Schuberts Sprechstunde: „Unser neuer Oberarzt findet uns zu langsam – soll ich kündigen?“

9 März, 2021 - 08:23
Petra Schubert

Dipl.-Psych. Petra Schubert berät seit vielen Jahren Unternehmen aus der Gesundheitswirtschaft zu Themen rund ums Personalmanagement. An dieser Stelle beantwortet sie die interessantesten Fragen, die Ärztinnen und Ärzte aus der Klinik ihr in Coachings stellen.

Meine Kollegen priorisieren nach Wartezeit, nicht nach Schweregrad – was kann ich tun?

„Ich habe vor Kurzem als Leitende Oberärztin in der Unfallchirurgie einer großen Klinik begonnen. Schon mehrfach bemerkte ich, dass zwar alle engagiert sind, doch große Unklarheit herrscht, was die Aufgaben und die Prioritätensetzung betreffen. Aus meiner Sicht sollten immer jene Patienten mit den schwersten Verletzungen zuerst behandelt werden. Dies scheint hier anders zu sein. Meine Kollegen wollen die Patienten anscheinend nach Ankunftszeit und Dauer der Wartezeit behandeln und nicht nach dem Schweregrad ihrer Verletzung. Einer unserer Assistenzärzte war gerade mit der Behandlung einer älteren Patientin mit Rückenschmerzen beschäftigt, als ein Schwerverletzter reinkam, der einen Autounfall hatte. Da die anderen Kollegen auch mit schwerwiegenden Fällen beschäftigt waren, bat ich ihn, mich zu unterstützen und die Patientin zu bitten, sich zu gedulden. Der Assistenzarzt weigerte sich und argumentierte, jeder Patient sei gleich wichtig. Ich habe dann die Priorität gesetzt und ihn angewiesen, mir bei der Versorgung des Schwerverletzten zu helfen. Zudem habe ich auch der älteren Patientin, die volles Verständnis hatte, die Problematik geschildert. Nach der Versorgung der Patienten beschwerte sich der Assistenzarzt bei unserem Chefarzt, der ihm offenbar Recht gab. Nun hat mich mein Chefarzt zum Gespräch gebeten. Wie soll ich mich verhalten?“

Petra Schubert: „Ich kann Ihr Erstaunen gut verstehen. Ich finde die Situation aus mehreren Gründen erstaunlich: einerseits die fachliche Schwerpunktsetzung, die aus meiner Sicht natürlich in der Priorität nach Schweregrad liegen sollte, andererseits die klaren Widerworte des Assistenzarztes und der sofortige Bericht beim Chefarzt.

Aus meiner Sicht sollten Sie Ihrem Chefarzt in dem von ihm anberaumten Gespräch die Situation schildern und ihn nach seiner Prioritätensetzung fragen. Meine Vermutung ist, dass er Ihre Auffassung teilt und gar nicht genau einschätzen kann, wie die Kollegen aktuell priorisieren. Falls das der Fall ist, könnten Sie ihm vorschlagen, gemeinsam in einer Frühbesprechung die Prioritäten festzulegen und auch zu erläutern, wie sie mit Unstimmigkeiten im Team oder Anweisungen der Oberärztin künftig umgehen wollen. Vor dieser Frühbesprechung könnten Sie die Inhalte im Detail mit ihm abstimmen und ihn bei der Darstellung in der Frühbesprechung unterstützen.

Falls Ihr Chef jedoch auch der Ansicht ist, dass die Patienten nach Ankunftszeit und Dauer der Wartezeit behandelt werden müssen, sollten Sie ihm die damit verbundenen Risiken erläutern und darauf drängen, die Prioritäten zu überdenken. Falls Ihr Chefarzt sie dennoch beibehält, sollten Sie Ihre Bedenken nochmals äußern und weitere Kollegen hinzuziehen, um die Überzeugungskraft zu erhöhen. Falls dieser sich weiterhin nicht umstimmen lässt, sollten Sie ihm mitteilen, dass Sie Ihre Bedenken gegenüber der Geschäftsführung äußern werden, sobald nochmals eine ähnliche Situation auftritt, da mit einem solchen Vorgehen eine akute Patientengefährdung verbunden sein könne.“

01.04.2021, Brandenburgklinik Berlin-Brandenburg
Bernau bei Berlin
01.04.2021, MEDIAN Klinik Bad Sülze
Bad Sülze

Unser neuer Oberarzt findet uns alle zu langsam und macht Druck – soll ich kündigen?

