Ärztinnen und Ärzte in Führung: Mit Gelassenheit (sich) führen

8 März, 2023 - 07:42
Prof. Dr. med. Sonja Güthoff, MBA
Ärztinnen und Ärzte in Führung: Prof. Dr. Sonja Güthoff

Wie kann ich als Ärztin oder Arzt im Klinik- oder Praxisalltag gelassen agieren, statt gehetzt und unter Druck teilweise nur wie automatisch zu reagieren? Erhalten Sie in diesem Artikel Tipps, wie Sie mehr Gelassenheit ausstrahlen, jedoch auch selbst entwickeln und spüren können.

Gelassenheit im (Arbeits-)Alltag

Als Ärztin oder Arzt werden tagtäglich herausfordernde Situationen gemeistert. Sei es wegen der dünnen Personaldecke oder wegen der Notfallsituationen, die den bereits engen Zeitplan noch zusätzlich strapazieren. In Workshops zur Gesunden Selbstführung und zum Resilienz-Aufbau äußern Ärztinnen und Ärzte oft den Wunsch, mit mehr Gelassenheit agieren zu können.

Was genau ist jedoch Gelassenheit im ärztlichen und pflegerischen (Arbeits-)Alltag? In den wenigen medizinisch-wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema wird Gelassenheit (im Sinne von unter Druck, Stress und/oder Schwierigkeiten ruhig zu bleiben) im Englischen als „composure“ übersetzt oder etwas spiritueller meist verbunden mit innerem Frieden mit „serenity“.

29.03.2024, klinik Werk.
29.03.2024, Clienia Littenheid AG
Sirnach

In einer Studie mit Chirurginnen und Chirurgen wurde beispielsweise evaluiert, dass diese in kritischen Situationen die folgenden eigenen Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen als hilfreich empfunden haben: Kompetenz, Selbstvertrauen, Gelassenheit (composure), Vorbereitung und Erfahrung (Katie Wiggins-Dohlvik et al. Surgeons’ performance during critical situations: competence, confidence, and composure. Am J Surg 2009; 198(6)817-823).

Auch Pflegefachkräfte gaben für die Bewältigung ihrer Aufgaben in der Onkologie als zentrale Stärken Schnelligkeit, Selbstvertrauen, Sorgfältigkeit, Gelassenheit (composure), Geduld, Mitgefühl oder Aufmerksamkeit an (Kutlutürkan S. und Kirca K. Strengths, weaknesses, opportunities and threats analysis of being an oncology nurse: a Turkish oncology nurses' perspective. Int J Palliat Nurs 2022; 28(5):222-231).

Kompetenz und Selbstvertrauen stärken

Gelassenheit scheint sich auf der Basis von Kompetenz und Selbstvertrauen leichter einstellen zu können (siehe die gemeinsam genannten Eigenschaften oben). Machen Sie sich daher Ihre Stärken und Ihr bereits erworbenes Wissen sowie Können bewusst.

Legen Sie sich doch z.B. einen Beweise-Ordner an, in dem Sie Ihre Studienabschlüsse, Urkunden, Zusatzzertifikate sowie auch Softs-Skills aufführen und dazu konkrete Situationen als „Beweise“ notieren. Darüber hinaus können Sie sich auch Ihre Kompetenzen verdeutlichen, indem Sie täglich ein Erfolgsjournal führen. Schreiben Sie z.B. immer abends in dieses Ihre kleinen und großen Erfolge, Dinge, die Ihnen gut gelungen sind und auf die Sie stolz sind (siehe auch: Ärztinnen und Ärzte in Führung: Impostor Phänomen leichter überwinden).

Auszeiten für mehr Gelassenheit

Eine Studie aus Los Angeles, USA zeigte, dass Pflegefachkräfte, die sogenannte „Serenity Lounges“ in der Zeit von November 2020 bis May 2021 genutzt haben, die ihnen eine Rückzugs-Möglichkeit mit dem Ziel der Erholung und Regeneration boten, eine signifikante Verbesserung bezogen auf Gefühle emotionaler Erschöpfung, Burnout, Frustration, Stress und Angst angaben (Pagador F. et al. Effective Holistic Approaches to Reducing Nurse Stress and Burnout During COVID-19. Am J Nurs 2022; 122(5):40-47).

Schaffen Sie sich auch selbst Auszeiten im (Arbeits-)Alltag. Als Ärztin oder Arzt in Führung können Sie als gutes Beispiel voran gehen und gezielte Pausen einlegen, in denen Sie essen, entspannen oder kurz an die frische Luft gehen. Leider wird immer wieder im Klinik- oder Praxis-Alltag das Gefühl vermittelt, dass Pausen zu machen eine Schwäche ist. Dabei haben z.B. im Bereich der Chirurgie verschiedene Studien einen Zusammenhang beschrieben von erschöpften Chirurginnen und Chirurgen und häufigeren Fehlern, die ein negatives Outcome für Patientinnen und Patienten nach sich zogen (Janhofer D.E. et al. Addressing Surgeon Fatigue: Current Understanding and Strategies for Mitigation. Plast Reconstr Surg 2019; 144(4):693e-699e).

