Wenn die Seele von Ärztinnen und Ärzten nach Hilfe schreit

29 Oktober, 2026 - 06:52
Gerti Keller
Ärztin weint im Umkleideraum, psychische Probleme, Stress, Burnout

Panikattacken, notorische Angst vor Kunstfehlern, totale Erschöpfung: Ärztinnen und Ärzte haben ein erhöhtes Risiko für mentale Erkrankungen. Gleichzeitig versucht gerade diese Berufsgruppe oft die Symptome zu verdrängen und zu verleugnen. Dr. Thomas Bergner, Dermatologe und Coach, hat darüber ein Praxisbuch geschrieben – mit konkreten Tipps für Prävention und Intervention.

Dr. Bergner, Sie sind seit rund 25 Jahren auf die Beratung bei Burnout & Co. spezialisiert. Viele Ihrer Klientinnen und Klienten kommen aus dem medizinischen Bereich. Wie steht es um die mentale Gesundheit der Ärzteschaft? 

Dr. Thomas Bergner: Die besonderen Anforderungen dieses Berufs erhöhen schlichtweg das Risiko für eine seelische Erkrankung. Die ohnehin hohe Belastung wächst durch Kostendruck, Personalmangel und ausufernde Bürokratie stetig weiter. Zudem werden viele in den Kliniken durch die häufige Rotation zwischen den Stationen zusätzlich gestresst. Darüber hinaus kommt es vermehrt zu Angriffen durch Patienten und Angehörige. Auch können sich Ärztinnen und Ärzte von dem vielen Leid um sie herum nicht vollkommen abschotten. Sie arbeiten sehr oft in Räumen der Angst. Und darüber schwebt die Ohnmacht dem System gegenüber.

Was meinen Sie damit?

Dr. Thomas Bergner: Ärztinnen und Ärzte sind Befehlsempfänger von Regeln, die von außen gesetzt werden. Diese lösen Druck aus und beschränken gleichzeitig die Autonomie. Man bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Gewinnoptimierung und den Erwartungen an den stets erreichbaren „guten Arzt“. Sehr viele haben selbst ein altruistisches Ideal, wollen gleichzeitig empathisch, souverän und professionell handeln. Das bedeutet aber auch, Unsicherheiten zu überspielen, keine Schwäche zu zeigen. Stark verkürzt kann man sagen: Was einen zum guten Arzt macht, birgt zugleich das Risiko, am Beruf zu scheitern.  

Alle Bad Five der mentalen Gesundheitsstörungen – Burnout, Depression, Sucht, Suizidalität, Angsterkrankungen – werden besonders oft im Zusammenhang mit Ärztinnen und Ärzten diskutiert. Was ist am häufigsten?

Dr. Thomas Bergner: Die Angsterkrankung. Schon bei Medizinstudierenden liegt deren Quote bei 34 Prozent. Das ist viel mehr als in der Allgemeinbevölkerung, wo sie eine Lebenszeit-Prävalenz von 28 Prozent aufweist – womit das übrigens die häufigste psychische Erkrankung überhaupt darstellt. Logischerweise kommt sie daher auch bei medizinischen Fachkräften häufig vor, wird aber praktisch nie thematisiert.

Warum?

Dr. Thomas Bergner: Die Angsterkrankung kratzt massiv am Selbstbild der Ärzteschaft, die sich immer als stark und allwissend sehen will.  Das ist noch stärker schambehaftet als Depression oder vor allem Burnout. Gerade bei Letzterem meint man, die Betroffenen seien wirklich überarbeitet, haben sich das quasi verdient. Angst wird dagegen mit Schwäche konnotiert, was falsch ist. Hinzu kommt, dass Ärztinnen und Ärzte berufsrechtliche Konsequenzen fürchten, weil sie bei mentalen Erkrankungen eventuell unter Überwachung der Ärztekammer stehen.  

Woran merken Ärztinnen und Ärzte das sich da was zusammenbraut?

Dr. Thomas Bergner: Oft kommt auch diese seelische Erkrankung wie aus heiterem Himmel. Tatsächlich besitzt die ärztliche Berufsgruppe aber häufig erstaunliche Fähigkeiten, noch für eine ganze Weile von eigenen Beschwerden abzulenken, sie herunterzuspielen oder schlicht zu verleugnen. Selbst in Therapie bemüht man sich um „neutrale Diagnosen“ wie Stress. Meistens arbeiten sie einfach weiter. Eine scheinbare Kleinigkeit, wie eine Praxisbegehung durch das Gesundheitsamt, kann das Fass zum Überlaufen bringen. Dann brechen sie zusammen oder werden aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten von der Arbeitsstelle „entfernt“.

