Facharzt-Weiterbildung Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie: Dauer, Inhalte, Perspektiven

4 August, 2020 - 07:58
Lukas Hoffmann / Stefanie Hanke
Facharzt-Weiterbildung Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie

Künftige Fachärzte und Fachärztinnen für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie (MKG-Chirurgie) brauchen für die Weiterbildung nicht nur eine Ärztliche Approbation, sondern auch einen Abschluss in Zahnmedizin. Wie die Weiterbildung abläuft, erfahren Sie im Beitrag.
 


Auf einen Blick: Facharzt-Weiterbildung Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie

  • Definition: Die MKG-Chirurgie umfasst die Diagnostik, Therapie, Prävention und sowohl funktionelle als auch ästhetische Rehabilitation von Erkrankungen, Verletzungen, Fehlbildungen und Formveränderungen der Zähne, der Mundhöhle, der Kiefer und des Gesichtes.
  • Dauer: Die Facharzt-Weiterbildung in der MKG-Chirurgie dauert 60 Monate. Davon können bis zu 12 Monate zahnmedizinische Weiterbildung in Oralchirurgie abgeleistet werden. Bis zu 12 Monate können in anderen Gebieten erfolgen.
  • Anzahl der Fachärzte: In Deutschland gibt es 2.238 Fachärzte für MKG-Chirurgie. Davon sind 1.782 berufstätig. 1.262 arbeiten ambulant, 448 stationär in einer Klinik.
     

Ärztinnen und Ärzte, die sich auf die Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie spezialisiert haben, dürfen häufig zwei Doktortitel tragen: Zum Dr. med. kommt in diesem Fall auch noch der Dr. med. dent. dazu – also die Promotion im Bereich Zahnmedizin. Hintergrund ist, dass in Deutschland eine Approbation in beiden Fächern nötig ist, um sich auf die MKG-Chirurgie zu spezialisieren. Mit zwei Studienabschlüssen und einer Weiterbildungszeit von mindestens fünf Jahren ist der Weg zum Facharzt für MKG-Chirurgie sogar für medizinische Verhältnisse außergewöhnlich lang: Vom Studienbeginn bis zur Facharzt-Anerkennung vergehen schnell 15 Jahre oder mehr.

Die Doppel-Approbation gilt auch für unsere europäischen Nachbarn Österreich, die Schweiz und Belgien, ebenso wie für Irland, Finnland und das Vereinigte Königreich. Anders sieht es in Dänemark und Schweden aus: Genau wie in den USA, Kanada, Australien, Neuseeland und Japan ist die Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie hier ein rein zahnmedizinisches Fachgebiet. In Ländern wie Italien, Frankreich, Spanien, Ungarn oder Russland wird wiederum keine doppelte Approbation verlangt, hier reicht eine rein ärztliche Weiterbildung im Fachgebiet.

Viele Patienten bekommen es dann mit Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen zu tun, wenn ihnen die Weisheitszähne gezogen werden. Aber in das Fachgebiet fallen noch viele weitere Eingriffe: Dazu zählen beispielsweise auch die chirurgische Zahnerhaltung durch eine operative Wurzelspitzenentfernung, das Einsetzen von Implantaten oder das Verpflanzen von Knochen bei Knochenverlust. MKG-Chirurgen werden aber auch aktiv, wenn Schädelstrukturen beispielsweise nach einer Tumorbehandlung oder einem schweren Unfall rekonstruiert werden müssen.

Da im Bereich des Kopfes viele wichtige Organe eng beieinander liegen, arbeiten MKG-Chirurgen mit vielen anderen Fachrichtungen interdisziplinär zusammen. So überschneidet sich das Gebiet der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie stark mit der Oralchirurgie, die allerdings eine rein zahnmedizinische Fachrichtung ist. Darüber hinaus arbeiten MKG-Chirurgen auch eng mit Fachärzten für Kieferorthopädie sowie für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde zusammen.