Nutzen Sie selbstgeschaffte Gelegenheiten, um sich zu recken und tief zu atmen. Auch im OP können bei längeren OPs im Wechsel auch bei den Operateurinnen und Operateuren Pausen eingeplant werden, außerdem haben sich kurze z.B. 20 Sekunden-Pausen alle 20-40 Minuten bewährt (Janhofer D.E. et al. 2019, siehe oben).

Tipp

Im Klinik- oder Praxisalltag können Sie mit nur wenig Zeitaufwand die „4 + 4 = 8 Atemtechnik“ anwenden:

  • Atmen Sie vier Sekunden tief ein,
  • halten Sie danach vier Sekunden den Atem an und
  • atmen Sie danach acht Sekunden am besten mit der Lippenbremse aus,
  • um anschließend wieder mit der Einatmung von vier Sekunden zu beginnen.
  • Achten Sie darauf, dass Sie die Sekunden im Kopf mitzählen, um aus dem gedanklichen „Autopiloten“ im Stress auszusteigen.
  • Führen Sie diese Atemmethode nur etwa vier Mal durch und hören Sie auf, falls Ihnen schwindelig werden sollte.
  • Sie können diese Atemübung auch unbemerkt vor anderen z.B. in der Frühbesprechung praktizieren, in dem Sie einfach die Lippenbremse weglassen.
nach Prof. Dr. med. Sonja Güthoff

Gelassen agieren statt blind zu reagieren

„Ge-lassen-heit“ können Sie auch erreichen, wenn Sie eigene hemmende Verhaltensweisen gehen „lassen“, oder wie es der bekannte Mystiker des Mittelalters Meister Eckhart formulierte: „Man muss erst lassen können, um gelassen zu sein“. Was sind Ihre Verhaltensweisen, die Sie für mehr Gelassenheit gehen lassen möchten?

Ist es vielleicht ein übermäßiger „Innerer Antreiber“ wie „Sei perfekt!“, der Sie in Anspannung hält, Ihre Arztbriefe oder OP-Berichte noch zweimal durchzulesen (siehe auch Ärztinnen und Ärzte in Führung: Innere Antreiber leichter nutzen)? Hier können Sie sich einen „Inneren Erlauber“ wie z.B. „Ich gebe mein Bestes, das ist gut genug.“ formulieren, der Ihnen erlaubt, diese hemmende Verhaltensweise loszulassen.

Oder kennen Sie die Situation, dass Sie so wütend sind, dass Sie die Fassung verlieren und schreien oder dass Sie sich vorschnell rechtfertigen? Meist fühlt man sich dann weit entfernt von einem Zustand der Gelassenheit und wird zudem von anderen als weniger souverän wahrgenommen. Dabei ist die deutsche Sprache sehr genau, denn „man ärgert sich“ schließlich selbst. Das heißt, dass man den Ärger selbst verursacht. Mit diesem Bewusstsein ist es ebenso möglich, das negative Gefühl für sich wieder loszuwerden.

Als erste Maßnahme können Sie in einer solchen Situation, in der Sie schreien möchten, vor anderen erstmal schweigen. Nutzen Sie z.B. die „4 + 4 = 8 Atemtechnik“ (siehe oben), um sich erstmal zu sammeln und die Wut gehen zu lassen. Sie werden sehen, dass auch das Schweigen sich für Ihr Gegenüber sehr machtvoll anfühlt. So können Sie nicht nur Ihr Gesicht wahren, sondern auch zur Gelassenheit zurückfinden.

Merke:

Solange Sie vor Wut eigentlich schreien möchten, schweigen Sie lieber – nehmen Sie sich die Zeit, tief einzuatmen, mit der Ausatmung die Wut loszuwerden und wieder ins Gleichgewicht zu kommen, damit Sie anschließend gelassen agieren können. Denken Sie daran, wie machtvoll Schweigen in der Wirkung ist.
 

