
Ein Vorstellungsgespräch entscheidet häufig über den nächsten Karriereschritt – und beginnt lange vor dem eigentlichen Gesprächstermin. Wer sich nicht nur fachlich, sondern auch mental und kommunikativ vorbereitet, kann die eigenen Kompetenzen authentisch sichtbar machen. Welche Strategien dabei helfen und worauf Ärztinnen und Ärzte besonders achten sollten, zeigt dieser Beitrag.
Vorstellungsgespräche werden häufig als Prüfung verstanden. Das Vorstellungsgespräch ist jedoch keine Einbahnstraße. Tatsächlich verfolgen beide Seiten ein gemeinsames Ziel: herauszufinden, ob eine langfristige Zusammenarbeit sinnvoll erscheint. Für die Klinik oder Praxis steht die Frage im Mittelpunkt, welche Kompetenzen, Erfahrungen und persönlichen Eigenschaften eine Bewerberin oder ein Bewerber mitbringt. Für Ärztinnen und Ärzte sollte ebenso wichtig sein zu prüfen, ob die Stelle tatsächlich zu den eigenen beruflichen Zielen passt und die persönliche Ebene ein angenehmes Arbeiten verspricht.
Mit einer positiven Erwartungshaltung in das Gespräch gehen
Wie wir eine Situation bewerten, beeinflusst häufig auch unser Verhalten. In der Psychologie ist gut untersucht, dass unsere Erwartungen das Verhalten und die Leistung beeinflussen können. Dabei beschreibt der sogenannte Pygmalion-Effekt, dass positive Erwartungen dazu beitragen können, vorhandenes Potenzial von Menschen besser zu entfalten (Rosenthal R. & Jacobson L. Pygmalion in the classroom. Urban Rev 1968; 3: 16–20). In der klassischen Studie erhielten Lehrkräfte die Information, dass bestimmte Schülerinnen und Schüler, die tatsächlich nur zufällig ausgewählt wurden, über ein besonders hohes Entwicklungspotenzial verfügen würden. Obwohl diese Einschätzung ausschließlich auf fiktiven Testergebnissen beruhte, erzielten die so bezeichneten Kinder im weiteren Verlauf bessere Leistungen als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler (Rosenthal R. & Jacobson L. 1968, siehe oben). Seither wurde der Pygmalion-Effekt auch in zahlreichen anderen Bereichen untersucht.
Für Vorstellungsgespräche lässt sich daraus eine praktische Schlussfolgerung ableiten: Wer mit einer positiven, aber realistischen Erwartung in das Gespräch geht und sich bewusst macht, dass beide Seiten an einer erfolgreichen Zusammenarbeit interessiert sind, schafft häufig günstigere Voraussetzungen für ein offenes und konstruktives Gespräch.
Wer das Gespräch nicht als Prüfung, sondern als gegenseitiges Kennenlernen versteht, wirkt häufig offener, authentischer und souveräner. Bereits die gedankliche Vorbereitung kann hierbei hilfreich sein. In der Psychologie wird dieser Prozess als Priming bezeichnet (Bargh J. A. et al. Automaticity of social behavior: direct effects of trait construct and stereotype-activation on action. J Pers Soc Psychol 1996; 71(2): 230-244). Gemeint ist die bewusste Aktivierung hilfreicher Gedanken oder Erinnerungen vor einer anspruchsvollen Situation. Vor einem Vorstellungsgespräch kann es beispielsweise sinnvoll sein, sich an gelungene Patientengespräche, erfolgreich gemeisterte Notfallsituationen oder positives Feedback aus Entwicklungsgesprächen zu erinnern. Solche Erinnerungen stärken nicht nur das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, sondern erleichtern es häufig auch, im Gespräch passende Beispiele für die eigenen Kompetenzen zu nennen. Wie Erwartungen Verhalten beeinflussen können und wie wir als Ärztinnen und Ärzte in Führung den Pygmalion-Effekt sowie das Priming bewusst nutzen können, habe ich bereits im Beitrag „Ärztinnen und Ärzte in Führung: Medizinischen Nachwuchs beim Berufseinstieg unterstützen“ beschrieben.
