Zusatz-Weiterbildung Notfallmedizin: Dauer, Inhalte, Voraussetzungen

22 November, 2021 - 06:29
Stefanie Hanke
Notarzt-Schild auf Auto

Bei Unfällen oder akuten Notsituationen sind sie schnell vor Ort und sorgen dafür, dass die Betroffenen schnellstmöglich versorgt werden: Notärzte und Notärztinnen. Aber wie kann man sich auf diesen Bereich spezialisieren? Und wie viele Ärztinnen und Ärzte mit der Zusatzbezeichnung "Notfallmedizin" gibt es in Deutschland? Das erfahren Sie im Beitrag.

Auf einen Blick: Zusatz-Weiterbildung Notfallmedizin

  • Definition: Die Notfallmedizin befasst sich mit der Erkennung und Behandlung medizinischer Notfälle. Dazu zählt die Betreuung von Personen, deren Leben akut bedroht ist. Neben dem präklinischen Einsatz in der Rettungsmedizin und der Arbeit in der Notaufnahme eines Krankenhauses fällt auch die Katastrophenmedizin in den Bereich der Notfallmedizin.
  • Voraussetzungen: Mindestens 24 Monate Weiterbildung in einem Gebiet der unmittelbaren Patientenversorgung im stationären Bereich unter Befugnis an Weiterbildungsstätten, davon 6 Monate in der Intensivmedizin oder in Anästhesiologie.
  • Dauer: 80 Stunden Kurs-Weiterbildung allgemeiner und spezieller Notfallbehandlung und anschließend 50 Notarzteinsätze im öffentlichen Rettungsdienst (Notarzteinsatzfahrzeug oder Rettungshubschrauber) unter Anleitung eines verantwortlichen Notarztes, davon können bis zu 25 Einsätze im Rahmen eines standardisierten Simulationskurses erfolgen.
  • Anzahl der Ärzte: In Deutschland sind 51.531 Ärztinnen und Ärzte mit der Zusatzbezeichnung "Notfallmedizin" bei den Kammern registriert (2021).

Notärztinnen und Notärzte sind meistens dann im Einsatz, wenn es buchstäblich um Leben und Tod geht. Das bedeutet auch: Sie arbeiten unter hohem zeitlichen und emotionalen Druck und müssen dabei einen kühlen Kopf bewahren, um schnelle Entscheidungen treffen zu können. Denn noch stärker als in anderen medizinischen Bereichen geht es in der Notfallmedizin ganz konkret darum, Menschenleben zu retten. Wer in diesem Bereich arbeitet, ist ganz nah dran an Momenten, die über menschliche Schicksale entscheiden. Für die einen gibt es kaum einen sinnstiftenderen Job, die anderen kommen mit dem ständigen Arbeiten am Limit nicht klar.

Innerhalb von Minuten am Einsatzort

Ruft jemand die Notrufnummer 112 an, muss es schnell gehen: Sobald der Anruf bei der Leitstelle eingeht, werden die Informationen schon an das Einsatzteam weitergegeben. Und während der Anrufende noch Fragen zum Notfall beantwortet, sind die Rettungskräfte schon unterwegs und bahnen sich mit Martinshorn und Blaulicht den Weg durch den Verkehr. Was die Betroffenen oft als eine Ewigkeit empfinden, geht in der Regel sehr schnell: Bis der Notarzt oder die Notärztin am Einsatzort eingetroffen ist, dauert es in 95 Prozent der Fälle weniger als 15 Minuten, bei jedem vierten Einsatz ist der Notarztwagen sogar in weniger als acht Minuten vor Ort.

Notfälle, bei denen Notärztinnen und Notärzte zum Einsatz kommen, sind beispielsweise schwere Unfälle, Herzinfarkte, akute Atemnot, Krampf- oder Schlaganfälle. Die Aufgabe des Rettungsteams ist es in diesen Fällen, die Patientinnen und Patienten vor Ort zu stabilisieren und möglichst schnell in die Klinik zu transportieren, wo sie weiterversorgt und eventuell operiert werden können. Schon unterwegs kümmern sich die Notärztinnen und Notärzte dabei um eine erste Therapie und überwachen die Vitalfunktionen. Auch in der zentralen Notaufnahme in Kliniken arbeiten häufig Ärztinnen und Ärzte mit der Zusatzbezeichnung Notfallmedizin.