Ein Beispiel?

Dr. Thomas Bergner: Einmal suchte mich ein Arzt mit der festen Überzeugung auf, er sei überlastet. Die Story war: Während eines Inland-Flugs bekam er eine Panikattacke. Er erkannte diese nicht, vermutete einen Herzinfarkt. Das Flugzeug musste zwischenlanden, im Notarztwagen wurde festgestellt, dass physiologisch alles in Ordnung war. Man sagte ihm auch nichts von einer möglichen Panikattacke, sondern nur, er hätte sich vielleicht zu sehr aufgeregt. Wieder im Job ereilte ihn das monatelang immer wieder, etwa bei bestimmten minimalinvasiven Eingriffen. Es dauerte vier Sitzungen á zwei Stunden, ihn von der Burnout-Diagnose, die er mittlerweile als akzeptabel ansah, zur tatsächlichen zu bringen. Er war total blockiert.

Zu welchen Bewältigungsstrategien neigen Betroffene?

Dr. Thomas Bergner: Die erste und mit Abstand häufigste, die ich kenne – und die nichts nutzt – ist: Sie versuchen das mit sich selbst auszumachen, fressen es in sich hinein. Danach kommt Suchtverhalten: Essen, Alkohol oder Substanzmissbrauch. Klassisch ist auch Fluchtverhalten. Dazu gehört das Vermeiden bestimmter Situationen und sozialer Rückzug, aber auch das Gegenteil davon, also Arbeitswut, intensiver Sport oder permanente Fortbildungen. Ebenso typisch sind Aktivitäten, die scheinbar gar nichts mit der seelischen Erkrankung zu tun haben: Analysieren, Planen, Selbstmedikation, Übergenauigkeit sowie Ablenkungen wie Einkaufen, im Internet surfen. Es gibt viele verschiedene Ablenkungsmanöver, die als solche in der Regel nicht von den Betroffenen erkannt werden.

Was hilft denn?

Dr. Thomas Bergner: Im Akutfall helfen Atemtechniken. Falls möglich sollte man aus der Situation gehen – zumindest mental und sich auf einen anderen Inhalt fokussieren. Das Einzige, was bewiesenermaßen langfristig heilt, ist kognitive Verhaltenstherapie, zu der auch Exposition gehören kann. Ebenso die üblichen Entspannungsverfahren. Grundsätzlich ist Sport empfehlenswert, so lang er nicht exzessiv betrieben wird, Verzicht auf alle Rauschmittel und last but not least eine intakte Beziehung.

Welche Last tragen Ihre Klienten und Klientinnen noch?

Dr. Thomas Bergner: Viele haben Angst vor einem Kunstfehler. Das größte Problem ist die Überzeugung, keine Fehler machen zu dürfen. Da wird viel unter den Teppich gekehrt, die Sorge vor Kontrollverlust ist riesig, man spricht nicht mal untereinander darüber. Das macht auch einsam. Es ist ein selbstgebautes Gefängnis und wer drinsitzt, merkt es nicht.

Wie macht sich das bemerkbar?

Dr. Thomas Bergner: Kunstfehler und die Angst davor verursachen sehr klebrige, unangenehme Gefühle wie Schuld, Scham oder Beklemmungen – und sind darüber hinaus eine der Hauptursachen für ärztliche Suizide. Sobald ein Verdacht auftaucht, verschwindet die Maske des unangreifbaren Experten ganz schnell. Dann werden teilweise Heerscharen von Juristen aufgeboten, um sich zu wehren. Ich hatte einen Klienten, der einer Patientin eine IGeL-Leistung angeboten hatte, die diese auch unterschrieb. Nach der Behandlung behauptete sie, ihr körperlicher Zustand habe sich dadurch verschlechtert – und zeigte den Arzt an. Er kam völlig aufgelöst zu mir, anstatt zu sehen, dass die Patientin nur die Kosten loswerden wollte, was das Gericht im Endeffekt genauso wertete. Und er hatte gar keinen Fehler gemacht! Dabei macht jeder Mensch Fehler. Ärztinnen und Ärzte auch.

