
Wer erst beim nächsten Hitzesommer über Klimaanlagen nachdenkt, kommt zu spät. Die München Klinik hat Hitzeschutz direkt in ihre Neubauten eingeplant, mit Kühldecken statt Klimaanlage, kleineren Fensterflächen und schattigen Rückzugsorten für Personal und Patientinnen und Patienten. Stabsstellenleiterin Birgit Schuon erklärt im Gespräch, warum solche Entscheidungen Jahre vor der ersten Hitzewelle fallen, was sie anderen Häusern rät und wieso sich der Erfolg der Maßnahmen kaum in Zahlen fassen lässt.
Die meisten Krankenhäuser müssen Hitzeschutz nachträglich in bestehende Gebäude einpassen, mit allen baulichen und finanziellen Grenzen, die das mit sich bringt. Die München Klinik, ein kommunales Klinikunternehmen mit Standorten in Schwabing, Harlaching, Bogenhausen und Neuperlach, hatte in den vergangenen Jahren eine Ausgangslage, die nicht so häufig vorkommt. Sie konnte Hitzeschutz direkt in die Planung neuer Gebäude einbeziehen, weil ohnehin gebaut wurde.
Birgit Schuon leitet die Stabsstelle Ökologie und Nachhaltigkeit des Unternehmens und ist zugleich Gefahrgutbeauftragte. Im Gespräch erzählt sie, wie aus einer ursprünglichen Bauplanung eine wurde, die Hitze aktiv mitdenkt und warum das Personal dabei genauso im Blick stand wie Patientinnen und Patienten. Dabei lässt sich der Erfolg solcher Maßnahmen kaum in Zahlen fassen.
Kühldecken statt Klimaanlage
„Das sind sogenannte Kühldecken, das muss man sich vorstellen wie eine Fußbodenheizung, nur mit kaltem Wasser an der Decke“, beschreibt Schuon das Prinzip, das in den Neubauten der München Klinik zum Einsatz kommt. Der Grund für diese Lösung liegt in der Hygiene. In normalen Patientenzimmern verbieten sich klassische Klimaanlagen weitgehend, weil sie Keime verteilen können. Anders sieht es auf Intensivstationen und in Operationssälen aus, denn dort sind ohnehin raumlufttechnische Anlagen vorgeschrieben, die Luft kontrolliert austauschen und aufbereiten. Für alle übrigen Räume, in denen Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte arbeiten, waren die Kühldecken die technische Antwort.
Eine gute Planung beinhaltet auch, dass ursprünglich Angedachtes neu einzuordnen ist. Ein Beispiel: „Wir haben in der Planungsphase gemerkt, dass wir zu große Fensterflächen geplant haben. Trotz Dreifachverglasung staute sich innen die Hitze“, erinnert sich Schuon. Die Planung wurde daraufhin korrigiert. Die Fenster wurden verkleinert, und ergänzend kam die sogenannte Betonkernaktivierung hinzu, bei der Wasserleitungen im Betonkern eines Gebäudes zum Kühlen genutzt werden und die Kühldecken damit unterstützen.
Enormer zeitlicher Vorlauf
Um die Dimension davon richtig einordnen zu können, ist es wichtig zu wissen, dass der zeitliche Vorlauf dahinter enorm ist. „Klinikplanung geht ja nicht in fünf Jahren über die Bühne, da geht es schon zehn Jahre im Voraus“, sagt Schuon. Entscheidungen wie die Fenstergröße fielen daher fünf bis sechs Jahre vor der Eröffnung. Was heute als Neubau bezogen wird, spiegelt also Annahmen und Klimaerwartungen wider, die deutlich früher getroffen wurden. Für den Hitzeschutz bedeutet das, er muss von Anfang an ein Planungskriterium sein und kann nicht erst kurz vor Fertigstellung nachgeschoben werden.
Zum richtigen Umgang mit Hitze gehört weit mehr als nur Überlegungen darüber, wie Hitze aus Gebäuden herausgehalten werden kann. Auch Entwässerung ist ein wichtiger Aspekt, denn auf große Hitze folgen häufig Starkregenereignisse. Deshalb wurde am Standort Schwabing zusätzlich geprüft, ob genug Gullys und Versickerungsflächen vorhanden sind, um Wasserschäden vorzubeugen.
