. Denn die MUL-CT wurde nicht einfach als weiteres Universitätsklinikum aus dem Boden gestampft. Sie trägt von Anfang an zwei Forschungsschwerpunkte in sich, die im deutschen Klinikbetrieb bisher selten so explizit formuliert werden: Gesundheitssystemforschung und Digitalisierung des Gesundheitswesens.
Die Region, in der das alles stattfindet, steht stellvertretend für viele Teile Deutschlands, die unter einem mehrfachen Druck stehen. Rund 600.000 Menschen leben in der Lausitz bei einer Bevölkerungsdichte von etwa 83 Einwohnerinnen und Einwohnern pro Quadratkilometer. Auf einen Krankenhausstandort kommen hier rund 40.000 Menschen. Das ist deutlich mehr als in dichter besiedelten Gebieten. Gleichzeitig ist rund ein Drittel der Haus- und Fachärztinnen und -ärzte in Brandenburg bereits älter als 60 Jahre und kurz davor, in den Ruhestand zu gehen.
Der Fachkräftemangel ist hier kein abstraktes Zukunftsszenario, sondern gelebte Gegenwart. Und der Strukturwandel durch den Braunkohleausstieg, der bis 2038 vollzogen sein soll, verschärft den Anpassungsdruck weiter. Knapp vier Milliarden Euro an Fördergeldern fließen aus diesem Strukturwandel in die Region. Davon geht ein erheblicher Teil in Digitalisierung und Gesundheitssystemforschung.
Martin Peuker, Digitalisierungsvorstand der MUL-CT und früherer CIO der Charité, beschreibt den Ausgangspunkt nüchtern: "Wenn man vom Grundsatz eine neue Universitätsmedizin aufbaut, die wirklich mal aus Patientensicht gedachte Prozesse nicht nur überlegt, sondern für eine ganze Region umsetzt, also sektorenübergreifend, dann spielt Digitalisierung eine große Rolle."
Was Effizienz wirklich bedeutet
Wer Ärztinnen und Ärzten von Digitalisierung erzählt, stößt schnell auf eine Mischung aus vorsichtiger Neugier und berechtigter Skepsis. Versprochen wird viel. Geliefert wird oft ein weiteres System, das bedient werden will, ein weiteres Portal, das niemand nutzt, eine weitere Schnittstelle, die nicht funktioniert. Das Wort "Effizienz" klingt in diesem Zusammenhang schnell nach Personalabbau oder Gewinnmaximierung. Peuker setzt dem eine andere Lesart entgegen. Effizienz bedeute im Kontext der MUL-CT nicht, Stellen zu streichen. Es gehe vielmehr darum, Expertise am richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen, so der Digitalisierungsexperte.
Konkret heißt das: Ärztinnen und Ärzte sollen Arzt und Ärztin sein können, und nicht nur bürokratische Prozesse verwalten. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Wer im Klinikalltag tätig ist, weiß, wie viel Zeit in Dokumentation, Terminkoordination, Arztbriefe und Abstimmungsprozesse fließt, die nichts mit dem eigentlichen Kern der Arbeit zu tun haben. Peuker macht das an einem schlichten Beispiel fest: Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, die sagen, sie haben die Telematikinfrastruktur, aber ins Krankenhaus müssen sie immer noch faxen. "Das ist leider noch die Regel in Deutschland."
Dass sich das ändern lässt, zeigen Erfahrungen mit digitalen Terminmanagementlösungen, die in der MUL-CT bereits im Einsatz sind. Wer administrative Prozesse konsequent digitalisiert, gewinnt Zeit. Nicht für Kaffee, wie Peuker mit einem leichten Augenzwinkern anmerkt, sondern für das, wofür Ärztinnen und Ärzte ausgebildet wurden: Patientenkontakt, Diagnostik, Behandlung. Die freigespielten Kapazitäten sollen in der Lausitz nicht für Stellenabbau genutzt werden, sondern dafür, Versorgung am richtigen Ort für die richtigen Patientinnen und Patienten bereitzustellen.
Sektorenübergreifend vernetzen: leichter gesagt als getan
Das digitale Leitkrankenhaus denkt Versorgung nicht am Klinikgebäude zu Ende. Der Anspruch ist weiter: Niedergelassene Haus- und Fachärztinnen und -ärzte, Pflegeheime, Therapeutinnen und Therapeuten, Community Health Nurses, also alle, die in einem interprofessionellen Setting zusammenarbeiten müssen, sollen digital mitgedacht werden. Peuker nennt das eine End-to-End-Digitalisierungsstrategie, die alle digitalen Prozesse sektorenübergreifend beschreibt. Er ist überzeugt, dass das in der Lausitz nicht nur gelingen soll, sondern gelingen wird.
