Ärztinnen und Ärzte in Führung: Resilienz in verschiedenen Persönlichkeiten fördern

2 April, 2025 - 07:43
Prof. Dr. med. Sonja Güthoff, MBA
Prof. Dr. Sonja Güthoff
Prof. Dr. med. Sonja Güthoff, MBA ist Ärztin, Führungskräfte-Trainerin, Professorin für Health Care an der AKAD University sowie Stress- und Burnout-Coach.

Es ist wichtiger denn je, als Führungskraft im Gesundheitswesen die ärztlichen und pflegerischen Mitarbeitenden in ihrer Resilienz-Entwicklung zu unterstützen. Durch das Erkennen der verschiedenen Persönlichkeiten im Team, deren Verhaltensweisen im Stress sowie deren Ressourcen in herausfordernden Situationen können Sie leichter die individuelle Resilienz und die Teamresilienz fördern.

Wie der Marburger Bund Monitor für 2024 belegt (www.marburger-bund.de, veröffentlicht 02/2025), fühlten sich von den 9.649 teilnehmenden Ärztinnen und Ärzten 60 Prozent mindestens häufig überlastet (48 Prozent) bzw. gaben an, ständig über ihre Grenzen zu gehen (11 Prozent). Besonders bedenklich ist dieses Ergebnis auch vor dem Hintergrund, dass 28 Prozent der Befragten erwägen, die ärztliche Tätigkeit ganz aufzugeben. Zusätzliche 16 Prozent waren noch unschlüssig. Als Gründe für einen möglichen Berufswechsel gaben 80 Prozent „zu hohe Arbeitsbelastung / Arbeitsverdichtung“ an und 72 Prozent „Arbeitsrealität widerspricht meinem Anspruch an den Beruf“.

Für Pflegefachkräfte zeigte sich in der Pflegestudie 2.0 (Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG) in Kooperation mit der BARMER, Zugriff 01.04.2025) für das Jahr 2023 bei fast zwei Dritteln (62,3 Prozent), dass sie sich oft oder immer körperlich erschöpft fühlten, und bei der Hälfte (51,8 Prozent), dass sie oft bzw. immer emotional erschöpft waren. Dabei dachten in dieser Studie im Sommer 2023 mehr als ein Drittel (38,6 Prozent) der Pflegekräfte darüber nach, den Beruf aufzugeben.

Daher ist es für Führungskräfte im Gesundheitswesen wichtiger denn je, die ärztlichen und pflegerischen Mitarbeitenden in ihrem Resilienz-Aufbau zu stärken. Allerdings „ticken“ wir unterschiedlich, so dass – je nach Persönlichkeitsausprägung – unterschiedliche Unterstützung hilfreich sein kann. Gleichzeitig können wir auch auf die Diversität der vorhandenen Ressourcen im Team setzen, wenn es um die gemeinsame Teamresilienz geht. Anhand eines Persönlichkeits-Modells können wir diese Persönlichkeitsausprägungen erkennen und Resilienz individuell und im Team gezielt fördern.

Individuen mit bestimmten Verhaltensmustern

Wir sind alle einzigartig. Gleichzeitig ist es faszinierend, dass wir durch einfache Ansätze, die auf wissenschaftlich fundierten Modellen der Persönlichkeitsanalyse basieren, bestimmte Verhaltensmuster identifizieren können. Auch wenn sich anfänglich eine gewisse Skepsis gegenüber Typisierungen zeigen mag, bietet diese Methode – wenn sie respektvoll und bedacht angewendet wird – wertvolle Orientierung und Unterstützung im Umgang mit unterschiedlichen Persönlichkeiten.

