Facharzt-Weiterbildung Allgemeinmedizin: Dauer, Inhalte, Berufsperspektiven

15 Februar, 2021 - 07:02
Stefanie Hanke
Freundliche junge Ärztin mit Patientin am Schreibtisch

Sie werden derzeit in vielen Regionen händeringend gesucht: Fachärztinnen und Fachärzte für Allgemeinmedizin, die sich als Hausärzte in einer eigenen Praxis niederlassen möchten – am besten auf dem Land. Wie die Weiterbildung abläuft und wie lange sie dauert, erfahren Sie im Beitrag.
 

Auf einen Blick: Weiterbildung (Facharztausbildung) Allgemeinmedizin

  • Definition: Allgemeinmediziner sind die erste ärztliche Anlaufstation bei allen Gesundheitsproblemen. Der Bereich beinhaltet die medizinische Akut-, Langzeit- und Notfallversorgung von Patienten jeden Alters mit körperlichen und seelischen Gesundheitsstörungen sowie die Gesundheitsförderung, Prävention, Rehabilitation und die Versorgung in der Palliativsituation.
  • Dauer: Die Facharzt-Weiterbildung in der Allgemeinmedizin dauert 60 Monate. Davon müssen 12 Monate stationär in der Inneren Medizin abgeleistet werden. 6 Monate müssen in einem anderen Gebiet der unmittelbaren Patientenversorgung erfolgen. 18 Monate in anderen Gebieten der unmittelbaren Patientenversorgung können zusätzlich anerkannt werden. Außerdem ist eine Kurs-Weiterbildung (80 Stunden) in Psychosomatischer Grundversorgung verpflichtend.
  • Anzahl der Fachärzte: In Deutschland gibt es 60.098 Fachärzte für Allgemeinmedizin. Davon sind 44.158 berufstätig. 37.623 arbeiten ambulant, 2.423 stationär in einer Klinik.

Die hartnäckige Erkältung, die Rückenschmerzen oder die ständigen Magenprobleme: Hausärzte sind für ihre Patienten die ersten Ansprechpartner bei einer großen Bandbreite an gesundheitlichen Beschwerden. Zwar können sich auch Fachärztinnen und Fachärzte für Innere Medizin mit einer Hausarztpraxis niederlassen, doch bei einem Großteil der Hausärzte handelt es sich um Allgemeinmediziner. Nur sehr wenige Allgemeinmediziner sind in einer Klinik tätig, die Niederlassung ist in diesem Bereich die Regel.

Allgemeinmediziner: Generalisten und Gesundheitsberater

Dabei sind Allgemeinmediziner von allen Ärztinnen und Ärzten wohl am dichtesten an ihren Patienten dran: Statt sich nur auch einen bestimmten Körperteil oder eine bestimmte Erkrankung zu konzentrieren, begleiten sie manche Menschen ein ganzes Leben lang. Wer sich krank fühlt, ist damit beim Hausarzt an der richtigen Adresse. Das heißt: Allgemeinmediziner sind Generalisten. Sie sind besonders breit ausgebildet und müssen in allen medizinischen Fachbereichen zumindest über gewisse Grundkenntnisse verfügen. Vielen Patienten können sie damit selbst helfen, kompliziertere Fälle überweisen sie an entsprechende Fachärzte weiter.

Ein weiterer Schwerpunkt der allgemeinmedizinischen Arbeit ist die Prävention: Denn Hausärzte treten nicht nur dann in Erscheinung, wenn ihre Patienten bereits krank sind, sie sind auch Berater rund um einen gesunden Lebensstil. So sind sie beispielsweise auch Ansprechpartner für Impfungen, Gesundheitschecks und Ernährungsberatungen. Und auch die Rehabilitation gehört zu den Aufgaben der Allgemeinmediziner. Wird beispielsweise ein Patient nach einer schweren Erkrankung aus dem Krankenhaus entlassen, begleitet ihn der Hausarzt in der Zeit nach dem Klinikaufenthalt und unterstützt ihn bei der Rehabilitation.

02.08.2021, Helios Klinikum Emil von Behring GmbH
Berlin
01.08.2021, St. Marien- und St. Annastiftskrankenhaus
Ludwigshafen am Rhein

Vor allem im ländlichen Raum sind Allgemeinmediziner häufig Familienärzte, die mehrere Generationen einer Familie betreuen. Das führt häufig zu engeren Arzt-Patienten-Beziehungen als in anderen Fachgebieten. In vielen Fällen ist der Hausarzt ein Berater, der die Familien auch über die rein gesundheitlichen Fragen hinaus begleitet.