„Ich arbeite schon lange als Facharzt in der Abteilung für Innere Medizin eines kleineren Krankenhauses und bin eigentlich ganz zufrieden. Wir haben viel Freiraum und stoßen auch auf offene Ohren bei der Krankenhausleitung, wenn wir neue Geräte benötigen oder Ausfälle haben. Bei internen Schwierigkeiten sprechen wir miteinander und finden immer eine Lösung. Nun haben wir einen neuen Oberarzt-Kollegen aus der Uniklinik, der sich schon nach einer Woche bei unserem Chef beschwert hat, dass wir viel zu langsam sind und viel zu viel diskutieren. Aus meiner Sicht hat bisher alles gut geklappt, auch die Patientenrückmeldungen waren immer positiv. Vor Kurzem habe ich mitbekommen, wie er einen Assistenzarzt zusammengefaltet hat, als dieser sich gerade mit einer Pflegekraft über die Behandlung eines Patienten abstimmen wollte. Dies dauerte dem Oberarzt wohl zu lang. Seitdem er da ist, hat sich auch die Stimmung verschlechtert. Unser Chefarzt treibt uns plötzlich mehr an. Ich finde das alles sehr schade und denke darüber nach, mich woanders zu bewerben. Was kann ich sonst tun?“

Petra Schubert: „Ihr Oberarzt-Kollege ist von der Uniklinik wahrscheinlich ein anderes Vorgehen gewohnt, geht offenbar noch von diesem Vorgehen aus und kann sich nur schwer an die Abläufe in Ihrer Klinik gewöhnen. Dennoch kann ein kritisches Drübergucken über gewohnte Abläufe auch nutzen. Insofern macht vielleicht eine gemeinsame Betrachtung von Verbesserungsmöglichkeiten, aber auch von Stärken, Sinn. Ich rate Ihnen, Ihrem Chefarzt gemeinsam mit Ihrem Oberarzt-Kollegen Folgendes vorzuschlagen: In einer der nächsten Frühbesprechungen könnte Ihr Chefarzt das Team auffordern, sich eine gewisse Zeit lang, zum Beispiel eine Woche oder einen Monat, das aktuelle Vorgehen, die Zusammenarbeit und die Abläufe anzuschauen und aufzulisten, was gut läuft, was also die Stärken sind, und was wie zu verbessern ist. Diese Listen könnte das Team nach der festgelegten Frist in einer weiteren Besprechung priorisieren. Auf dieser Basis können alle im Team die Stärken, also alles, was sie beibehalten wollen, und die Verbesserungsmaßnahmen auflisten und angehen. Dies würde allen helfen und einen einheitlichen Blick auf die Situation festigen.

Da der Tonfall Ihres Oberarzt-Kollegen augenscheinlich manchmal verbesserungswürdig ist, sollten Sie auch die Zusammenarbeit, den Umgang mit verschiedenen Meinungen und Missverständnissen ansprechen und gemeinsam definieren, wie das Team künftig damit umgehen will.“

01.04.2021, Klinikum der Schwerpunktversorgung
02.04.2021, Spital
Zentralschweiz

Die Assistenzärzte beschweren sich über zu wenig Teaching – wie kann ich reagieren?

„Ich bin Chefarzt der Orthopädie. Immer wieder beschweren sich Assistenzärzte bei mir darüber, dass sie das praktische Teaching durch die Oberärzte unzureichend finden. Konfrontiere ich die Oberärzte mit solchen Aussagen, werden diese als unzutreffend zurückgewiesen. Ich finde es schwierig einzuschätzen, wer Recht hat und was notwendig ist, um die Assistenzärzte gut in ihrer fachlichen Entwicklung zu unterstützen.“

Petra Schubert: „Ich glaube, hier sind unterschiedliche Erwartungen, Wahrnehmungen und vielleicht auch Generationen im Spiel. Die Assistenzärzte hätten gerne mehr Anleitung und Unterstützung. Die Oberärzte gehen davon aus, dass das, was sie beibringen, ausreicht.

Mein Vorschlag: Sie könnten dies in einer Besprechung offen ansprechen mit dem Fokus darauf, dass beide Seiten aus ihrer Sicht Recht haben, es jedoch sinnvoll ist, einen gemeinsamen Weg zu definieren, sodass sich die Assistenzärzte gut angeleitet fühlen und die Oberärzte nicht zu viel Zeit für die Anleitung benötigen. Insofern könnten alle Beteiligten anhand von Beispielen festlegen, wie viel Teaching die Oberärzte in Zukunft bieten und welchen Eigenanteil die Assistenzärzte aufwenden sollen. Nach einer gemeinsam definierten Zeit X können Sie in einer weiteren Frühbesprechung gemeinsam ein Resümee ziehen und, sofern nötig, an der einen oder anderen Stelle nachjustieren.“

Dtsch Arztebl 2021; 118(10): [2]

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