Auch übersteigerte Ängste können uns vom Zustand der Gelassenheit abhalten. Vielleicht gehen Sie angespannt in eine klinische Situation, weil Sie schon Schlimmes erwarten. In diesem Fall hilft es, sich eine realistische Einschätzung von den eigenen Kompetenzen vor Augen zu halten. Außerdem kann man sich folgende drei Selbst-Coachingfragen stellen, um die Ängste besser loslassen zu können:

  • Was ist das Schlimmste, was passieren könnte? 
  • Wie wahrscheinlich ist es, dass das Schlimmste eintrifft?
  • Was mache ich, falls das Schlimmste eintreffen sollte? (entfällt, wenn die Wahrscheinlichkeit sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich ist)

Toolbox Führung:

Mit den vier „S“ der gesunden Selbstführung zu mehr Gelassenheit im (Arbeits-)Alltag

Um gelassen im (Arbeits-)Alltag zu agieren, achten Sie auf erste Anzeichen für Unstimmigkeiten wie z.B. hemmende Verhaltensweisen. Immer wenn Sie drohen, aus dem Gleichgewicht zu geraten, können Sie nach dem folgenden Schema vorgehen, um sich bewusst für eine Änderung (Switch) zu entscheiden:

  1. Sehen (see): Sehen Sie, dass es Ihnen nicht gut geht, dass etwas nicht so läuft, wie Sie es möchten. Entlarven Sie auch wiederkehrende Muster wie z.B. vorschnelles Rechtfertigen, wenn Sie angegriffen werden.
     
  2. Stopp (stop): Setzen Sie ein klares Signal für sich selbst, um Ihren Autopiloten zu unterbrechen. Sie können z.B. aufstampfen, klatschen oder schnipsen und dazu „Stopp“ sagen. Als unauffälligeres Signal in Gegenwart von anderen können Sie sich auch selbst am Arm zwicken. Atmen Sie ggf. tief (z.B. mit der „4 + 4 = 8 Atemtechnik“), um einen klaren Kopf zu erlangen.
     
  3. Selbstwahrnehmung (self-perception): Gehen Sie Ihre einzelnen Ebenen (Gedanken-, Gefühls-, Verhaltens- und Körper-Ebene) durch, wo genau sich die Unstimmigkeit befindet (es können auch mehrere Ebene betroffen sein).
     
  4. Switch (switch): Entscheiden Sie bewusst, was Sie ändern oder gehenlassen möchten. Benennen Sie konkret, wie Sie denken, fühlen, sich verhalten möchten bzw. wie Sie Körpersymptome verbessern können.
nach Prof. Dr. med. Sonja Güthoff

Beispiel aus der Praxis

Die Ärztin im 8. Jahr der Weiterbildung einer herzchirurgischen Uniklinik hat ein Nachdienst-Wochenende auf der Intensivstation vor sich. Sie verspürt extreme Anspannung und Ängste in sich aufsteigen. Dabei wünscht sie sich nichts sehnlicher, als einfach gelassen zu agieren. Sie stoppt sich selbst bewusst in dieser hemmenden Verhaltensweise.

Sie erinnert sich an den letzten Flug auf dem Weg zu einer Herz-Explantation. Die Ärztin war mit dem Piloten der kleinen Cessna zum Thema Gelassenheit ins Gespräch gekommen. Der Pilot erklärte, dass es beim Fliegen wichtig wäre, nicht blind abzudrehen, wenn man von weitem eine dunkle Wolke sehen würde. Es wäre besser, erstmal gelassen heranzufliegen, bis man die Wettersituation entsprechend einschätzen kann. Mitunter können sich Regenwolken auch wieder verziehen.

Diese Beschreibung des Piloten hält sich die Ärztin vor Augen und entscheidet sich bewusst dafür, die Angst gehen zu lassen. Sie fragt sich folgende Fragen.

  • Was ist das Schlimmste, was passieren könnte? Dass zwei oder mehr Patientinnen oder Patienten gleichzeitig reanimiert werden müssen.
  • Dann überlegt sie, wie wahrscheinlich das ist? Es kann schon mal vorkommen, jedoch eher selten gleichzeitig.
  • Als letztes entscheidet sie, was sie tun wird, wenn das Schlimmste eintrifft: Sie kann sich jederzeit Unterstützung der diensthabenden anästhesiologischen Kolleginnen und Kollegen holen. Außerdem hat sie ein tolles Team an Pflegefachkräften auf der ITS.

Bei der Ärztin stellt sich ein Gefühl von Gelassenheit ein, so dass sie optimistisch in den Wochenenddienst geht.

Die Autorin:

Prof. Dr. med. Sonja Güthoff, MBA ist Ärztin, Expertin für Medical Leadership und Resilienz im Gesundheitswesen, Professorin für Health Care an der AKAD University sowie Stress- und Burnout-Coach. Auf ärztestellen.de gibt sie regelmäßig Tipps zu Führungs-Themen und begleitet Ärztinnen und Ärzte, aber auch andere Führungskräfte aus dem Gesundheitswesen dabei, sich und andere besser zu führen.

Sie möchten mehr erfahren? Kontaktieren Sie die Autorin gerne zu den Themen Medical Leadership und Resilienz im Gesundheitswesen unter info@sonjaguethoff.com und melden Sie sich zur kostenlose Online-Fortbildung in Führungs-Kompetenzen für Ärztinnen und Ärzte an unter: https://medicalleadership.onepage.me/

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