Mangel an Allgemeinmedizinern vor allem auf dem Land

Trotzdem herrscht in vielen Regionen akuter Hausarztmangel. Vor allem auf dem Land fehlt häufig der Nachwuchs. Praxen müssen schließen, weil ältere Allgemeinmediziner in den Ruhestand gehen und keinen Nachfolger finden. Die Politik hat daher verschiedene Programme ins Leben gerufen, um die Allgemeinmedizin und die Tätigkeit als Hausarzt bzw. Landarzt für junge Ärztinnen und Ärzte attraktiver zu machen. So werden bundesweit beispielsweise bestimmte Studienplätze über eine Landarztquote besetzt und auch in der kommenden ärztlichen Approbationsordnung soll die Allgemeinmedizin einen größeren Stellenwert bekommen.

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Allgemeinmediziner werden: Die Weiterbildung (Facharztausbildung) im Überblick

Dauer der Weiterbildung:

Die Weiterbildungszeit im Bereich Allgemeinmedizin beträgt 60 Monate unter Befugnis an Weiterbildungsstätten, davon

  • müssen 24 Monate in Allgemeinmedizin in der ambulanten hausärztlichen Versorgung abgeleistet werden
  • müssen 12 Monate im Gebiet Innere Medizin in der stationären Akutversorgung abgeleistet werden
  • müssen 6 Monate in mindestens einem anderen Gebiet der unmittelbaren Patientenversorgung abgeleistet werden
  • können zum Kompetenzerwerb bis zu 18 Monate Weiterbildung in Gebieten der unmittelbaren Patientenversorgung erfolgen

Außerdem sind 80 Stunden Kurs-Weiterbildung in Psychosomatischer Grundversorgung Teil der Facharzt-Weiterbildung Allgemeinmedizin.

Inhalte der Weiterbildung:

Übergreifende Inhalte

  • Wesentliche Gesetze, Verordnungen und Richtlinien
  • Mehrdimensionalität des allgemeinmedizinischen Handelns und der biopsychosozialen Langzeitbetreuung mit Anwendung des hermeneutischen Fallverständnisses unter Berücksichtigung des Krankheitsverständnisses des Patienten
  • Anwendung der allgemeinmedizinischen Arbeitsmethodik des abwartenden Offenhaltens und der Vermeidung abwendbar gefährlicher Verläufe
  • Versorgung und Koordination von Patienten, insbesondere in ihrem familiären Umfeld, in der Langzeitpflege sowie in ihrem weiteren sozialen Umfeld einschließlich der Hausbesuchstätigkeit, davon
    • Hausbesuche (Richtzahl: 50)
  • Interdisziplinäre Koordination, insbesondere bei multimorbiden Patienten einschließlich der Indikationsstellung zur häuslichen Krankenpflege, Einbeziehung weiterer ärztlicher, pflegerischer, therapeutischer und sozialer Hilfen in Behandlungs- und Betreuungskonzepte
  • Bewertung der Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit, der Arbeitsfähigkeit, der Berufs- und Erwerbsfähigkeit sowie der Pflegebedürftigkeit
  • Hereditäre Krankheitsbilder
  • Indikationsstellung für eine humangenetische Beratung
  • Erkennung, Beurteilung und Behandlung der Auswirkungen von durch Umwelt und Milieu bedingten Schäden einschließlich Arbeitsplatzeinflüssen
  • Erkennung von Suchtkrankheiten und Einleitung von weiterführenden Maßnahmen
  • Durchführung der ärztlichen Leichenschau

Notfälle

  • Lebensrettende Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Vitalfunktionen und Wiederbelebung, welche durch Simulation ersetzt werden können (Richtzahl: 10)
  • Teilnahme am ärztlichen Bereitschaftsdienst

Krankheiten und Beratungsanlässe

  • Umgang mit den häufigsten Beratungsanlässen im unausgelesenen Patientenkollektiv einschließlich Langzeitversorgung und der hausärztlichen Behandlung von
    • nichtinfektiösen, infektiösen, toxischen und neoplastischen sowie von allergischen, immunologischen, metabolischen, ernährungsabhängigen und degenerativen Erkrankungen einschließlich diätetischer Behandlung sowie Beratung und Schulung
      • insbesondere Langzeitversorgung von Patienten mit Diabetes mellitus, davon
        • Patienten mit Insulintherapie
    • Erkrankungen der Stütz- und Bewegungsorgane unter besonderer Berücksichtigung funktioneller Behinderungen
    • Erkrankungen der Haut
      • insbesondere Langzeitversorgung von Patienten mit chronischen Wunden
    • Erkrankungen von Hals, Nasen und Ohren
    • Erkrankungen des Auges
    • psychischen und neurologischen Erkrankungen
      • insbesondere Langzeitversorgung von Patienten mit Depressionen und Angststörungen einschließlich der Krisenintervention
    • Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts
      • insbesondere Langzeitversorgung von Patienten mit chronischen Erkrankungen des Magen-Darmtrakts
    • Erkrankungen des Herzkreislaufsystems einschließlich Lunge
      • insbesondere Langzeitversorgung von Patienten mit koronarer Herzkrankheit
      • insbesondere Langzeitversorgung von Patienten mit Hypertonie
      • insbesondere Langzeitversorgung von Patienten mit COPD/Asthma
    • Erkrankungen des Urogenitaltrakts einschließlich der Niere
    • Erkrankungen des Endokrinums und Stoffwechsels
    • Erkrankungen des Blutes und der Blutgerinnung
    • Blutgerinnungsmanagement
    • sexualmedizinische Beratungsanlässe
    • Beratung zur Familienplanung
    • akute und/oder chronische Schmerzzustände
      • insbesondere Langzeitversorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen einschließlich der Behandlung mit Opioiden