Innere Haltung und äußere Wirkung
Die innere Haltung beeinflusst nicht nur das eigene Erleben, sondern häufig auch die Wirkung auf andere. Eine offene, zugewandte und selbstbewusste Ausstrahlung beginnt daher nicht erst mit der Körpersprache, sondern mit der eigenen Einstellung zum Gespräch. Neben der inneren Haltung beeinflusst auch die Körpersprache den ersten Eindruck. Eine aufrechte Körperhaltung, ein freundlicher Blickkontakt und eine offene Gestik vermitteln Interesse und Präsenz. Studien zur Körpersprache zeigen, dass expansive Körperhaltungen das subjektive Gefühl von Selbstsicherheit erhöhen können. In dem klassischen Versuch von Amy J. C. Cuddy et al. erhielten die Probandinnen und Probanden, die sich in einer sogenannten High Power Pose (erhobener Kopf und Brustbein sowie körperlich Raum einnehmend) auf ein fiktives Bewerbungsgespräch vorbereitet hatten, deutlich öfter die Zustimmung der Jury und fühlten sich in ihrer selbst eingeschätzten Leistung besser (Preparatory power posing affects nonverbal presence and job interview performance. J Appl Psychol. 2015; 100(4): 1286-1295).
Für die Praxis bedeutet dies, dass Sie nicht nur vor dem Vorstellungsgespräch ein paar Minuten in der High Power Pose stehen können, sondern auch insgesamt bewusst auf eine aufrechte Haltung, eine ruhige Atmung und eine offene Körpersprache achten sollten. Dies unterstützt nicht nur die eigene Ausstrahlung, sondern erleichtert häufig auch ein sicheres Auftreten (vergleiche auch "Ärztinnen und Ärzte in Führung: Über Wirkung leichter führen").
Rhetorik – klar statt perfekt
Viele Ärztinnen und Ärzte bereiten sich intensiv auf fachliche Fragen vor, überlegen jedoch deutlich seltener, wie sie ihre Erfahrungen vermitteln möchten. Dabei entscheidet häufig nicht allein der Inhalt einer Antwort, sondern auch deren Struktur und Verständlichkeit. Kurze Sätze, eine klare Sprache und ein angemessenes Sprechtempo erleichtern dem Gegenüber, den eigenen Ausführungen zu folgen.
Ein wesentlicher Bestandteil einer überzeugenden Gesprächsführung ist ein angemessener Blickkontakt. Er signalisiert Aufmerksamkeit, Offenheit sowie Interesse und trägt dazu bei, kompetent und authentisch zu wirken (Dietrich C. Rhetorik – Die Kunst zu überzeugen. Cornelsen; 2003). Gerade introvertierten Menschen fällt es jedoch mitunter schwer, den Blick ihres Gegenübers über längere Zeit zu halten. Dies wird häufig fälschlicherweise als Unsicherheit interpretiert. Dabei zeigen Untersuchungen, dass introvertierte Menschen – beschrieben als „Quiet Ego“ – durchaus über ein stabiles und gesundes Selbstwertgefühl verfügen können (Wayment H. A. et al. The Quiet Ego Scale: Measuring the compassionate self-identity. Journal of Happiness Studies 2015; 16(4): 999–1033).
Tipp
Falls Ihnen ein längerer Blickkontakt schwerfällt, kann es hilfreich sein, im direkten Gespräch den Blick auf die Augenbrauen oder die Region zwischen den Augen der jeweils anderen Person zu richten. Für das Gegenüber wirkt dies nahezu wie direkter Blickkontakt und erleichtert vielen Menschen eine offene und souveräne Gesprächsführung.
Lesen Sie ergänzend, wie sich rhetorische Kompetenz gezielt entwickeln lässt und welche Wirkung Sprache auf Führung und Kommunikation hat im Artikel „Ärztinnen und Ärzte in Führung: Rhetorisch leichter führen“.
Fachlich überzeugen – Kompetenzen sichtbar machen
Neben dem eigenen Lebenslauf sollten Bewerberinnen und Bewerber auch die zukünftige Klinik oder Praxis kennen. Informieren Sie sich über das Behandlungsspektrum, Schwerpunkte, Zertifizierungen, Forschungsaktivitäten und aktuelle Entwicklungen. Überlegen Sie außerdem, welche Ihrer bisherigen Erfahrungen besonders gut zu dieser Stelle passen. Hilfreich ist es, bereits vor dem Gespräch zwei oder drei Situationen aus dem eigenen Berufsalltag auszuwählen, anhand derer Sie Ihre Kompetenzen anschaulich erläutern können. Besonders geeignet sind Beispiele, in denen Sie Verantwortung übernommen, Veränderungen begleitet, Konflikte gelöst oder schwierige Situationen gemeinsam mit dem Team bewältigt haben.