Nicht nur Patientenwohl, auch Arbeitsschutz
Hitzeschutz betrifft nicht nur die Versorgung von Patientinnen und Patienten, sondern auch die Arbeitsbedingungen des Personals. Berichte über Kolleginnen und Kollegen, die während Hitzewellen selbst enorm belastet sind, sind in der Branche keine Seltenheit. Für die Neubauten bestätigt Schuon einen Effekt, der sofort spürbar ist: „Das merkt man auch, wenn man in den Neubau in Harlaching hineinkommt. Durch diese Kühldecken entsteht dort überall von vornherein ein kühleres Klima und das ist schon sehr angenehm.“
Das Konzept wurde um Außenräume ergänzt. Im Zuge der Umgestaltung der Freiflächen, die durch die Neubauten ohnehin nötig wurde, entstanden an den Standorten Neuperlach, wo ein Gebäude abgerissen wurde, sowie in Bogenhausen und Harlaching schattige Rückzugsorte, die ausdrücklich auch für Mitarbeitende gedacht sind. „Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, weil man zumindest in der Mittagspause die Möglichkeit hat, rauszugehen und sich ein bisschen abzukühlen“, sagt Schuon. Das gelte besonders für jene, die eher im Altbau als im Neubau arbeiten.
Keine Fassadenbegrünung, aber ältere Bäume
Nicht jede Maßnahme, die beispielsweise in der Stadtplanung diskutiert wird, lässt sich auf ein Klinikgelände übertragen. „Was wir leider nirgends haben, ist eine bewusste Fassadenbegrünung, wie es ja auch in Städten diskutiert wird. Das ist für Kliniken so nicht möglich, weil dadurch allerlei Getier in das Gebäude kommen und das mit den Hygienevorschriften kollidieren kann“, so Schuon. Um dennoch in Sachen Begrünung tätig zu werden, wurde bei der Bepflanzung der Außenanlagen auf bereits etwas ältere Bäume statt junger Setzlinge gesetzt. Diese wurden danach ausgewählt, ob sie Trockenheit und pralle Sonne in Pflanztrögen aushalten.
Ein kleines Beispiel aus Bogenhausen macht deutlich, dass Hitzeschutz nicht immer viel kosten muss. Der Standort ging 1984 in Betrieb, seither existiert ein Weg rund um das Gelände, der von Anfang an im Schatten von Bäumen lag, über die Jahre jedoch zugewachsen und in Vergessenheit geraten war. Im Zuge der Neuplanung der Außenanlagen haben Landschaftsarchitekten den Weg lediglich freigeschnitten und die Sitzbänke erneuert. Der schattige Raum war die ganze Zeit schon da, er musste nur wieder nutzbar gemacht werden.
Was im Bestand möglich ist
Über den Neubau hinaus hat die München Klinik auch am bestehenden Standort Bogenhausen angesetzt. Weil die Flachdächer ohnehin saniert werden mussten, wird die Sanierung mit Dachbegrünung und Photovoltaikmodulen kombiniert. Die begrünten Dachflächen werden zusätzlich mit Retentionselementen ausgestattet, die Regenwasser zurückhalten und langsamer abgeben. Das ist gerade bei Starkregen nach Hitzeperioden ein Vorteil.
Sowohl für die Dachbegrünung in Bogenhausen als auch für die Umgestaltung der Grünanlagen in Neuperlach wurde ein Teil über Fördermittel der Stadt München finanziert. Der Nachteil solcher Förderungen ist der enge Zeitrahmen, der damit gesetzt wird. Bis zu einem festen Stichtag muss alles fertiggestellt, abgerechnet und eingereicht sein. Zu den Kosten nennt Schuon konkrete Zahlen: Hitzeschutzfolien für Bestandsfenster, die 85 Prozent der Sonnenenergie zurückwerfen, kosteten inklusive aller Arbeiten rund 700 Euro brutto pro Quadratmeter Fensterfläche. Das Retentionsgründach schlug mit etwa 280 Euro pro Quadratmeter zu Buche, die extensive Dachbegrünung mit rund 116 Euro pro Quadratmeter.
Welche Maßnahmen schützen Krankenhäuser vor Hitze?