Sind die hohen Berufsanforderungen an all dem schuld?

Dr. Thomas Bergner: Es gibt den Ausdruck „heimlicher Lehrplan“, der auf den Soziologen Daniel A. McFarland zurückgeht. Er bedeutet, dass jedem Studierenden unausgesprochene Regeln beigebracht werden. Man lernt neben den medizinischen Fakten, auch die eigenen Gefühle hintanzustellen. Dieser unterschwellige Charakter setzt sich besonders effektiv im Unterbewusstsein fest. Meiner Erfahrung nach ist selbst der stressigste Klinikalltag allenfalls der Auslöser, nicht die Ursache. Der Leistungsdruck kann höchstens die allgemeine mentale Kapazität schwächen. In der Regel stecken Kindheitserlebnisse dahinter, wie Missbrauch, Nahtoderlebnisse oder Deprivation, welche jahrzehntelang vor sich hin schwelen können. Die Seele tut was sie will – und wenn es eine Angst gibt, die aufgelöst werden will, nutzt sie die banalsten Anlässe dafür, die alte Geschichte zum Vorschein zu bringen. In der Regel liegt die Lösung aber ganz woanders. 

01.11.2026, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Lübeck
01.11.2026, AMEOS Poliklinikum Vorpommern GmbH
Ueckermünde

Ein Beispiel dafür?

Dr. Thomas Bergner: Ein kongenialer Satz sagt: Die Lösungsversuche des Klienten unterhalten das Problem. Einmal kam ein Hausarzt zu mir, der wirklich an Burnout litt. Er klagte, dass die Patienten ihm die Praxis einrennen würden. Er hatte schon einen Assistenzarzt und etliche Fachangestellte eingestellt. Bereits in der ersten Sitzung stellte sich heraus, dass er im Moment noch zeitlich angespannter war als sonst, weil er gerade die nächste Zusatzbezeichnung erwarb. Er besaß schon einige wie Manuelle Medizin und Qualitätsmanagement und packte immer wieder noch etwas drauf. Ich sagte ihm: „Sie machen sich ja auch immer begehrter“.  Das hat er nicht gemerkt. Defacto steckten bei ihm massive Eheprobleme dahinter. Aber er hatte weder die Kraft noch den Mut, das anzugehen, und projizierte alles auf den Beruf. Je mehr Zusatzbezeichnungen, umso seltener musste er zu Hause erscheinen.  

Was ist der wichtigste Schritt?

Dr. Thomas Bergner: Die Störung an- und wahrnehmen! Egal, um welche es sich handelt, sollte man sich vor dem inneren Spiegel nackig machen und sagen: „so ist es, das sind meine jetzigen Probleme“. Nicht unbedingt im Sinne der Eigenmedikation oder -therapie, aber es ist ratsam zu überlegen: Wann kam das zum ersten Mal, sehe ich einen Zusammenhang mit mir, insbesondere mit meiner Vorgeschichte? Sagen Sie zu sich selbst: „Ich bin nicht nur Arzt, das ist mein Beruf und vielleicht auch meine Berufung. Ich bin ein Mensch wie jeder andere auch und darf eine mentale Störung haben“. Um zu klären, was die Störung auslöst, braucht man allerdings oft einen äußeren Spiegel, ob das eine gute Freundin oder ein Therapeut ist. Man selber kommt man da meist nicht weiter. Sich einzugestehen, Hilfe von anderen zu benötigen, ist allerdings genau die Klippe, die für viele so schwer ist. Weil sie täglich dutzende Male demonstriert bekommen, dass sie diejenigen sind, die „immer alles wissen".

Der Experte:

Dr. Thomas Bergner

Dr. Thomas Bergner, Dermatologe. Von 1987 bis 1992 war er an der LMU München, 1993 bis 2002 in eigener Praxis niedergelassen. Er absolvierte psychotherapeutische, systemische sowie Coaching-Ausbildungen. Seit 1994 ist er als Coach für Führungskräfte mit dem Fokus auf Burnout-Prävention tätig sowie Sachbuchautor. Unter anderem schrieb er das Praxisbuch „Mentale Gesundheit für Ärzte und Psychotherapeuten“, Klett-Cotta, 2021, ISBN: 978-3-608-40059-5.

Bild: © Ainoa Bergner

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