Urlaubsvertretung, Gutachten oder ärztliche Reisebegleitung: Tipps fürs Arbeiten im Ruhestand

11 Mai, 2022 - 09:13
Gerti Keller
Fröhlicher älterer Arzt in der Klinik

Mit 65 Jahren den Rezeptblock & Co abgeben? Das muss nicht sein. Für Ärztinnen und Ärzte gibt es mit dem Eintritt ins Rentenalter viele Optionen, zumal sie heute gefragter sind denn je. Einer, der sich auskennt ist Dr. Eugen Engels.

„Nach wie beliebt sind Vertretungen für Urlaub oder Krankheit in Facharzt-, aber auch Hausarztpraxen. Oder man macht KV-Notdienste. Hier werden immer Poolärztinnen und -ärzte gesucht, also warum nicht einen Sitzdienst übernehmen, der in der Regel bis 22 Uhr geht?“, regt Dr. Eugen Engels an, der das Thema „Arbeiten im Ruhestand“ lange Jahre im Hartmannbund betreut hat.

Auch in Rehaeinrichtungen und Kliniken werden Ärztinnen und Ärzte auf Zeit gesucht. Seit dem Urteil des Bundessozialgerichts von 2019 ist dies in der Regel aber oft nur noch als sozialversicherungspflichtige Anstellung möglich, was dann aber immerhin Lohnfortzahlung bei Krankheit beinhaltet. Die Vermittlung erfolgt überwiegend über Zeitarbeitsfirmen. Dort werden beispielsweise alle möglichen Modelle angeboten: von mehreren Monaten bis zu Rufbereitschaften oder Nachtdiensten an bestimmten Tagen. Dabei verhandelt die Agentur die Konditionen mit den Arbeitgebern. Unterkunft und Verpflegung werden häufig gestellt. Alle Fachrichtungen sind gefragt.

Eine freiberufliche Tätigkeit als klassischer Honorararzt ist derzeit außerdem noch über die Vicaredoc eG möglich. Diese Ärzte-Genossenschaft vermittelt zwar keine Jobs, wickelt aber für ihre Mitgesellschafter die Verträge mit Kliniken oder MVZs ab. Dies eignet sich jedoch eher für mittel- und langfristige regelmäßige Tätigkeiten als für den „schnellen" Einsatz.

Lohnt sich und ist bequem: Gutachten schreiben

„Gutachten werden auch sehr gerne gemacht. Das lässt sich von zu Hause aus erledigen – und zwar, wann man will, morgens oder abends, und am besten bei schlechtem Wetter“, so Engels. Auftraggeber sind die Rentenversicherungsträger, der MDK oder Betreuungsgerichte. Darüber hinaus ist es möglich, Pflegegradeinstufungen bei Privatpatienten zu übernehmen. So sucht etwa Medicproof dafür auch Ärztinnen und Ärzte im Ruhestand. Die Altersgrenze für Einsteiger liegt hier bei 67 Jahren, denn die Gutachter und Gutachterinnen sollen im besten Fall mehrere Jahre für das Kölner Unternehmen tätig sein. Zu Beginn durchlaufen alle eine vierwöchige Basisschulung. Dabei liegt der Fokus auf einem digitalen Selbststudium von 25 Stunden, die flexibel einteilbar sind, sowie einer 1,5-tägigen Präsenzveranstaltung. Ein Vorteil: Es liegt in der eigenen Hand, wie viele Gutachten man maximal erstellen möchte. „Mit etwas Glück können Sie mit einem solchen Nebenjob sogar in ganz Europa herumkommen, da nicht wenige ältere Menschen ihren Lebensabend auf Mallorca oder im preisgünstigeren Polen verbringen“, erläutert Engels.

Beliebt sind ferner Schwerbehinderten-Gutachten, die auch Engels seit vielen Jahren erstellt. „Auftraggeber sind die Versorgungsämter, die heute in aller Regel bei der Kommune angesiedelt sind. Pro Akte gibt’s um die 20 Euro, nach der Einarbeitung lassen sich drei bis fünf die Stunde schaffen“, erklärt er. Oft bekommt er Fälle von Menschen ab dem 60. Lebensjahr auf den Tisch, die mit einem Schwerbehindertengrad ab 50 früher in Rente gehen möchten. Die Unterlagen, meist die Behandlungsbefunde der letzten zwei Jahre, gibt’s bequem per E-Mail.