Auf der Basis des persolog® Persönlichkeits-Profils, das eine Weiterentwicklung der frühen psychologischen Erkenntnisse von William M. Marston (Emotions of Normal People, Erstveröffentlichung 1928) durch den Psychologen und Verhaltensforscher Dr. John G. Geiger darstellt (vergleiche F. Gay und D. Karsch. Das persolog® Persönlichkeits-Profil, Gabal Verlag 2019) können vier Verhaltensdimensionen im DISG (amerikanisch DISC)-Modell unterschieden werden (vergleiche für die ausführlichere Beschreibung auch Ärztinnen und Ärzte in Führung: Verschiedene Persönlichkeiten leichter führen):

  • Dominant (D, im Original „Dominance“):
    Personen mit vorwiegend dominantem (rotem) Verhaltenstyp suchen im (Arbeits-)Alltag Herausforderungen, sind zielorientiert, möchten Erfolge erzielen, messen sich gerne mit anderen und treffen schnell Entscheidungen. Diese Persönlichkeiten streben nach Freiheit und Unabhängigkeit.
  • Initiativ (I, im Original „Inducement“):
    Persönlichkeiten mit vorwiegend initiativem (gelbem) Verhaltenstyp wirken mit großer Überzeugungskraft, können andere begeistern und mitreißen. Gleichzeitig sind ihnen die Akzeptanz und Anerkennung der anderen sowie ein einflussreicher Status wichtig. Sie suchen die Abwechslung und sind gerne frei von Detailarbeit und Kontrolle.  
  • Stetig (S, im Original „Submission“):
    Menschen mit vorwiegend stetigem (grünem) Verhaltenstyp suchen Verlässlichkeit und Sicherheit. Stabilität im Umfeld ist ihnen wichtig, genauso wie wertschätzender Umgang miteinander. Bei hinreichender Zeit arbeiten sie sehr verlässlich, geben anderen Unterstützung und haben dabei immer das Wohl aller im Blick.
  • Gewissenshaft (G, im Original „Compliance“):
    Persönlichkeiten mit vorwiegend gewissenhaftem (blauem) Verhaltenstyp bevorzugen Perfektion und Präzision, sie schätzen Standards, sind organisiert und strukturiert. Auf der Basis von Zahlen, Daten und Fakten analysieren sie gerne, wobei sie Zeit zum Nachdenken wünschen, bevor sie sich mitteilen. Wichtige Werte sind Fairness und Stabilität.

Wir tragen alle diese vier Verhaltensdimensionen in uns, tendieren jedoch je nach Kontext – sei es beruflich oder privat – meist zu einer Verhaltensausprägung stärker als zu den anderen. Mit etwas Übung können wir diesen intensiver ausgeprägten Persönlichkeitstyp bei anderen erkennen und somit angemessen und kompetent darauf reagieren.

Verhaltensausprägungen im Stress

Im Stress zeigen sich die verschiedenen Persönlichkeiten nach dem persolog® Persönlichkeits-Profil in unterschiedlichsten Verhaltensweisen (vergleiche Resilienz & Persönlichkeit in Aktion, persolog® 2021):

  • Die dominante (rote) Persönlichkeit neigt dazu, bei Stress ihre Geduld für komplexe Lösungen zu verlieren. Sie handelt oft übereilt und übersieht dabei die Notwendigkeit wertschätzender Kommunikation. In diesem Zustand kann es vorkommen, dass sie die Bedürfnisse anderer nicht mehr beachtet.
  • Die initiative (gelbe) Persönlichkeit reagiert auf Stress mit impulsivem und schnellen Handeln. Ihre starken Emotionen und Gefühle können ihr dabei im Weg stehen.
  • Die stetige (grüne) Persönlichkeit zeigt im Stress eine mangelnde Lösungsorientierung. Selbstzweifel und das Unterschätzen der eigenen Ressourcen können ihren Handlungsspielraum einschränken. Vor allem das Gefühl von fehlender Wertschätzung kann zur „Bockigkeit“ führen.
  • Die gewissenhafte (blaue) Persönlichkeit reagiert im Stress oft mit einer langsamen Entscheidungsfindung. Sie konzentriert sich stärker auf die Probleme als auf mögliche Lösungen. Zudem kann ihr Bedürfnis nach Präzision und Struktur in stressigen Situationen zu einer Überbetonung von Details führen, was den Fortschritt ebenfalls behindert.

