Schuberts Sprechstunde: „Die Liquidität der Häuser scheint stets in Gefahr – was kann ich tun?“

20 Februar, 2024 - 08:20
Dipl.-Psych. Petra Schubert
Schuberts Sprechstunde: Petra Schubert

Dipl.-Psych. Petra Schubert berät seit vielen Jahren Unternehmen aus der Gesundheitswirtschaft zu Themen rund ums Personalmanagement. An dieser Stelle beantwortet sie die interessantesten Fragen, die Ärztinnen und Ärzte aus der Klinik ihr in Coachings stellen.

Die Liquidität der Häuser scheint stets in Gefahr – was kann ich tun?

„Heutzutage liest man immer mehr von Insolvenzen verschiedener Häuser. Es gibt also eine reale Existenzgefahr. Wir sind ein kleines Haus, ich bemerke jedoch oder gerade deswegen bei den Mitarbeitenden in meiner Abteilung eine grundsätzliche Unsicherheit hinsichtlich des Fortbestehens. Die Mitarbeitenden haben nicht das Gefühl, Einfluss nehmen zu können auf das Schicksal des Hauses. Eher herrscht die Stimmung, sie knien sich rein und engagieren sich und trotzdem könnte eine Insolvenz drohen. Als Chefarzt möchte ich meinen Mitarbeitenden gern ein Sicherheitsgefühl geben und sie von diesen negativen Gefühlen und Ängsten befreien. Ich selbst bin mir aber auch nicht sicher, wie lange unser Haus bestehen wird. Gerade in der heutigen Zeit scheint ja die Liquidität der Häuser stets in Gefahr, daher meine Frage: Was kann ich tun?“

Petra Schubert: „Ich kann gut verstehen, dass Sie und Ihr Team verunsichert sind. Man liest ja tatsächlich überall über vor oder in der Insolvenz stehende Häuser. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass die Mitarbeitenden die Möglichkeit haben, mit ihren Führungskräften, also in dem Fall mit Ihnen, über ihre Gefühle und Ängste zu sprechen. Aus meiner Sicht wäre es gut, wenn Sie sich mit Ihren Mitarbeitenden in einer gesonderten Teamsitzung, also nicht in der Frühbesprechung, zusammensetzen und sich Zeit nehmen, mit ihnen über die aktuelle Lage zu sprechen und ihre Ängste und Befürchtungen anzuhören.

Um das Vertrauen der Mitarbeitenden zu stärken und damit vielleicht die eine oder andere Befürchtung zu nehmen, ist es wichtig, den Mitarbeitenden das Gefühl zu geben, dass sie mit ihren Ängsten und Sorgen zu Ihnen kommen können, diese ansprechen können und Sie andererseits den Mitarbeitenden transparent weitergeben, wie die Lage aus Ihrer Sicht ist.

Sofern Sie einen Einblick haben, wäre es gut, die aktuellen Zahlen und die künftige Ausrichtung des Hauses darzustellen. Vielleicht können Sie mit der Geschäftsführung, falls nicht schon üblich, in einen regelmäßigen Dialog darüber eintreten. Ihren Mitarbeitenden könnten Sie regelmäßig, zum Beispiel einmal pro Quartal, Teamsitzungen anbieten, in denen Sie die Lage besprechen und die für Ihre Abteilung möglichen nächsten Schritte darlegen. Ich wünsche Ihnen ganz viel Erfolg!“

Wie gehe ich vor, damit die Urlaubsplanung nicht immer wieder für Streitereien sorgt?

„Der Jahresanfang birgt immer Diskussionspotenzial, da wir spätestens am Ende des ersten Quartals die Urlaubsplanung für das ganze Jahr abgeben sollen. Diejenigen, die Kinder haben, argumentieren, dass sie ihren Urlaub in den Schulferien nehmen müssen. Andererseits wollen mitunter auch kinderlose Kolleginnen und Kollegen in diesen Zeiten Urlaub haben. Es gibt immer Zeitperioden, um die besonders gestritten wird: die Feiertage, besonders Weihnachten, aber auch die Sommerzeit. Als Leitender Oberarzt habe ich bisher versucht, zwischen den Parteien zu schlichten und mit allen einen Urlaubsplan aufzustellen. Das ist mir auch gelungen, doch haben sich nicht alle während des Jahres an diese Planung gehalten. Daraus resultieren immer wieder Koordinationsprobleme und Diskussionen mit meinem Chefarzt. Ich bin inzwischen etwas müde, meine Kolleginnen und Kollegen regelmäßig an unsere Planung zu erinnern und die Streitereien zu schlichten. Wie kann ich vorgehen, damit es künftig reibungslos funktioniert?“

Petra Schubert: „Die Rolle des Vermittlers ist schwierig in dieser Situation. Ich kann gut verstehen, dass die Kolleginnen und Kollegen mit Kindern in bestimmten Phasen Urlaub haben wollen, aber auch die Kolleginnen und Kollegen ohne Kinder gern ihren Urlaub frei planen möchten. Dennoch wäre es wichtig, alle daran zu erinnern, dass es um den Teamgedanken geht, es nötig ist, sich gegenseitig zu unterstützen und man in einem Team nicht alles bekommt, was man möchte, um sich selbst zu optimieren.