Reisen und dabei Geld verdienen

Alle, die es in die weite Welt zieht, können auch bei einem Touristikunternehmen anklopfen. Manche Anbieter haben „ärztlich begleitete“ Reisen im Programm. Dazu gehört der Reiseanbieter Viamonda, der solche Kleingruppenfahrten beispielsweise nach Namibia und Usbekistan anbietet. Neben dem Kümmern um kleine Wehwehchen, Services wie tägliches Blutdruckmessen oder der Begleitung ins Krankenhaus bei ernsteren Erkrankungen, übernehmen Ärztinnen und Ärzte dort auch manche Reiseleiterfunktion. Zudem ist eine hohe Sozialkompetenz nötig, denn sie sind auch beliebte Ansprechpartner, gerade für Alleinreisende. Derzeit sind alle im Team schon im Ruhestand. Oft rutscht man über Mund-zu-Mund-Propaganda rein. Aber: Bewerbungen sind grundsätzlich willkommen, aufgrund der aktuellen Flaute in der Branche allerdings besser erst nach Omikron & Co. Einsätze als Schiffsarzt sind allerdings generell sehr gefragt – und die Plätze oft von jüngeren Kolleginnen und Kollegen belegt.

Wer mag, kann auch bei Praxen an attraktiven Urlaubsorten, die saisonalen Zulauf haben, anklopfen. Engels Tipp: „Ich habe dafür mal eine kleine Anzeige in den monatlichen Mitteilungsblättern der Ärztekammer aufgegeben: ‚möchte gerne Vertretung in einer Gemeinschaftspraxis übernehmen, zum Beispiel in Skiorten oder an Nord- oder Ostseeküste‘. Da kam durchaus Resonanz.“

Überhaupt lässt sich so etwas in Eigenregie auf den Weg bringen, wie Engels schon vor 25 Jahren bewies. „Die zündende Idee kam mir, als ich an einem Tag mehreren älteren Patientinnen und Patienten bei Hausbesuchen den Ratschlag gab ‚Sie brauchen Tapetenwechsel. Fahren Sie doch mal weg‘. Dreimal nacheinander hörte ich die Antwort ‚ja, wenn sie mitfahren würden‘.“ Daraufhin fragte er einfach beim örtlichen Busunternehmen nach, ob das nicht eine gute Sache wäre – und war dann jahrelang unterwegs, von der Mosel bis an die Elbe. Er umsonst, seine Frau zum Einkaufspreis.

„Zumeist war das für mich recht erholsam, aber einmal erkrankten fast zwei Drittel der gesamten Mannschaft an Durchfall. Da habe ich im Alten Land etliche Infusionen auf den Zimmern gelegt“, erinnert er sich. Später erweiterte sich das Angebot auf „Der Doktor fliegt mit“ – und es ging nach Kreta, Sizilien, Rhodos, wobei er einen Notfall erlebte: „Ich begleitete eine Patientin mit Angina-Pectoris-Anfällen nach Hause. Dummerweise hatte ich meinen Notfallkoffer aufgegeben und musste mich mit dem des Flugzeugs bedienen. Das war schon abenteuerlich.“

Gutes tun im Ehrenamt

Darüber hinaus sind reichlich ehrenamtliche Tätigkeiten möglich. Eine Anlaufstelle fürs Helfen in ärmeren Ländern ist beispielsweise German Doctors. Hier gilt für den Ersteinsatz im Ausland die Altersgrenze 70, für Ärzte mit entsprechender Erfahrung liegt sie bei 74. Auch der Senior Experten Service (SES), der weltweit Hilfe zur Selbsthilfe leistet, sucht dringend Fachleute aus allen Bereichen der Medizin im In- und Ausland. Im Zentrum stehen die Länder Peru fürs Training an modernen Endoskopie-Geräten, Äthiopien für Schulungen in Augenheilkunde, sowie die Republik Moldau, wo die Krebsvorsorge im Fokus steht sowie Nepal, Uganda und China. Fahrt und Unterbringung werden vergütet, auch die nötigen Versicherungen organisiert. „Mir haben Chirurgen erzählt, dass sie bei solchen Einsätzen Krankheitsbilder gesehen haben, von denen sie zuletzt im Studium gehört hatten, wie riesige Leistenbrüche, Tuberkulose des Darms oder Typhus“, erzählt Engels. In Deutschland wiederum könne man sich zum Beispiel bei der Obdachlosenhilfe engagieren, rät er, oder sich beim Malteser Hilfsdienst um Nichtversicherte kümmern. Hier bietet sich auch die lokale Recherche bei Ehrenamtsagenturen an.