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Die Weiterbildung Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie im Überblick

Dauer der Weiterbildung

Die Weiterbildungszeit in der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie beträgt 60 Monate unter Befugnis an Weiterbildungsstätten. Davon können bis zu

  • 12 Monate zahnmedizinische Weiterbildung in Oralchirurgie bei einem Weiterbildungsbefugten für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie erfolgen
  • 12 Monate können in einem anderen Gebiet abgeleistet/angerechnet werden.

Inhalte der Weiterbildung

Übergreifende Inhalte der Facharzt-Weiterbildung Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie

  • Wesentliche Gesetze, Verordnungen und Richtlinien
  • Infusions-, Transfusions- und Blutersatztherapie, enterale und parenterale Ernährung einschließlich Sondenlegung und Sondenernährung
  • Wissenschaftlich begründete Gutachtenerstellung (Richtzahl: 5)
  • Chirurgische Techniken und Instrumentengebrauch einschließlich Laseranwendung, insbesondere Inzision, Präparation, Retraktion, Naht- und Knotentechniken unter Berücksichtigung der verschiedenen Gewebestrukturen

Scoresysteme und Risikoeinschätzung

  • Chirurgische perioperative Behandlung einschließlich Vorbereitung, Nachsorge und Komplikationsmanagement sowie Indikationsstellung zu weiterführenden Maßnahmen

Wundheilung und Narbenbildung

  • Wundmanagement und stadiengerechte Wundtherapie sowie Verbandslehre einschließlich verschiedene Wundauflagen, Unterdruck- und Kompressionstherapie
  • Biopsien und Exzisionen von Hauttumoren und Hautveränderungen sowie Wundversorgung
  • Prophylaxe, Diagnostik und Therapie von Thrombosen
  • Basisbehandlung palliativmedizinisch zu versorgender Patienten

Dentoalveoläre Chirurgie

  • Prinzipien dentoalveolärer Operationsverfahren
  • Operative Eingriffe der dentoalveolären Chirurgie (Richtzahl: 200), z. B.
    • operative Entfernung von verlagerten Zähnen
    • chirurgische Zahnerhaltung, z. B. durch Wurzelspitzenresektionen
    • parodontale Chirurgie
    • dentale Implantologie einschließlich Navigation und Prothetik sowie alveoläre Hart- und Weichgewebeaugmentationen
    • Behandlung odontogener und nicht odontogener Zysten

Traumatologie und Notfälle

  • Pathophysiologie von schweren Verletzungen, des Polytraumas und deren Folgen
  • Erkennung und Behandlung akuter Notfälle einschließlich lebensrettender Maßnahmen
  • Kardiopulmonale Reanimation
  • Endotracheale Intubation
  • Operative Eingriffe bei Verletzungen (Richtzahl: 100), z. B.
    • Versorgung von Weichgewebe- und/oder Knochenverletzungen
    • Zahntraumatologie
    • Schienungen von frakturierten Kiefern
    • Osteosynthesen bei Schädelverletzungen
  • Elektive und Notfalltracheotomie (Richtzahl: 5)

Entzündungen/Infektionen

  • Entzündliche und infektiöse Erkrankungen, z. B.
    • erregerbedingte Infektionen
    • allergiebedingte und medikamentenbedingte Entzündungen
    • Bindegewebserkrankungen einschließlich Kollagenosen
  • Immun- und Autoimmunkrankheiten, insbesondere Granulomatosen, Vaskulitiden und andere Bindegewebserkrankungen
  • Behandlung einschließlich der Nachsorge von entzündlichen und infektiösen Erkrankungen, insbesondere
    • fortgeleitete Entzündungen, Logenabszesse und Phlegmone
    • Speicheldrüsenerkrankungen und Speichelsteine
    • Kieferhöhlenerkrankungen
  • Unterstützende Maßnahmen zur Förderung der Wundheilung
  • Operative Eingriffe der septischen Chirurgie (Richtzahl: 100), insbesondere
    • transorale sowie transkutane Inzisionen und Drainagen
    • gebietsbezogene Kieferhöhlenoperationen und Speichelstein- und Speicheldrüsen-Entfernungen
    • bei Osteomyelitis und Kiefernekrosen

