Prof. Dr. André Mihaljevic über den ärztlichen Umgang mit Pflegekräften

21 September, 2020 - 07:56
Lukas Hoffmann
Prof. Dr. med. André Mihaljevic
Prof. Dr. med. André Mihaljevic

Was tun, wenn es mit den Pflegekräften nicht rund läuft? Prof. Dr. André Mihaljevic, Oberarzt an der Uniklinik Heidelberg, leitet die Heidelberger Interprofessionelle Ausbildungsstation (Hipsta), auf der die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Pflegern trainiert wird. Im Interview spricht er über Probleme der fiktiven Assistenzärztin Laura* an ihrem ersten Arbeitstag im Klinikum. 

Herr Prof. Dr. Mihaljevic, nehmen wir an, Assistenzärztin Laura ist neu auf Station. Die Stationsleiterin, die erheblich älter ist, will gesiezt werden, während sie selbst Laura duzt. Wie sollte Laura reagieren?

Prof. Dr. André Mihaljevic: Wenn die Assistenzärztin das als unangenehm empfindet, dann sollte sie es ansprechen. Sie ist in der Hierarchie neu und kennt die Stationsleiterin kaum. Meine Erfahrung ist, dass man nicht vom Schlechtesten ausgehen muss und es oft einen banalen Hintergrund gibt. Es bietet sich an, es in einem angemessenen Rahmen anzusprechen, also nicht bei der Visite vor anderen Leuten, sondern bei einem persönlichen Termin mit der Leiterin. Hier argumentiert man dann am besten subjektiv: Sie machen dies und so fühle ich mich dabei. Mit Vorwürfen - Sie machen da was falsch und müssen sich ändern – würde man direkt in die Konfrontation gehen und das will man ja eben nicht. Gegen das „Sie“ ist nichts einzuwenden, das sollte dann aber auch auf Gegenseitigkeit beruhen

Es gibt einen Grund für die Ansage der Stationsleiterin. Sie hat deshalb um das „Sie“ gebeten, weil immer wieder neue Assistenzärzte auf Station kommen, die sich nicht an die Abläufe halten und neue Regeln aufstellen. Sie ist das Chaos, das neue Ärzte mit sich bringen, Leid und versucht mit der formellen Anrede ihren Verantwortungsbereich auszubauen. Was hilft? 

Prof. Dr. André Mihaljevic: Das ist ein häufiges Problem, das ich aus dem Klinikalltag kenne. Pfleger und Ärzte arbeiten häufig nebeneinander her. Wenn ein neuer Arzt neue Regeln oder Abläufe aufstellt, die ihm zwar sinnvoll erscheinen, aber nicht mit den anderen Berufsgruppen abgesprochen sind, kommt es zu Problemen bei den Abläufen. Ich würde sehr dafür plädieren, wenn man neu auf Station kommt, dass man sich erkundigt, wie normalerweise die Abläufe sind. Wie ist die Visite organisiert? Wo sind Probleme im Ablauf? Was könnte man ändern? So kommt man schnell auf gemeinsame Lösungen und kann bei wichtigen Fragen sogar Änderungen anstoßen, die allen helfen. 

Der Tag für Assistenzärztin Laura hat gerade erst begonnen. Zum nächsten Konflikt kommt es bei der Visite. Sie bittet Pfleger Max um das Anhängen der Erstantibiose. Er lehnt ab. Das sei eine ärztliche Aufgabe. Hat er Recht? 

Prof. Dr. André Mihaljevic: Dazu gibt es meines Wissens nach kein eindeutiges Richtig oder Falsch. Das ist in den Kliniken ganz unterschiedlich geregelt. Delegieren darf ein Arzt relativ viel, wenn er sich davon überzeugt hat, dass die jeweilige Person es gut ausführt. Wenn der Pfleger sagt, dass er das nicht machen darf, dann hat er wahrscheinlich eine entsprechende Anweisung bekommen. Es empfiehlt sich, mit der Stationsleitung oder der Pflegeleitung zu reden und die Änderung der Aufgabenteilung gemeinsam zu diskutieren. Die Visite wäre aber jetzt erst mal der falsche Ort, um das vor dem Patienten mit Pfleger Alex auszudiskutieren. 