Mein Vorschlag wäre, setzen Sie sich mit Ihrem Chefarzt und dem Team zusammen und definieren sie Regeln, wie die Urlaubsplanung künftig vonstatten gehen soll. Beispielsweise kann es Kriterien geben, die als Basis dienen. Zum Beispiel könnte ein Kriterium sein, wer in einem Jahr an Weihnachten frei bekommen hat, wird im nächsten Jahr nicht berücksichtigt. Dies könnte man mit den Urlaubszeiten, die alle begehren, in ähnlicher Weise planen. Vielleicht hat Ihr Team weitere Ideen, welche Kriterien wichtig sind. Diese könnten gemeinsam aufgeschrieben und für die künftige Planung als Basis zu Rate gezogen werden.

Zudem könnten Sie das Team planen lassen und nur den Zeitraum vorgeben, in dem die Urlaubsplanung stehen soll. Gemeinsam mit Ihrem Chefarzt könnten Sie dem Team zum Beispiel vorgeben, die Urlaubsplanung bis Mitte Februar fertigzustellen und Ihnen vorzulegen, sodass Sie die Möglichkeit haben, noch mal draufzuschauen und diese abzusegnen oder abzuändern. Der letztendliche Vorschlag sollte von Ihrem Chefarzt und Ihnen genehmigt oder nach Ihren Notwendigkeiten geändert werden. Dies sollten Sie Ihrem Team klarmachen. Ich drücke die Daumen!“

Wie soll ich vorgehen, wenn ich Ungerechtigkeiten oder ,Krankmachen‘ sehe?

„Gefühlt wird der Pflegenotstand immer stärker. Im Dezember war es besonders schlimm. Bei vielen wächst die gefühlte Belastung über das Jahr, sodass sie am Jahresende nicht mehr können. Zudem schlagen COVID-19 und Influenza gerade in den Wintermonaten zu und machen auch vor unserem Team nicht halt. Dennoch sind einige Teammitglieder darunter, die den Teamgedanken nicht mehr leben und gern mal relativ schnell ,krank‘ sind oder eben nicht einspringen, wenn’s darum geht, jene zu unterstützen, die wirklich krank sind. Ich finde das extrem schwierig mit anzuschauen. Vor allem, da auch die Patienten dadurch leiden. Andererseits bin ich mir über meine Stellung klar. Ich als Assistenzarzt kann nicht eingreifen, zumal es noch nicht mal meine Berufsgruppe betrifft. Wie soll ich vorgehen, wenn ich Ungerechtigkeiten oder ,Krankmachen‘ sehe?“

Petra Schubert: „Ich finde es schwierig, Ungerechtigkeit auszuhalten, mit dieser zu leben oder sogar wegschauen zu müssen. Insofern empfehle ich, das ungerechte Verhalten anzusprechen. Aus meiner Sicht wäre sinnvoll, den Teamgedanken in den Vordergrund zu stellen und den Beteiligten die Notwendigkeit der gemeinsamen Unterstützung, den Zusammenhalt und das Engagement in Erinnerung zu rufen. Zudem sollten Sie mit Ihren Eindrücken zu Ihrem Vorgesetzten gehen.

Ich würde in Ihrem Fall als erstes Ihren Leitenden Oberarzt ansprechen und besprechen, wie sie gemeinsam vorgehen können. Im nächsten Schritt sollte Ihre Leitungskraft mit der pflegerischen Leitungskraft sprechen. Diese sollte dann entsprechend ihrer Führungsbefugnisse tätig werden, zum Beispiel die jeweilige Person in einem persönlichen Gespräch auf das Vorgehen ansprechen.

Doch ist es wichtig, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen. Beispielsweise kann es sein, dass ein Teammitglied chronisch krank ist und mehrfach ausfällt, ohne dass den anderen bewusst ist, welche Ursache dahintersteckt. Insofern mein Credo: Ansprechen ist immer besser als schlucken – jedoch vorsichtig. Alles Gute!“

Dtsch Arztebl 2024; 121(4): [2]

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