Ein wirksamer Hitzeschutz im Krankenhaus beginnt bereits bei der Gebäudeplanung. Zu den wichtigsten baulichen Maßnahmen gehören kleinere Fensterflächen, außen liegender Sonnenschutz, Kühldecken, Betonkernaktivierung sowie begrünte Dächer mit Wasserrückhaltung. Klassische Klimaanlagen eignen sich für normale Patientenzimmer nur eingeschränkt, da sie aus hygienischer Sicht problematisch sein können. In Operationssälen und auf Intensivstationen kommen dagegen kontrollierte raumlufttechnische Anlagen zum Einsatz.
Auch Außenflächen gehören zu einem umfassenden Hitzeschutzkonzept. Schatten spendende Bäume, begrünte Flächen und kühle Rückzugsorte entlasten Patienten, Besucher und Beschäftigte. In Bestandsgebäuden können Sonnenschutzfolien, Dachbegrünungen oder die Reaktivierung bereits vorhandener schattiger Bereiche vergleichsweise schnell Verbesserungen bringen.
Die wichtigsten Maßnahmen im Überblick
- Kühldecken und Betonkernaktivierung
- kleinere Fensterflächen und wirksamer Sonnenschutz
- Dachbegrünung und Regenwasserrückhaltung
- Photovoltaik in Verbindung mit Dachsanierungen
- schattige Außen- und Pausenbereiche
- hitzeresistente Bäume und entsiegelte Flächen
- Schulungen und organisatorische Hitzeschutzpläne
Wirkung schwer messbar
Wie viel diese Maßnahmen konkret einsparen oder verhindern, kann man nur schwer beziffern. Die meisten Umsetzungen liegen erst zwei bis drei Jahre zurück. Bei rein technischen Anlagen lässt sich eine Energieeinsparung noch berechnen, bei der Frage, wie viele gesundheitliche Zwischenfälle durch Hitzeschutz vermieden wurden, sieht das anders aus, denn es gibt keine Statistik für das, was mit einem guten Hitzeschutz verhindert wird.
Der bundesweite Kontext zeigt trotzdem, worum es hier geht. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts starben in Deutschland zwischen 2023 und 2025 im Schnitt rund 2.900 Menschen pro Jahr an den Folgen von Hitze. Ein einzelnes Klinikunternehmen kann seinen eigenen Beitrag dazu nicht isoliert ausweisen, das ändert aber nichts daran, dass die Fragestellung real ist.
EMAS als struktureller Rahmen
Dass sich die München Klinik überhaupt so systematisch mit dem Thema befasst, hat auch mit ihrer Organisationsstruktur zu tun. „Wir sind mit unserem Klinikverbund seit über 25 Jahren nach EMAS zertifiziert. EMAS verlangt, dass man stets an Verbesserungen arbeitet. Wir müssen uns also um diese Themen fortlaufend kümmern, auch aufgrund der Rechtsgrundlagen“, erklärt Schuon.
EMAS steht für Eco-Management and Audit Scheme, ein EU-Umweltmanagementsystem, das kontinuierliche Verbesserung bei Umweltzielen und die Einhaltung rechtlicher Vorgaben verlangt. Die Aufgabe von Schuons Stabsstelle besteht darin, diese Anforderungen in konkrete Planungsentscheidungen zu übersetzen, und das gilt auch für das Thema Hitze. Genau diese strukturelle Anbindung, vermutet Schuon, fehlt kleineren Häusern oft, wenn sie selbst neu bauen wollen.
Rat an andere Häuser
Auf die Frage, was sie einer Klinik raten würde, die vor einem Neubau oder Anbau steht, antwortet Schuon zuerst mit einer Warnung vor zu großen Fensterflächen. „Ich würde sagen, löst euch von den riesigen Fensterflächen und guckt, wie ihr anders klimatisieren könnt, denn jede Klimaanlage, jede raumlufttechnische Anlage heizt den Klimawandel noch mehr an. Dabei soll sie ihn eigentlich kompensieren“, gibt sie zu Bedenken. Wer als Klinik öffentlich Fördergelder für Klimaanlagen in Patientenzimmern beantragen und das als Klimaschutzmaßnahme bewirbt, sollte das überdenken, denn es gehe darum, präventiv zu denken.
