Zusatz-Weiterbildung Handchirurgie: Dauer, Inhalte, Voraussetzungen

24 Mai, 2023 - 08:18
Stefanie Hanke
Hand eines Chirurgen

Handchirurginnen und Handchirurgen sind Experten für die Gesundheit und Beweglichkeit von Händen und Unterarmen und arbeiten dabei sowohl operativ als auch konservativ. Wie die Zusatz-Weiterbildung abläuft und welche Voraussetzungen es dafür gibt, erfahren Sie im Beitrag.

Auf einen Blick: Zusatz-Weiterbildung Handchirurgie

  • Definition: Die Handchirurgie befasst sich mit der Diagnose und Behandlung von Verletzungen, Erkrankungen, Tumoren und Fehlbildungen an Hand und Unterarm.
  • Voraussetzungen: Facharztanerkennung in Allgemeinchirurgie, Kinder- und Jugendchirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie oder Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie
  • Dauer: 24 Monate bei einem Weiterbilder für Handchirurgie
  • Anzahl der Ärzte: In Deutschland sind 2.154 Ärztinnen und Ärzte mit der Zusatzbezeichnung "Handchirurgie" bei den Kammern registriert (2022).

Kräftig zupacken oder vorsichtig streicheln, Klavier spielen, Schuhe zubinden, Texte schreiben oder natürlich auch ein Skalpell führen: Die menschliche Hand ist ein vielseitiges Werkzeug, mit dem wir ganz unterschiedliche Tätigkeiten ausführen können. Sie besteht aus 27 Einzelknochen. Dazu kommen viele Muskeln, Sehnen, Bänder, Blutgefäße und Nerven, die in komplizierter Form zusammenspielen. Dieser komplexe Aufbau führt dazu, dass schon kleine Verletzungen größere Beeinträchtigungen und Beschwerden nach sich ziehen können.

Die Hände sind natürlich auch immer "mitten im Geschehen", beispielsweise bei der Arbeit, bei handwerklichen Hobbies oder beim Sport. Kein Wunder also, dass es auch relativ häufig zu Verletzungen kommt: Etwa jede dritte Verletzung, die Menschen sich im Alltag zuziehen, betrifft die Hände oder die Unterarme.

Operative und Konservative Therapien

Die Behandlung dieser Verletzungen macht einen großen Teil der Arbeit von Handchirurginnen und Handchirurgen aus. Ihre Aufgaben reichen aber weit über die operative Behandlung von Verletzungen oder Verbrennungen an den Händen hinaus. Sie können beispielsweise auch konservative Therapien verordnen und sind generell Ansprechpartner, was die Gesundheit und Beweglichkeit der Hände betrifft. Das schließt beispielsweise auch Erkrankungen wie Arthrose oder Rheuma, Infektionen des Weichgewebes wie Sehnenscheidenentzündungen, Tumore, aber auch Fehlbildungen an den Händen von Neugeborenen ein.

Die Handchirurgie als medizinische Disziplin hat sich in den 1940er Jahren aus der Chirurgie und der Orthopädie entwickelt. Das erste medizinische Lehrbuch zum Thema erschien 1944 in den USA. Dort entstand zwei Jahre später auch die erste handchirurgische Fachgesellschaft der Welt. Für die Arbeit in der Handchirurgie sind Kenntnisse aus den Fachgebieten Unfall-, Gelenk-, Gefäß- und Neurochirurgie wichtig. Eine enge Verbindung besteht auch zur Plastischen Chirurgie: Die Handchirurgie ist einer der vier Teilbereiche des Fachgebiets (Ästhetische Chirurgie, Verbrennungschirurgie, Rekonstruktive Chirurgie, Handchirurgie). Hier spielen gewebeschonende, mikrochirurgische Techniken eine große Rolle. Die Zusatz-Weiterbildung Handchirurgie ist daher beispielsweise auch bei plastischen Chirurginnen und Chirurgen sehr beliebt, die sich auf diesen Bereich spezialisieren und ihre Kenntnisse noch vertiefen möchten.