Einsatz auch im Katastrophenfall

In bestimmten Situationen, beispielsweise bei Naturkatastrophen oder Terroranschlägen, müssen sehr viele Patientinnen und Patienten gleichzeitig versorgt werden. Auch diese Katastrophenmedizin ist ein Teilgebiet der Notfallmedizin. Hier muss die individualmedizinische Behandlung in den Hintergrund treten – vielmehr geht es darum, möglichst viele Betroffene möglichst gut zu versorgen. Dabei kommt beispielsweise die Triage zum Einsatz, um zu entscheiden, wer die Hilfe am nötigsten braucht.

Voraussetzungen: Stressresistenz und Empathie

Für die Arbeit in der Notfallmedizin ist eine hohe Stressresistenz wichtig. Außerdem braucht man besonders viel Empathie, um einfühlsam auf die Patienten und ihre Angehörigen eingehen zu können, die häufig sehr aufgewühlt sind und unter Schock stehen. Um die Zusatz-Weiterbildung zu beginnen, sind neben dem abgeschlossenen Medizinstudium mindestens zwei Jahre Weiterbildungszeit in der unmittelbaren Patientenversorgung (mindestens sechs Monate davon auf der Intensivstation oder in der Anästhesiologie) Voraussetzung. Wer die Zusatz-Weiterbildung Notfallmedizin absolviert hat, bekommt den sogenannten "Notarztschein", der zur Arbeit als Notarzt oder Notärztin berechtigt.

Für die Facharzt-Weiterbildung in der Anästhesiologie ist dieser Schein sogar Pflicht. Aber auch Fachärztinnen und Fachärzte aus anderen Bereichen können sich für die Zusatz-Weiterbildung Notfallmedizin entscheiden. Beispielsweise kann das als Ergänzung zur Allgemeinmedizin für Hausärztinnen und Hausärzte sinnvoll sein, die in dünn besiedelten Regionen praktizieren. Übrigens: Da man nur 24 Monate Weiterbildungszeit abgeleistet haben muss, um mit der Zusatz-Weiterbildung zu beginnen, können Assistenzärztinnen und -ärzte die Zusatzbezeichnung "Notfallmedizin" schon vor der Facharztanerkennung erwerben.

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Notarzt werden: Die Zusatz-Weiterbildung im Überblick

Dauer der Weiterbildung

  • 80 Stunden Kurs-Weiterbildung gemäß § 4 Abs. 8 in allgemeiner und spezieller Notfallbehandlung

und anschließend

  • 50 Notarzteinsätze im öffentlichen Rettungsdienst (Notarzteinsatzfahrzeug oder Rettungshubschrauber) unter Anleitung eines verantwortlichen Notarztes, davon können bis zu 25 Einsätze im Rahmen eines standardisierten Simulationskurses erfolgen

Inhalte der Weiterbildung

Organisatorische, einsatztaktische Grundlagen

  • Wesentliche Gesetze, Verordnungen und Richtlinien, z. B. Rettungsdienstgesetze
  • Strukturen des deutschen Rettungsdienstes sowie Indikationen der verschiedenen Rettungsmittel
  • Einsatzarten, insbesondere Primär-, Sekundäreinsatz, Interhospital- und Schwerlasttransport, Infektionstransport, Neugeborenentransport
  • Aufgaben und Struktur einer Leitstelle, der Alarmierungswege und Alarmierungsmittel
  • Besonderheiten und Kontraindikationen bei ambulanter notärztlicher Versorgung
  • Möglichkeiten einer ambulanten Weiterversorgung durch Hausarzt, sozialpsychiatrischen Dienst, spezialisierte ambulante Palliativversorgung oder Sozialstation
  • Maßnahmen zum Eigenschutz und zum Schutz von Patienten und Dritten an einer Einsatzstelle
  • Planung, Vorbereitung und Durchführung von Sekundärtransporten, auch unter intensivmedizinischen Bedingungen
  • Hygienemaßnahmen beim Umgang mit infektiösen Patienten in Notfallsituationen
  • Grundlagen der technischen und medizinischen Rettung
  • Grundlagen der Lagebeurteilung und Sichtung bei Massenanfall von Verletzten/Erkrankten (MANV), auch unter chemischen/biologischen/radiologischen/ nuklearen (CBRN)-Gefahren
  • Grundlagen des Katastrophenschutzes
  • Auswahl eines dem Krankheitsbild entsprechend leitliniengerechten und geeigneten Zielkrankenhauses
  • Anwendung interpersoneller Fertigkeiten einschließlich Teamarbeit, Führung, Entscheidungsfindung
  • Durchführung einer strukturierten Patientenübergabe (Handover)
  • Bedeutung notfallmedizinisch relevanter Register (Reanimationsregister, Traumaregister) und Dokumentationsgrundlagen (MIND)
  • Durchführung von strukturierten Einsatznachbesprechungen
  • Bedeutung und Indikation von Krisenintervention und Einsatznachsorge
  • Todesfeststellung und Durchführung der vorläufigen Leichenschau einschließlich rechtsrelevanter Aspekte
  • Situation des rechtfertigenden Notstandes und der Geschäftsführung ohne Auftrag
  • Besonderheiten bei der Unterbringung psychisch Kranker nach gesetzlichen Regelungen