Funktionelle Störungen

  • Erkennung und Behandlung psychosomatischer Krankheitsbilder, insbesondere
    • psychosomatische Interventionen

Besondere Patientengruppen

  • Behandlung und Koordination der Beratungsanlässe des Kindes- und Jugendalters
    • Behandlung von akut erkrankten Kindern/Jugendlichen (Richtzahl: 50)
  • Erkennung und ggf. Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter
  • Behandlung von Patienten mit Erkrankungen und Behinderungen des höheren Lebensalters, geriatrischer Krankheitsbilder und Funktionsstörungen unter Berücksichtigung von Aspekten der Multimorbidität einschließlich Erstellung und Durchführung eines Hilfeplans zum Erhalt der Selbständigkeit und Autonomie, auch unter Einbeziehung eines multiprofessionellen Teams, Anpassung des Wohnumfeldes sowie Angehörigen- und Sozialberatung (Richtzahl: 50), davon
    • Behandlung von Patienten mit chronischer Pflegebedürftigkeit in ihrer Häuslichkeit (Richtzahl: 25)
    • Betreuung palliativmedizinisch zu versorgender Patienten einschließlich Sterbebegleitung
  • Onkologische Krankheitsbilder
  • Beratung bezüglich eines kurativen oder palliativen Therapieansatzes bei Tumorerkrankungen unter Einbeziehung des Patienten, seiner Angehörigen und mitbehandelnden Ärzte

Prävention und Rehabilitation

  • Gesundheitsberatung, Früherkennung und Vorsorge von Gesundheitsstörungen einschließlich Gewalt- und Suchtprävention, insbesondere
    • spezifische Impfberatung auf Grundlage der STIKO-Empfehlungen
    • Durchführung von kardiovaskulären Risikobestimmungen
    • Beratungen zur Krebsfrüherkennung
  • Beratung zu sozialen und pflegerischen Hilfen
  • Indikationsstellung, Verordnung und Einleitung rehabilitativer Maßnahmen einschließlich geriatrischer Frührehabilitation sowie der Nachsorge

Diagnostische Verfahren

  • Relevante diagnostische Verfahren
  • Indikationsstellung, Einschätzung der Dringlichkeit apparativer Diagnostik einschließlich der Befundinterpretation
  • Elektrokardiogramm
  • Ergometrie
  • Langzeit-EKG
  • Langzeitblutdruckmessung
  • Spirometrie
  • Ultraschalluntersuchungen des Abdomens und Retroperitoneums einschließlich Urogenitalorgane im Rahmen der Erst- und Verlaufsdiagnostik
  • Ultraschalluntersuchungen der Schilddrüse im Rahmen der Erst- und Verlaufsdiagnostik
  • Punktions- und Katheterisierungstechniken einschließlich der Gewinnung von Untersuchungsmaterial
  • Otoskopie
  • Richtungsweisende Hör- und Sehprüfung
  • Durchführung und Interpretation standardisierter Testverfahren einschließlich Fragebögen, insbesondere zur Depressionsdiagnostik und zu geriatrischen Fragestellungen (Richtzahl: 50)

Therapeutische Verfahren

  • Chemo- und Strahlentherapie
  • Transfusions- und Blutersatztherapie
  • Komplementärmedizinische Verfahren
  • Indikationsstellung, Verordnung und Überwachung der medikamentösen Therapie unter Beachtung der Neben- und Wechselwirkungen und besonderer Berücksichtigung der Aspekte Multimorbidität, Alter, Polypharmazie, Adhärenz und Evidenz
  • Indikationsstellung und Verordnung von Psychotherapie einschließlich Verlaufsbeobachtung
  • Infusionstherapie und parenterale Ernährung
  • Wundversorgung und Wundbehandlung, Inzision, Extraktion, Exstirpation und Probeexzision auch unter Anwendung der Lokal- und peripheren Leitungsanästhesie (Richtzahl: 50)
  • Anlage von Orthesen und Schienen

Quellen: Musterweiterbildungsordnung 2018 der Bundesärztekammer, Ärztestatistik der Bundesärztekammer 2020
 


Aktuelle Stellenangebote in diesem Fachgebiet:

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