Fachleute für filigrane Chirurgie

Denn in der Handchirurgie ist filigrane Arbeit gefragt: Hier liegen viele kleine Sehnen, Nerven und Blutgefäße dicht beieinander. Damit die operierenden Ärztinnen und Ärzte die feinen Strukturen während des Eingriffs besser erkennen können, wird in der Regel mit einer Blutsperre operiert: Dadurch wird der zu behandelnde Arm vorübergehend von der Blutversorgung abgeschnitten, um so für freie Sicht zu sorgen. Außerdem wird dadurch der Blutverlust während der Operatoin verringert. Die Chirurginnen und Chirurgen arbeiten außerdem mit einer Lupenbrille oder einem Operationsmikroskop.

Viele handchirurgische Eingriffen können heute ambulant durchgeführt werden. Daher eignet sich dieses chirurgische Fachgebiet auch gut für Ärztinnen und Ärzte, die über eine Niederlassung nachdenken.

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Handchirurg werden: Die Zusatz-Weiterbildung im Überblick

Dauer der Weiterbildung

  • 24 Monate Handchirurgie unter Befugnis an Weiterbildungsstätten

Inhalte der Weiterbildung

Übergreifende Inhalte der Zusatz-Weiterbildung Handchirurgie

  • Spezielle Anatomie der Hand
  • Gutachtenerstellung (Richtzahl: 10)
  • Lokal- und Regionalanästhesien an der Hand (Richtzahl: 20)
  • Berufsgenossenschaftliche Heilverfahren
  • Interdisziplinäre Indikationsstellung zur weiterführenden Diagnostik einschließlich der Differentialindikation und Befundinterpretation

Notfälle

  • Handchirurgische Notfallmaßnahmen bei komplexen Handverletzungen (Richtzahl: 10)
  • Operative Eingriffe, davon
    • Amputationen an Hand und Unterarm (Richtzahl: 6)
    • thermische, chemische, elektrische Verletzungen, Hochdruckeinspritzverletzungen, Kompartment-Syndrome der Hand (Richtzahl: 5)

Infektionen

  • Ätiologie und Pathogenese von Infektionen der Hand
  • Konservative Behandlungen bei Infektionen der Sehnen und Gelenke der Hand
  • Operative Eingriffe bei Infektionen, davon (Richtzahl: 20)
    • tiefe Wund- und Sehnenscheideninfektionen (Richtzahl: 10)
    •  Paronychie, Panaritium (Richtzahl: 5)
    • Osteomyelitis, septische Arthritis (Richtzahl: 5)
    • Differentialdiagnose und Therapieoptionen von systemischen entzündlichen Erkrankungen, Gichtarthropathien und Kollagenosen an der Hand
    • Eingriffe bei chronisch entzündlichen Erkrankungen, z. B. Tenosynovialektomien, Gelenksynovialektomien und Sehnenrekonstruktionen bei Rheuma (Richtzahl: 20)

Tumorerkrankungen

  • Ätiologie und Pathogenese von Neoplasien der Hand
  • Tumorresektionen, davon
    • Weichteiltumore (Richtzahl: 10)
    • Knochentumore (Richtzahl: 5)
    • tumorähnliche Läsionen, z. B. Ganglion (Richtzahl: 10)
    • Teilnahme und Vorstellung von Patienten in interdisziplinären Tumorkonferenzen
    • Erstellung von Nachsorgeplänen

Diagnostik

  • Anatomische und funktionelle Untersuchungstechniken an Hand und Handgelenk
  • Indikationsstellung und Befundinterpretation von bildgebenden Verfahren der Hand einschließlich MRT, CT, Angiographie und Sonographie

Handfehlbildungen

  • Differentialdiagnose und Therapieoptionen von Handfehlfehlbildungen einschließlich konservativer und operativer Therapiekonzepte