Engels selbst kann mit seinen 79 Jahren auf reichlich „Unruhestand“ zurückblicken. So ist er seit 2011 in einer Suchtklinik tätig, engagiert sich in der Fortbildung und wird immer wieder für Vorträge zu Gesundheitsthemen angefragt. „Darüber berichtet dann auch die Zeitung, was dazu führt, dass man in der Region recht bekannt wird.“ Doch ein wenig zieht der sechsfache Vater und zwölffache Großvater jetzt schon die Reißleine: „Ich habe mich vor zwei bis drei Jahren aus den Fortbildungen für Ärztinnen und Ärzte zurückgezogen. Mittlerweile gibt es auch viele neue Medikamente, man hat keine eigenen Fälle mehr und ist irgendwann nicht mehr ganz up-to-date.“ Außerdem sollte immer genug Zeit übrigbleiben für Familie und Hobbys. Er selbst widmete sich wieder intensiv seiner alten Leidenschaft, der Musik, und spielt heute Geige in mehreren Ensembles. 2019 gründete er zudem das Westfälisch-Lippische Ärzteorchester.

Insgesamt empfiehlt er: „Interessierte sollten nur Tätigkeiten übernehmen, bei denen sie die Termine überschauen und am besten auch selbst bestimmen können. Damit auch noch genug Zeit für alles andere bleibt“, sagt er. So scheint heute die Sonne und er möchte sich gleich nach draußen begeben. Doch später muss er wieder an seinen Schreibtisch, weil er nächsten Samstag ein Online-Kolloquium zur „Ambulanten Versorgung älterer Menschen inklusive der Wundtherapie“ leitet, ein Baustein zur Weiterqualifizierung von Medizinischen Fachangestellten zu EVAs, Entlastende Versorgungs-Assistentinnen.

Gut zu wissen:

Die Fortführung der ärztlichen Tätigkeit über das Rentenalter hinaus ist generell erlaubt, muss aber der Ärztekammer mitgeteilt werden. Wenn Ärztinnen und Ärzte im Ruhestand eine Praxisvertretung übernehmen, muss es sich um dasselbe Fachgebiet handeln. Und: Man sollte auf jeden Fall entsprechend versichert sein. Engels: „Wer im Ruhestand weiterhin regelmäßig oder sporadisch ärztlich tätig sein will, sollte das mit der Berufshaftpflichtversicherung abstimmen. Sie werden dann entsprechend eingestuft.“ Das gilt aber nur, wenn man patientenorientiert arbeitet, für Gutachten etc. braucht es das nicht. Auch das Gespräch mit dem Steuerberater kann nicht schaden.

Der Experte:

Dr. Eugen Engels

Dr. Eugen Engels hat in seinem Berufsleben als Chirurg, Internist, im Krankenhaus und in einer eigenen Praxis gearbeitet. Er war außerdem im Hartmannbund sowie in der KV und der Ärztekammer Westfalen-Lippe aktiv, wo er sich unter anderem um das Thema „Als Arzt im Ruhestand“ kümmerte. Seit er selbst mit 65 in Rente ging, war er auf Flusskreuzfahrten als Schiffsarzt unterwegs und hat Busreisen begleitet. Außerdem schreibt er Ratgeber und ist unter anderem stundenweise in einer Reha-Klinik für Abhängige von illegalen Drogen, als Gutachter im Schwerbehinderten-Recht und im Fortbildungswesen für Medizinische Fachangestellte tätig.

Bild: © privat

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