Fehlbildungen und Formstörungen

  • Fehlbildungen und Fehlformen der Zähne, des Gesichtes und seiner Teile, des Gesichtsschädels und des äußeren Schädels, z. B.
    • Lippen-Kiefer-Gaumenspalte
    • Syndrome mit Beteiligung des Gesichtes
    • Kraniosynostosen
    • Fehlbisslagen, dysontogenetische Zysten und Fisteln
  • Anwendung von Kopforthesen
  • Diagnostik, konservative und operative Therapie sowie die Nachsorge bei Fehlbildungen und Formstörungen des Gesichtes, seiner Teile und des äußeren Schädels einschließlich Operationsplanungen am Modell oder digital einschließlich Beratung und Entwicklung von Therapieplänen
  • Mitwirkung bei komplexen Eingriffen der Fehlbildungschirurgie einschließlich Dysontogenese, insbesondere Lippen-Kiefer-Gaumenspalten und syndromale Gesichtsfehlbildungen (Richtzahl: 10)
  • Umstellungsosteotomien (Richtzahl: 10)
  • Indikationsstellung zur humangenetischen Beratung

Tumorerkrankungen

  • Diagnostik, Therapie und Nachsorge intra- und extraoraler Tumore, davon
    • Durchführung von Probeexzisionen einschließlich Bürstenbiopsien (Richtzahl: 30)
  • Tumorresektionen, auch lasergestützt, in der Mundhöhle, an den Lippen, den Speicheldrüsen, der Haut und der Unterhaut von Gesicht, Kopf und Hals einschließlich Lymphadenektomien und Rekonstruktionen durch z. B. Hart- und Weichgewebeverpflanzungen, mikrochirurgische Transplantationen einschließlich der Transplantatentnahme, des Entnahmedefektverschlusses und der Gefäßanschlüsse (Richtzahl: 30)
  • Diagnostische Techniken zur Erfassung der lokalen Tumorausbreitung und zur Lymphknoten- und Fernmetastasendiagnostik
  • Grundlagen medikamentöser Tumortherapie und Strahlentherapie
  • Mitwirkung bei der systemischen Tumortherapie sowie der supportiven Therapie bei soliden Tumorerkrankungen der Facharztkompetenz
  • Lichtunterstützte Chemotherapie

Degenerative Erkrankungen

  • Kieferatrophie, Speicheldrüsenerkrankungen, Kiefergelenkerkrankungen
  • Operative Eingriffe der präprothetischen Chirurgie, insbesondere Mundvorhofplastik, enossale Implantationen, Auflagerungsplastiken und andere Augmentationsverfahren (Richtzahl: 25)
  • Diagnostik und Therapie bei degenerativen Speicheldrüsenerkrankungen, z. B. Sialometrie, Speicheldrüsenendoskopie
  • Diagnostik und Therapie bei Kiefergelenkerkrankungen, z. B. Kiefergelenksendoskopie und -chirurgie

Funktionelle Störungen

  • Störungen des orofazialen Systems, z. B. Beweglichkeitsstörungen des Kiefers, Diskusverlagerungen, Schmerzerscheinungen
  • Diagnostik, Therapie und Nachsorge bei funktionellen Störungen des orofazialen Systems einschließlich Einleitung und Überwachung unterstützender Maßnahmen, z. B. physikalische, logopädische und psychosomatische Therapie sowie Akupunktur
  • Durchführung funktionstherapeutischer Maßnahmen, z. B. Aufbiss-Behelfe

Endokrine Störungen

  • Endokrine Erkrankungen, z. B. endokrine Orbitopathie, Akromegalie
  • Folgezustände endokriner Störungen, z. B. nach autoimmuner Thyreoiditis, bei Speicheldrüsenerkrankungen