Hält der Stress dauerhaft an bzw. steigert er sich weiter, so können die Persönlichkeitstypen auch in die gegenüberliegenden Dimensionen „kippen“. Dieser Fall zeigt sich, wenn z. B. dominante (rote) Persönlichkeitstypen die Unterstützung der Gruppe suchen und um Entscheidungshilfen bitten, initiative (gelbe) Persönlichkeitstypen sich vollkommen ungewohnt Checklisten schreiben und in Details verlieren, stetige (grüne) Persönlichkeitstypen plötzlich dominant und abweisend werden sowie gewissenhafte (blaue) Persönlichkeitstypen chaotisch und sprunghaft agieren.

Merke

Stressauslöser bei den verschiedenen Persönlichkeiten

Faktoren, die bei uns individuell Stress auslösen, werden Stressoren genannt. Dabei werden diese Faktoren erst durch die eigene Bewertung zu Stressoren. Diese eigene Bewertung wiederum kann ebenso abhängig von den unterschiedlichen Persönlichkeitstendenzen abgeleitet werden.
Häufige Stressoren für die verschiedenen Persönlichkeiten sind (vergleiche Resilienz & Persönlichkeit in Aktion, persolog® 2021):

  • Der dominante (rote) Persönlichkeitstyp fühlt sich z. B. gestresst, wenn er bezwungen wird, nicht in Entscheidungen einbezogen ist, keine Macht hat (Ohnmacht = ohne Macht) oder wenn er unterdrückt und kontrolliert wird.
  • Der initiative (gelbe) Persönlichkeitstyp reagiert z. B. mit Stress, wenn er sich benachteiligt fühlt, übersehen wird, keinen Einfluss ausüben kann oder unter Kontrolle steht.
  • Der stetige (grüne) Persönlichkeitstyp empfindet Stress, wenn er auf sich allein gestellt ist, ausgegrenzt wird oder unter Zeitdruck gerät.
  • Der gewissenhafte (blaue) Persönlichkeitstyp ist besonders gestresst, wenn er kritisiert wird oder ebenfalls unter Zeitdruck steht.

Hemmenden Glaubenssätzen entgegenwirken

Glaubenssätze, die wir häufig schon im Kindesalter entwickeln, bestimmen unser Handeln und dadurch auch unsere positiven Charaktereigenschaften. Allerdings können daraus unter Druck und Anspannung weitere Stressoren erwachsen (siehe auch Ärztinnen und Ärzte in Führung: Innere Antreiber leichter nutzen). Aus diesem Grund ist es gut, die Glaubenssätze, die uns im Wege stehen (also hemmend wirken) bei uns selbst und im Team zu erkennen. Nur dann können wir ihnen entgegenwirken.

Toolbox Führung

Wenn Sie die Persönlichkeitsausprägung im DISG-Modell Ihrer Mitarbeitenden identifizieren, erkennen Sie schneller die hemmenden Glaubenssätze.

Hemmende Glaubensätze können…

…für die dominante (rote) Persönlichkeit sein, alles alleine erledigen zu müssen oder immer gewinnen zu müssen,
…für die initiative (gelbe) Persönlichkeit, immer akzeptiert werden zu müssen oder andere unbedingt von den eigenen Ideen überzeugen zu müssen,
…für die stetige (grüne) Persönlichkeit, anderen nicht zur Last fallen zu wollen und stets nach Sicherheit streben zu müssen,
…für die gewissenhafte (blaue) Persönlichkeit, alles perfekt machen zu müssen und das Gefühl zu haben, sich ausschließlich auf sich selbst verlassen zu können (Resilienz & Persönlichkeit in Aktion, persolog® 2021).

Befinden sich die ärztlichen oder pflegerischen Mitarbeitenden in schwierigen Situationen, die Stress auslösen, können Sie als Führungskraft folgendermaßen individuell unterstützen: Ermutigen Sie die Mitarbeitenden, sich selbst zu „erlauben“, das Handeln gerade in herausfordernden Situationen positiv zu beeinflussen z. B. für…