Untersuchung des Notfallpatienten

  • Lagerung von Notfallpatienten und Herstellung der Transportfähigkeit
  • Standardisierte Akutanamnese bei einem Notfallpatienten
  • Erkennung kritischer und lebensbedrohlicher Zustände
  • Verschaffung eines ersten Überblicks über den Notfallort und das Geschehen (Lage) und gegebenenfalls Nachforderung adäquater Rettungsmittel
  • Leitliniengerechte Erstuntersuchung
  • Erkennung von Hinweisen für vital bedrohliche Verletzungen
  • Beurteilung von Depressivität und Suizidalität des Patienten einschließlich Gefährdungsprognose
  • Schockraummanagement

Leitsymptome

  • Einleitung einer symptomorientierten Erstbehandlung bei
    • Bewusstseinsstörungen/neurologischen Defiziten
    • akuter Atemnot
    • Brustschmerz
    • Blutungen
    • Schock
    • Herzrhythmusstörungen
    • akutem Abdomen/Bauchschmerzen
    • psychischen Störungen
    • Fieber

Diagnostische Maßnahmen

  • Durchführung und Befunderstellung des Elektrokardiogramms im Notfall
  • Applikation und Bewertung des Basismonitorings einschließlich Besonderheiten des kindgerechten Monitorings beim Transport
  • Messung und Bewertung der Kapnometrie und Kapnographie

Therapeutische Maßnahmen

  • Indikationsstellung und Durchführung einer symptomadaptierten und der Verdachtsdiagnose entsprechenden Lagerung unter Berücksichtigung von Hilfsmitteln
  • Indikationsstellung und Durchführung von Repositionen bei Frakturen und Luxationen (Richtzahl: 5)
  • Reanimation einschließlich der Reanimation von Säuglingen und Kleinkindern, auch als Reanimationstraining
  • Durchführung von Defibrillation oder Kardioversion, auch als Simulation
  • Grundlagen der transkutanen Schrittmachertherapie
  • Durchführung einer Thoraxentlastung, insbesondere
    • Thoraxdrainage
  • Behandlung von Problemen im Bereich des Atemweges (Airwaymanagement) einschließlich der Hinweiszeichen auf schwierige Atemwegsverhältnisse
  • Durchführung der Maskenbeatmung, auch bei Säuglingen und Kindern, auch als Simulation
  • Sicherung der Atemwege durch Anwendung von supraglottischen Atemwegshilfen, auch bei Säuglingen und Kindern, auch als Simulation
  • Sicherung der Atemwege durch endotracheale Intubation einschließlich Videolaryngoskopie (Richtzahl: 50)
  • Einleitung und Aufrechterhaltung einer Notfallnarkose
  • Anwendung alternativer Medikamentenapplikationsformen, z. B. nasal, sublingual und intraossär
  • Blutungsmanagement/Blutstillung durch Kompression und mittels Anlage von Tourniquet und Beckenschlinge
  • Behandlung mit notfallmedizinisch relevanten Medikamenten
  • Durchführung einer Volumentherapie, auch bei Säuglingen und Kindern
  • Durchführung einer Schmerztherapie, auch bei Säuglingen und Kindern
  • Besonderheiten und Ablauf einer Neugeborenen-Erstversorgung
  • Geburtshilfliches Notfallmanagement

Quellen: Musterweiterbildungsordnung 2018 der Bundesärztekammer, Ärztestatistik der Bundesärztekammer 2021, Deutsches Rotes Kreuz
 


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