Als strategischen Digitalisierungspartner hat die MUL-CT Doctolib gewählt, unter anderem für ein zentrales Patientenportal, das Terminprozesse, Patientenkommunikation und die Anbindung ans Krankenhausinformationssystem bündelt. Perspektivisch soll die Zusammenarbeit auf die angegliederten MVZ-Praxen ausgeweitet werden, wo KI-gestützte Lösungen wie ein Telefonassistent und eine digitale Rezeption administrative Abläufe weiter entlasten sollen. Entscheidend ist für Peuker dabei nicht das konkrete Produkt, sondern das Prinzip: eine Lösung, die im Betrieb funktioniert, messbar entlastet und sich in bestehende Abläufe integriert, ohne neue Insellösungen zu schaffen.
Auch auf Seiten des Technologiepartners wird dieser Fokus betont. Leonie Mentrup, Director Hospitals & Key Accounts bei Doctolib, erklärt: „Mit der Doctolib-Technologie setzen wir auf drei Schwerpunkte: die sektorübergreifende Vernetzung zwischen Klinik, MVZ und niedergelassenen Praxen, die Entlastung von Verwaltungsaufwand durch digitale Kommunikation und automatisierte Dokumentation sowie eine gezieltere Patientensteuerung zur richtigen Zeit zum richtigen Versorger. Unsere Erfahrungswerte zeigen: Pro Praxis lassen sich zwischen 10 und 20 Stunden Verwaltungsaufwand pro Woche durch digitale Lösungen und KI einsparen – das sind die Stunden, die damit wieder für die direkte Patientenversorgung gewonnen werden."
Die heute vorliegende Telematikinfrastruktur sei vom Ansatz her richtig, so Peuker, und eine zentrale Voraussetzung für die weitere Digitalisierung des Gesundheitswesens. Gerade in der Modellregion Gesundheit Lausitz zeige sich, wie wichtig eine verlässliche digitale Vernetzung für sektorenübergreifende Versorgungspfade und die Einbindung von Primärversorgungszentren sei. Die bestehenden Strukturen hätten bereits wichtige Grundlagen geschaffen, müssten nun aber konsequent weiterentwickelt und noch stärker an den Anforderungen der Versorgungspraxis ausgerichtet werden. „Für Regionen wie die Lausitz ist entscheidend, dass digitale Infrastruktur Versorgung nicht nur technisch ermöglicht, sondern die Zusammenarbeit zwischen Kliniken, ambulanten Angeboten und Primärversorgungszentren ganz konkret erleichtert“, sagte Peuker.
Warum das Portal-Denken an Grenzen stößt
Ein Thema, das Peuker besonders beschäftigt, ist die Fragmentierung digitaler Lösungen im Gesundheitswesen. Im Zuge des Krankenhauszukunftsgesetzes haben viele Einrichtungen eigene Portale entwickelt oder entwickeln lassen. Das Ergebnis: Patientinnen und Patienten, aber auch Ärztinnen und Ärzte stehen vor einer Vielzahl von Systemen, Logins und Oberflächen, die nicht miteinander kommunizieren. "Wenn die dann zehn verschiedene Apps haben, die mehr oder weniger gut gewartet werden, dann setze ich doch lieber auf eine erprobte Lösung", findet er. Digitalisierung bedeute nicht, analoge Prozesse eins zu eins ins Digitale zu übertragen. Es müsse systemisch gedacht werden, vom Prozess her und nicht vom Tool.
Seine Schlussfolgerung ist pragmatisch: Nicht jede Einrichtung müsse alles selbst entwickeln. Die Kompetenz liege darin, gemeinsam zu überlegen, wohin das Gesundheitssystem entwickelt werden soll, und dann auf Lösungen zu setzen, die sich bewährt haben und übertragbar sind. Was in der Lausitz erprobt wird, soll kein regionaler Sonderfall bleiben. "Das wird in Deutschland skalieren", ist sich Peuker sicher. Damit wird die Modellregion zu einer Art Reallabor, dessen Erkenntnisse auf andere strukturschwache Regionen ausgeweitet werden können. Metrup ergänzt: "Die Lausitz hat das Potenzial, im nationalen Vergleich eine Vorreiterrolle einzunehmen. Denn die Ziele, die wir mit innovativer Technologie jetzt schon erreichen – Vernetzung, Entlastung und Patientenzentrierung – sind auf andere Regionen übertragbar."
