Mitarbeiterführung: Im Klinikalltag ist emotionale Intelligenz essenziell

4 April, 2023 - 09:12
Karin Burtscher
Kollegen im Krankenhaus

Resonante Führungspersönlichkeiten kennen und führen sich selbst gut, beeinflussen Emotionen anderer und knüpfen starke vertrauensvolle Beziehungen. Die vielfältigen Spannungsfelder in Kliniken geben genug Anlass, das ärztliche Führungsrepertoire in diese Richtung zu professionalisieren.

Viele Faktoren beeinflussen die Entwicklungen im Gesundheitswesen. Darunter steigender Wettbewerbsdruck, neue Technologien und daraus folgend das Erfordernis der digitalen Transformation. Hinzu kommen gesellschaftliche Veränderungen wie der demografische Wandel und der Wunsch nach Selbstbestimmung von Patienten wie von Mitarbeitenden. Diese Gemengelage hat starken Einfluss auf Ärztinnen und Ärzte mit Führungsverantwortung im komplexen und vernetzten System einer Klinik.

Daseinsvorsorge und ökonomische Zwänge

Speziell Führungskräfte im Gesundheitswesen bewegen sich im Spannungsfeld zwischen der ethisch fundierten Aufgabe der Daseinsvorsorge und ökonomischen Zwängen. Es gilt, qualitativ hochwertige Patientenversorgung mit hoher Expertise rund um die Uhr sicherzustellen. Diese Interessenlagen fordern von Führungskräften ein breites Setting an sozial-kommunikativen Fähigkeiten, zumal sich Emotionen im Kontext der Patientenversorgung und personalintensiven Arbeit in Kliniken nicht immer ausblenden lassen. Im klinischen Führungsalltag ist emotionale Intelligenz, also der bewusste Umgang mit Emotionen, essenziell. Dazu bedarf es der Resonanzfähigkeit auf Führungsebene.

Führung in Kliniken ist ein hochkomplexes Geschehen: Die Vielschichtigkeit der Herausforderungen bedarf verschiedenartiger Führungsperspektiven, die sich durch das Setzen aufgaben- oder beziehungsorientierter Schwerpunkte charakterisieren:

  • Aufgabenorientierte Führung spiegelt sich in Gestalt des gegenwartsbezogenen Managements, indem definierte Aufgaben und Vorschriften eingehalten werden, um Ziele zu erreichen.
  • Beziehungsorientierte Führung zeigt sich als Leadership, welches persönliche Bedürfnisse nachgeordneter Mitarbeitender mit Wertschätzung, Respekt und Vertrauen aufgreift.

Transaktionale und transformationale Führung

Beiden Führungsperspektiven übergeordnet sind die Führungsstile transformationaler sowie transaktionaler Gestaltung:

  • Transaktionale Führung basiert auf der Grundlage von Geben und Nehmen, indem die Führungskraft den Mitarbeitenden erklärt, welche Leistung sie fordert, welche Anreize und Belohnungen sie gewährt.
  • Transformationale Führung zielt auf grundlegende Einstellungen der Beschäftigten ab. Durch inspiratives Verhalten sowie intellektuelle Stimulation und individuelle Wertschätzung der Führungskraft gewinnen Teammitglieder eine neue Perspektive auf ihre Aufgaben, passen ihre Haltung dieser neuen Sichtweise an und setzen sich selbst anspruchsvolle Ziele. Transformationale Führung ist umfassender als die rein transaktionale und zeigt sich im Idealfall als visionäre Fortentwicklung des Unternehmens, die sinnstiftend für die Beschäftigten wirkt und die Unternehmensstruktur und -kultur umfasst.

Entscheidend für die Führungskultur eines Hauses ist, dass beide Stile ihre Berechtigung haben, ja erforderlich sind, je nach Situation. Um zu erkennen, wann welcher Führungsstil angemessen und sinnvoll ist, bedarf es emotionaler Intelligenz.

Emotionale Intelligenz zeichnet sich durch die Fähigkeiten aus, eigene Gefühle und die Gefühle anderer zu erkennen und zu verstehen sowie die eigenen Gefühle bewusst zu steuern. Führungskräfte, die ihre eigenen Emotionen im Griff haben, können sich besser in andere Menschen einfühlen. Zudem wirkt emotionale Intelligenz positiv auf das Arbeitsumfeld.

Das Beste in anderen hervorlocken

Führung mit emotionaler Intelligenz erfasst, welcher Führungsstil in einer Situation wirkungsvoll ist. Situationsbezogen haben alle Führungsstile, von visionär, coachend, gefühlsorientiert über demokratisch bis hin zu fordernd oder befehlend, ihre Berechtigung. Führungskräfte, die Emotionen aktiv beeinflussen können, sind effektiver in ihrer Führung. Sie erzeugen Resonanz, indem sie sich eines Reservoirs positiver Gefühle bedienen, um das Beste in anderen hervorzulocken. Die Führungskraft, die zwischen rationaler und emotionaler Ansprache wechselt, wird emotionale Spannungen rasch lösen. Mit dieser Resonanzfähigkeit lassen sich Gleichklang in Teams und ein motiviertes Arbeiten erzeugen.

Dies wiederum erhöht Arbeitseffizienz. Angesichts unterschiedlicher Erwartungen der Mitarbeitergenerationen und mit Blick auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit in Kliniken spielt ein emotional adäquater Umgang eine wesentliche Rolle – und adressiert Generationenmanagement wie auch Schnittstellenmanagement zwischen Medizin, Pflege und Verwaltung.

19.01.2024, DRV Rheinland - Klinik Roderbirken
Leichlingen (Rheinland)
19.01.2024, Sächsische Krankenhaus Altscherbitz
Schkeuditz

Resonante Führungspersönlichkeiten zeichnen sich durch Empathie und Gespür dafür aus, was in Teams vorgeht und wie das auf die Unternehmenskultur wirkt. Empathie bedeutet Verstehen im emotionalen Sinne, in direkte Beziehung gehen, zu motivieren, sich zu engagieren und ein echtes Interesse an den Menschen und der Unternehmensvision zu haben. Resonante Führungspersönlichkeiten haben Einfluss auf Menschen und organisatorische Regeln und Prozesse.

Die Kunst der emotionalen Führung

Die Kunst der emotionalen Führung besteht darin, Maßnahmen durchzusetzen, ohne die Mitarbeitenden aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sofern Angst und Besorgnis ein gewisses Maß übersteigen, schränkt dies mentale Fähigkeiten ein. Eine Führungskraft mit guten kooperativen Fähigkeiten sichert die Konzentration der Mitarbeitenden auf deren Aufgabe und fördert die Zusammenarbeit. Sie richtet die Aufmerksamkeit auf die Qualität der Beziehungen untereinander und versucht, diese im Gleichgewicht zu halten. Dadurch entsteht eine Arbeitsatmosphäre, die die Stimmung im Team hebt.

Je anspruchsvoller die Situation ist, desto mehr Empathie und Unterstützung müssen Führungskräfte bieten. Die Haltung aller Beschäftigten im Unternehmen übermittelt sich wie in einer Kaskade hierarchisch an die nachgeordneten Mitarbeitenden. Positives Verhalten der Führungsebene beeinflusst das emotionale Klima des gesamten Unternehmens.

Dtsch Arztebl 2023; 120(14): [2]

Die Autorin

Karin Burtscher
Leiterin Personalwesen
Klinikum Ingolstadt GmbH
85049 Ingolstadt
Mitglied des Initiativkreises Neue Personalarbeit in Krankenhäusern (InPaK)

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