Der US-amerikanische Psychiater Leonard Stein sprach in den Sechzigerjahren von der dienenden Pflegekraft. Gehört das Begriffspaar im Jahr 2020 noch zusammen? 

Prof. Dr. André Mihaljevic: Das ist eine Zuschreibung, die wirklich der Vergangenheit angehören sollte. Die Pflege ist ein eigenständiger Beruf mit einer Spezialisierung, die wir Ärzte nicht ausüben können. Es geht nicht darum, dass Pfleger machen sollen, was wir anordnen, sondern dass man gemeinsam einen Behandlungsplan erarbeitet, in der jede Berufsgruppe ihre Expertise einbringen kann. Der Behandlungsplan ist immer besser, wenn er interprofessionell gemacht wird. Das sehe ich bei meiner Tätigkeit als Leiter der Ausbildungsstation immer wieder. Von den Pflegenden, Physiotherapeuten und anderen Berufsgruppen kommen zu jedem Patienten eigene Ideen, die ich so gar nicht auf dem Schirm hatte. 

Zurück zu Assistenzärztin Laura, die ihren Arbeitstag fast beendet hat: Am Nachmittag klagt ein Patient nach einer Knie-OP über Schmerzen. Sie ordnet ihm daraufhin 1 g Metamizol an. Vor aller Augen sagt Pfleger Max: „Herr Schmidt hat eine Metamizol-Unverträglichkeit. Sie müssen ihm Paracetamol geben.“ Wie antwortet Laura souverän? 

Prof. Dr. André Mihaljevic: Erst einmal hat der Pfleger recht und es ist gut, dass er sich äußert. Normalerweise ist es eher umgekehrt: Jemand sieht einen Fehler, traut sich aber nicht etwas zu sagen. Die Assistenzärztin reagiert am besten natürlich und im Sinne des Patienten: „Gut, dass Dir das aufgefallen ist, dann werden wir ein alternatives Präparat finden.“ Vor der Tür unter vier Augen sollten Sie Pfleger Max dann neben dem positiven Aspekt seiner Intervention auch darauf aufmerksam machen, was in ihren Augen weniger gut gelaufen ist. Nämlich das „Sie müssen dem Patienten Paracetamol geben“. Erstens lässt Sie das vor dem Patienten schlecht aussehen, zweitens ist die Verschreibung von Medikamenten ärztlichen Aufgabe und drittens gäbe es vielleicht noch eine viel bessere Alternative. Wie wäre es mit einer gemeinsam interprofessionellen Fortbildung zu den Schmerzstandards im Haus? Wenn jetzt nicht das Eis gebrochen ist...

Herr Prof. Dr. Mihaljevic: Vielen Dank für das Gespräch. Zum Abschluss würden wir Sie noch bitten, diesen Satz zu vervollständigen: „Zwischen Ärzten und dem Pflegepersonal kommt es häufig zu Problemen, wenn... 

Prof. Dr. André Mihaljevic: …nicht miteinander, sondern übereinander geredet wird.

*Immer mehr Frauen studieren Medizin und beginnen eine Weiterbildung. Deshalb werden im Interview beispielhafte Konfliktsituationen der fiktiven Assistenzärztin Laura besprochen. 
 


Der Experte:

Prof. Dr. med. André Mihaljevic hat Humanmedizin und Biologie an der Universität Heidelberg studiert und anschließend in Heidelberg und München eine Facharztausbildung in der Allgemeinen Chirurgie gemacht. Heute arbeitet er als Oberarzt an der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie der Uniklinik Heidelberg und ist ärztlicher Leiter der Heidelberger Interprofessionellen Ausbildungsstation (HIPSTA). 

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