…dominante (rote) Persönlichkeitstypen:
„Du darfst Dir Unterstützung holen, das ist effektiver.“
„Denke daran: Auch, wenn Du diesmal verlieren solltest, gehst Du gestärkt aus der Situation heraus, denn ´Sportlich verlieren ist Stärke´.“
…initiative (gelbe) Persönlichkeitstypen:
„Du darfst akzeptieren, nicht von jedem/jeder gemocht zu werden, denn ´Everybody´s Darling, is everybody´s Depp´.“
„Es ist OK, dass noch nicht jede/jeder soweit ist, Deine Impulse annehmen zu können.“
…stetige (grüne) Persönlichkeitstypen:
„Denke bitte daran, Deine Bedürfnisse und Wünsche sind auch wichtig.“
„Habe Vertrauen, dass sich alles gut für Dich entwickelt.“
…gewissenhafte (blaue) Persönlichkeitstypen:
„Denke daran, Du bist gut genug, so wie Du bist und wie Du Deine Aufgaben erledigst.“
„Du darfst Dich guten Gewissens auf die anderen verlassen.“

Ressourcen in herausfordernden Situationen

Alle Persönlichkeitstypen bringen verschiedene Stärken mit, die für sie selbst und auch für das gesamte Team in der Klinik, Praxis oder Ambulanz hilfreich sein können. Gerade wenn Teams auch hinsichtlich der Persönlichkeitsstruktur divers aufgestellt sind, können daraus Ressourcen für die Steigerung der Teamresilienz gewonnen werden.

Förderliche Ressourcen in herausfordernden Situationen können folgendermaßen beschrieben werden (vergleiche Resilienz & Persönlichkeit in Aktion, persolog® 2021):

  • Die dominante (rote) Persönlichkeit bringt ihre Durchsetzungsstärke und Risikobereitschaft ein, was in hektischen und anspruchsvollen Situationen schnelle Entscheidungen ermöglicht. Ihre hohe Belastbarkeit hilft dem Team, auch in stressigen Momenten ruhig und handlungsfähig zu bleiben.
  • Die initiative (gelbe) Persönlichkeit trägt mit ihrer optimistischen Einstellung und Experimentierfreude dazu bei, innovative Lösungen zu finden. Ihr kreativer Ansatz und ihr Chancendenken fördern eine positive Atmosphäre, in der Veränderungen als Möglichkeiten zur Verbesserung betrachtet werden.
  • Die stetige (grüne) Persönlichkeit zeichnet sich durch Ausdauer und Geduld aus und sorgt dafür, dass auch in schwierigen Zeiten ein kontinuierlicher Fortschritt erzielt wird. Ihr kooperatives Denken und ihre Bereitschaft, sich für das Team einzusetzen, stärken die Zusammenarbeit und fördern eine stabile und engagierte Teamdynamik.
  • Die gewissenhafte (blaue) Persönlichkeit sorgt mit ihrer Vorsicht und vorausschauendem Denken dafür, dass Risiken frühzeitig erkannt und fundierte, analytische Entscheidungen getroffen werden können. Ihre sachliche und strukturierte Herangehensweise ermöglicht es, komplexe Herausforderungen effizient zu bewältigen.

Diese unterschiedlichen Stärken ergänzen sich und tragen dazu bei, dass ein Team in der Medizin und Pflege widerstandsfähiger und handlungsfähiger wird, um Herausforderungen erfolgreich zu meistern.

Tipp

Tragen Sie in ihrem Team die Ressourcen zusammen, die von den einzelnen Mitarbeitenden gerade in herausfordernden Situationen zur Teamresilienz beitragen können.  

Die Autorin:

Prof. Dr. med. Sonja Güthoff, MBA Prof. Dr. med. Sonja Güthoff, MBA ist Ärztin, Führungskräfte-Trainerin, Professorin für Gesundheitsmanagement, Medical Leadership und Digital Health an der AKAD Hochschule Stuttgart, Stress- und Burnout-Coach sowie unter anderem zertifizierte persolog® Trainerin. Auf ärztestellen.de gibt sie regelmäßig Tipps zu Führungs-Themen. Als Leiterin des Instituts für ein gesundes Arbeitsleben im Gesundheitswesen (INSTGAG) begleitet sie Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachkräfte und andere Zusammenarbeitende im Gesundheitswesen dabei, sich und andere besser zu führen. Kontaktieren Sie Sonja Güthoff gerne unter info@sonjaguethoff.de.

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