Fachkräftemangel, Datenschutz und der Druck, der Dinge löst
Der Fachkräftemangel ist in der Region kein abstraktes Problem, sondern ein konkreter Handlungstreiber. Die Erfahrung zeigt: Wenn Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und andere Fachleute im Gesundheitswesen weiterhin mit Aufgaben belastet werden, die sie nicht machen wollen und die nicht an der Versorgung sind, verlassen sie das System. "Dann haben wir teure Ausbildungen bezahlt als Staat, als System, dafür, dass Leute nach fünf Jahren sagen: So, das war's", warnt Peuker. Die Kosten des Nicht-Digitalisierens werden in dieser Rechnung oft nicht miterfasst, obwohl sie erheblich sind.
Natürlich begleitet das Thema Datenschutz jede Diskussion über digitale Lösungen im Gesundheitswesen, und die Lausitz bildet da keine Ausnahme. Peuker sieht das Spannungsfeld zwischen Nutzerfreundlichkeit und Datensicherheit nüchtern. Die sicherste Lösung, so sein Argument, ist die, die niemand benutzt. Sicherheit und Nutzbarkeit müssen daher nicht gegeneinander, sondern zusammen gedacht werden. Der Versorgungsalltag erfordert eine realistische Kosten-Nutzen-Abwägung. Das betrifft auch den Authentifizierungsprozess: Niedrigschwellige Kommunikation zwischen Einrichtungen und mit Patientinnen und Patienten funktioniert nur, wenn die technischen Hürden nicht höher sind als der Nutzen.
Was das in der Praxis bedeutet, macht Peuker an einem Grundsatz fest: das interprofessionelle Setting. Ärztinnen und Ärzte sollen das tun, was sie am besten können. Pflegekräfte, Therapeutinnen und Therapeuten, Community Health Nurses und andere Berufsgruppen sollen gleichwertig eingebunden werden, nicht als Hilfspersonal, sondern als eigenständige Akteure in einem gemeinsam gedachten Versorgungssystem. Digitale Lösungen seien dabei kein Ersatz für diese Zusammenarbeit, sondern ihre Voraussetzung. Nur wenn Informationen fließen, Termine koordiniert werden und Dokumentation nicht dreifach erfasst werden muss, entstehe der Raum, den ein solches interprofessionelles Arbeiten braucht.
"Den größten Impact können wir als System machen, wenn jeder Systempartner seiner Kernaufgabe und seiner Kompetenz nachgeht", sagt Peuker. Das gilt für Einrichtungen genauso wie für Berufsgruppen. Und es ist, gemessen an dem, was das deutsche Gesundheitssystem strukturell leisten muss, kein kleiner Anspruch.
Was ist die Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem?
Die Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem (MUL-CT) ist die erste staatliche Universitätsmedizin in Brandenburg. Sie wurde am 1. Juli 2024 in Cottbus gegründet und verbindet Krankenversorgung, Forschung und Lehre mit einem klaren Schwerpunkt auf Gesundheitssystemforschung und Digitalisierung. Ziel ist es, neue Versorgungsmodelle für strukturschwache Regionen zu entwickeln und praktisch zu erproben.
Welche Rolle spielt Digitalisierung in der MUL-CT?
Digitalisierung ist kein Zusatz, sondern strukturelle Grundlage der Versorgung. Prozesse werden von Anfang an sektorenübergreifend gedacht und aufgebaut. Ziel ist es, administrative Abläufe zu reduzieren, Informationen besser verfügbar zu machen und Versorgung entlang des tatsächlichen Bedarfs von Patientinnen und Patienten zu organisieren.
Wie soll die sektorenübergreifende Versorgung konkret funktionieren?
Die MUL-CT setzt auf eine durchgängige digitale Vernetzung zwischen Klinik, MVZ, niedergelassenen Praxen und weiteren Gesundheitsberufen. Terminmanagement, Kommunikation und Dokumentation sollen systemübergreifend funktionieren, sodass Patientinnen und Patienten ohne Medienbrüche durch das Versorgungssystem geführt werden können.
Welche Effekte hat Digitalisierung im Klinikalltag?
Digitale Lösungen können den Verwaltungsaufwand deutlich reduzieren. Erfahrungswerte zeigen Einsparungen von etwa 10 bis 20 Stunden pro Woche pro Einrichtung. Diese Zeit soll nicht eingespart, sondern gezielt für die direkte Patientenversorgung genutzt werden, etwa für Diagnostik, Gespräche und Behandlung.
Warum gilt die Lausitz als Modellregion für das Gesundheitswesen?
Die Lausitz vereint mehrere Herausforderungen: geringe Bevölkerungsdichte, Fachkräftemangel und strukturellen Wandel. Gleichzeitig entstehen dort neue Versorgungsstrukturen mit digitaler Vernetzung und interprofessioneller Zusammenarbeit. Die Region dient damit als Reallabor, dessen Ansätze auf andere Teile Deutschlands übertragbar sein können.