Diagnostische Verfahren

  • Untersuchungen an Kopf, Hals, Mundhöhle und Gesicht, insbesondere
    • klinische Funktionsanalyse einschließlich instrumentelle Funktions- und Okklusionsanalyse
    • gebietsbezogene Hirnnervenuntersuchungen
    • endoskopische Verfahren, z. B. an Oropharynx und Nebenhöhlen
  • Elektrophysiologische Untersuchungen, z. B. Elektromyographie der Kau- und Gesichtsmuskulatur
  • Indikation, Durchführung und Befunderstellung von intra- und extraoralen zwei- und dreidimensionalen Bildgebungsverfahren der Zähne, des Gesichtsschädels und der Weichgewebe des Kopfes und des Halses (Richtzahl: 200), z. B.
    • digitale Volumentomographie
    • Einzelzahnaufnahme und Panoramaschichtaufnahme
    • Nasennebenhöhlenaufnahme
    • Fernröntgenbild
  • Sonographische Untersuchungen (Richtzahl: 200), insbesondere
    • der Gesichts- und Halsweichgewebe sowie der Nasennebenhöhlen und des Gesichtsskelettes, z. B. Jochbogen
    • Doppler-/Duplex-Sonographien der extrakraniellen hirnversorgenden Gefäße
  • Indikationsstellung und Befundinterpretation von weiteren bildgebenden Verfahren

Lokal- und Regionalanästhesie, spezielle Schmerztherapie

  • Analgosedierung und notwendige Überwachungsverfahren
  • Anästhesie- und Schmerztherapieverfahren im Kopf- und Halsbereich (Richtzahl: 50), insbesondere
    • Leitungsanästhesie an den peripheren Hirnnerven
    • Terminalanästhesie einschließlich intraligamentärer Anästhesie
  • Tumeszenzanästhesie
  • Grundlagen der Akupunktur, Akupressur, Transkutanen elektrische Nervenstimulation, Neuromodulatoren, Membranstabilisatoren
  • Operative Eingriffe an peripheren Gesichtsnerven, z. B. Dekompressionen, Nervenverlagerungen, Neurolysen und Wiederherstellung der sensiblen und motorischen Nerven (Richtzahl: 10)
  • Indikation für interventionelle Verfahren, z. B. Langzeitnervenblockaden, Implantation von Neurostimulatoren
  • Chronifizierungsprozesse bei Schmerzpatienten
  • Schmerzanamnesen und Untersuchungen bei Schmerzpatienten einschließlich Anwendung von validierten Skalen und Fragebögen zur Schmerzdokumentation
  • Pharmakologische und nicht-pharmakologische Schmerztherapie

Prävention, Gesundheitsberatung und Rehabilitation

  • Früherkennungsuntersuchungen von gebietsbezogenen Tumoren und deren Vorstufen
  • Beratung zu Mund- und Zahnhygiene sowie Suchtprävention und Entwöhnung
  • Rehabilitation durch Defektprothetik und Epithetik

Schlafbezogene Atemstörungen

  • Grundlagen der Diagnostik, z. B. Polysomnographie, sowie der Therapie, z. B. Mundvorhofschilde, Unterkieferprotrusionsschienen, Umformungen des Gesichtsschädels und der Weichgewebe zur Vergrößerung der funktionellen Atemwege einschließlich Prophylaxe und Nachsorge von schlafbezogenen Atemstörungen mit Obstruktion der oberen Atemwege
  • Interdisziplinäre Therapieplanung bei schlafbezogenen Atemstörungen

Wiederherstellungschirurgie

  • Prinzipien der Plastischen und Wiederherstellungschirurgie, z. B. Einsatz von Biomaterialien, Weichgewebekorrekturen einschließlich Gesichtshautstraffung
  • Plastische Maßnahmen geringeren Schwierigkeitsgrades an Mundhöhle, Gesicht und Kopf (Richtzahl: 50), z. B.
    • Defektdeckungen einschließlich Transplantatentnahmen
    • Nahlappenplastiken
    • Implantation von Biomaterialien
    • Ohrmuschelanlegeplastiken

Strahlenschutz

  • Grundlagen der Strahlenbiologie und Strahlenphysik bei der Anwendung ionisierender Strahlen am Menschen
  • Grundlagen des Strahlenschutzes beim Patienten und Personal einschließlich der Personalüberwachung und des baulichen und apparativen Strahlenschutzes
  • Voraussetzungen zur Erlangung der erforderlichen Fachkunden im gesetzlich geregelten Strahlenschutz

Quellen: Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer 2018, Ärztestatistik 2019, DGMKG

 


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