Knochen und Gelenke

  • Ätiologie und Pathogenese von Verletzungen und degenerativen Schäden von Knochen und Gelenken
  • Konservative Frakturbehandlungen (Richtzahl: 20)
  • Luxationsbehandlungen (Richtzahl: 5)
  • Diagnostische Nervenblockaden an Gelenken (Richtzahl: 5)
  • Operative Eingriffe, davon
    • geschlossene Repositionen und Fixierung (Richtzahl: 10)
    • offene Repositionen und Osteosynthesen (Richtzahl: 15)
    • Korrekturosteotomien (Richtzahl: 5)
    • Pseudarthrosenbehandlung (Richtzahl: 10), davon
      • Skaphoidpseudarthrosen (Richtzahl: 5)
    • Knochentransplantationen (Richtzahl: 10)
    • Naht und sekundäre Rekonstruktionen der Seitenbänder und der palmaren Platte (Richtzahl: 10)
    • Naht und sekundäre Rekonstruktionen der Bänder des Handgelenks (Richtzahl: 10)
    • Denervierungen (Richtzahl: 5)
    • Arthrolysen (Richtzahl: 5)
    • Arthroplastiken (Richtzahl: 10)
    • Arthrodesen und Teilarthrodesen (Richtzahl: 15)
    • diagnostische und therapeutische Arthroskopien (Richtzahl: 20)

Periphere Nerven und Gefäße

  • Grundlagen der elektrophysiologischen Untersuchung an peripheren Nerven
  • Ätiologie und Pathogenese von traumatischen Schäden und Kompressionssyndromen
  • Operative Eingriffe, davon
    • mikrochirurgische Wiederherstellung von Stammnerven (Richtzahl: 5)
    • mikrochirurgische Wiederherstellung von Digitalnerven (Richtzahl: 15)
    • Nervenrekonstruktion mit Transplantat oder Transposition (Richtzahl: 5)
    • Neurolysen (Richtzahl: 5)
    • Neuromresektion (Richtzahl: 5)
    • bei Karpaltunnelsyndrom (Richtzahl: 10)
    • bei Rezidiv-Karpaltunnelsyndrom (Richtzahl: 5)
    • bei Nervenkompressionssyndromen anderer Lokalisation, z. B. Ulnarisrinnensyndrom, Pronator-teres-Syndrom, Supinatorsyndrom (Richtzahl: 10)
    • mikrochirurgische Arterien- oder Venennähte (nicht bei Replantationen/Revaskularisationen) oder Gefäßrekonstruktionen bei Veneninterponaten (Richtzahl: 15)
    • Replantationen oder Revaskularisationen (Richtzahl: 5)

Haut- und Weichteilmantel der Hand

  • Ätiologie und Pathogenese von Schädigungen des Haut- und Weichteilmantels der Hand
  • Operative Eingriffe, davon
    • freie Hauttransplantationen (Richtzahl: 10)
    • gestielte lokale Lappenplastiken (Richtzahl: 10)
    • gestielte Fernlappenplastiken oder freie Lappenplastiken (Richtzahl: 5)
    • partielle Aponeurektomien bei Morbus Dupuytren (Richtzahl: 10)
    • Rezidiv-Operationen bei Morbus Dupuytren (Richtzahl: 5)

Sehnen

  • Ätiologie und Pathogenese von traumatischen und degenerativen Sehnenschäden der Hand einschließlich Sehnenengpass-Syndromen
  • Grundlagen und Techniken der Versorgung von Sehnenverletzungen einschließlich differenzierter Nachbehandlungskonzepte
  • Operative Eingriffe, davon
    • Ringbandspaltungen (Richtzahl: 10)
    • Beugesehnennähte (Richtzahl: 15)
    • Strecksehnennähte (Richtzahl: 15)
    • Sehnenrekonstruktionen mit Transplantat und Ringbandrekonstruktionen (Richtzahl: 5)
    • Tenolysen (Richtzahl: 10)
    • Sehnenumlagerungen als motorische Ersatzoperation (Richtzahl: 5)

Prävention, Rehabilitation und Nachsorge

  • Maßnahmen zur Vermeidung von Kontrakturen und Bewegungsstörungen nach Verletzungen, bei degenerativen Veränderungen und bei komplexen regionalen Schmerzsyndromen
  • Indikationsstellung, Planung und Überwachung physikalischer Therapiemaßnahmen, z. B. bei komplexen regionalen Schmerzsyndromen
  • Indikationsstellung, Planung und Überwachung der Rehabilitation und Nachsorge bei Verletzungen und Erkrankungen der Hand

Quellen: Musterweiterbildungsordnung 2018 der Bundesärztekammer, Ärztestatistik der Bundesärztekammer 2022, Deutsche Gesellschaft für Handchirurgie e.V.

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