Ihre Alternative: Wo immer rechtlich und baulich möglich, Dächer und Fassaden begrünen, wo es die Hygiene zulässt. Außerdem sollte im Außenbereich gezielt Schatten geschaffen werden, damit Patientinnen, Patienten, Besucherinnen, Besucher sowie Mitarbeitende überhaupt einen Grund haben, nach draußen zu gehen. Vorgaben aus dem Gebäudeenergiegesetz und Kennwerte wie der Wärmedurchgangskoeffizient, ein Maß für den Wärmeverlust durch ein Bauteil, setzen ohnehin einen Mindeststandard, doch darüber hinaus bleibt Spielraum. Auch günstige Maßnahmen zählen für Schuon dazu, statt Rasen etwa Blühwiesen, die nur zweimal im Jahr gemäht werden müssen, mehr Biodiversität bringen und nebenbei weniger versiegelte Fläche bedeuten.
Ein Gedanke zum Schluss
Am Ende des Gesprächs kommt Schuon noch auf einen Aspekt zu sprechen, der über Hitzeschutz im engeren Sinn hinausgeht, nämlich die Widerstandsfähigkeit der Infrastruktur insgesamt. „Wir erleben immer wieder große Hitzeperioden und Starkregen und das wird weiter zunehmen. Gleichzeitig sind seit dem Ahrtal fünf Jahre vergangen und dort haben wir erlebt, wie eine ganze Infrastruktur zusammenbricht. Dann frage ich mich, wie dann Patientinnen und Patienten zu uns gebracht werden sollen? Wie kommen unsere Mitarbeitenden ins Krankenhaus?“, fragt sie. Solche Fragen gehören für sie ebenso zur Planung wie die Größe der Fensterflächen.
Zudem weist sie darauf hin, dass über einen längeren Zeitraum anhaltende hohe Temperaturen oder besondere Temperaturspitzen eine Herausforderung bleiben und Krankenhäuser auch weiterhin belasten werden. Deshalb gehören auch Schulungen des Personals zum hitzeschonenden und vorausschauenden Umgang mit den klimatischen Veränderungen dazu. „Aber lindern oder gänzlich ausschließen können gerade in Altbauten alle Maßnahmen solche Belastungen nicht – wie auch in vielen anderen Gebäuden und Bereichen während längerer Hitzeperioden“, betont Schuon.
Für Ärztinnen und Ärzte, die selbst keinen Einfluss auf Bauentscheidungen haben, liegt darin eine praktische Lehre. Weichenstellungen beim Hitzeschutz fallen Jahre, mitunter ein Jahrzehnt, bevor ein Gebäude bezogen wird. Das sollte motivieren, bereits heute in Planungsgremien, im Arbeitsschutz oder gegenüber der eigenen Nachhaltigkeitsstelle auf das Thema hinzuweisen. Solche Initiativen gestalten Arbeitsbedingungen mit, die lange über die aktuelle Entscheidung hinauswirken.
Warum muss Hitzeschutz bei einem Klinikneubau früh geplant werden?
Krankenhäuser werden häufig viele Jahre vor ihrer Eröffnung geplant. Entscheidungen über Fensterflächen, Kühlung, Gebäudetechnik oder Außenanlagen fallen deshalb teilweise fünf bis zehn Jahre vor der späteren Nutzung. Wird der sommerliche Wärmeschutz in dieser Phase nicht berücksichtigt, lassen sich Fehler später nur mit hohem Aufwand und hohen Kosten korrigieren.
Kliniken sollten Hitzeschutz daher von Beginn an als Teil der Bauplanung, des Arbeitsschutzes und der Klimaresilienz behandeln. Dazu gehört nicht nur die Frage, wie Patientenzimmer und Arbeitsräume kühl bleiben. Auch Starkregen, Entwässerung, die Erreichbarkeit des Krankenhauses und die Belastung der Beschäftigten müssen in die Planung einbezogen werden.
Darauf sollten Kliniken frühzeitig achten:
- Wie stark heizen sich Fensterflächen und Fassaden auf?
- Welche Kühlung ist hygienisch, energieeffizient und dauerhaft tragfähig?
- Gibt es ausreichend Schatten- und Erholungsräume für das Personal?
- Können Dächer Wasser speichern und bei Starkregen entlasten?
- Wie bleibt die Klinik bei Extremwetter erreichbar und betriebsfähig?
Hitzeschutz ist damit keine nachträgliche technische Ergänzung, sondern eine langfristige strategische Planungsaufgabe.