Die Forschung zu strukturierten Auswahlgesprächen zeigt, dass insbesondere Fragen nach bereits erlebten Situationen und dem konkreten Verhalten in diesen Situationen eine hohe Vorhersagekraft besitzen (Levashina J. et al. The Structured Employment Interview: Narrative and Quantitative Review of the Research Literature. Personnel Psychology 2014; 67: 241-293).
Anstatt Eigenschaften lediglich zu benennen, sollten Bewerberinnen und Bewerber daher möglichst anhand konkreter Situationen zeigen,
- wie sie schwierige Entscheidungen getroffen haben,
- wie sie Konflikte gelöst haben,
- wie sie Verantwortung übernommen haben,
- wie sie Veränderungen begleitet haben oder
- wie sie die Zusammenarbeit im Team verbessert haben.
Allgemeine Aussagen wie „Ich bin belastbar“, „Ich arbeite gerne im Team“ oder „Ich übernehme Verantwortung“ bleiben häufig abstrakt. Deutlich überzeugender sind Beispiele aus dem klinischen Alltag. Die Forschung zu strukturierten Vorstellungsgesprächen zeigt, dass Bewerberinnen und Bewerber besonders dann positiv bewertet werden, wenn sie ihre Erfahrungen anhand konkreter Situationen beschreiben und dabei den eigenen Beitrag nachvollziehbar darstellen (Ellis A. P. et al. The use of impression management tactics in structured interviews: a function of question type? Journal of Applied Psychology 2002; 87(6): 1200–1208; Levashina J. et al. 2014, siehe oben).
Toolbox Führung
Eine hilfreiche Orientierung für eine strukturierte Beantwortung einer Frage zu den eigenen Kompetenzen bietet das STAR-R Prinzip, das Antworten auf verhaltensbezogene Fragen strukturiert:
- Situation: In welcher Ausgangssituation befanden Sie sich?
- Task (Aufgabe): Welche Verantwortung hatten Sie?
- Action (Handlung): Was haben Sie persönlich getan?
- Result (Ergebnis): Was wurde erreicht?
- und ergänzend zum klassischen STAR Prinzip, Reflection (Selbstreflektion): Was habe ich gelernt?
Gerade der dritte Schritt wird häufig unterschätzt. Ärztinnen und Ärzte schildern ausführlich den klinischen Fall, beschreiben jedoch nicht immer ihren eigenen Beitrag. Im Vorstellungsgespräch interessiert das Gegenüber jedoch insbesondere, welche Rolle Sie persönlich übernommen haben, wie Sie Entscheidungen getroffen, Prioritäten gesetzt oder mit anderen Berufsgruppen zusammengearbeitet haben.
So wirkt beispielsweise die Aussage „Ich habe die Einführung einer neuen SOP begleitet“ deutlich weniger aussagekräftig als die Beschreibung nach dem STAR-R Prinzip:
Situation
Während einer Phase hoher personeller Belastung sollte auf unserer Station eine neue SOP zur postoperativen Schmerztherapie eingeführt werden.
Task (Aufgabe)
Ich war verantwortlich dafür, die Einführung fachlich zu koordinieren und die verschiedenen Berufsgruppen in den Veränderungsprozess einzubinden.
Action (Handlung)
Ich plante gemeinsam mit Pflege, ärztlichem Dienst und Apotheke die Umsetzung, organisierte Schulungen, moderierte Rückfragen und passte die Abläufe anhand des Feedbacks aus dem Team an.
Result (Ergebnis)
Die SOP wurde erfolgreich implementiert und von den beteiligten Berufsgruppen im klinischen Alltag gut angenommen.
Reflection (Selbstreflexion)
Rückblickend wurde mir deutlich, dass Veränderungen dann besonders erfolgreich gelingen, wenn Mitarbeitende frühzeitig beteiligt werden und nachvollziehen können, warum neue Abläufe eingeführt werden.
Dadurch werden Fachkompetenz, Führungsverhalten, Organisationsfähigkeit und Teamarbeit anhand einer konkreten Situation nachvollziehbar. Ebenso hilfreich ist es, schwierige Situationen nicht zu vermeiden. Gerade Beispiele, in denen Herausforderungen bewältigt, Konflikte gelöst oder Veränderungen erfolgreich begleitet wurden, vermitteln ein realistisches Bild der eigenen Arbeitsweise. Ein kurzer abschließender Satz dazu, was Sie aus dieser Situation gelernt haben, unterstreicht zusätzlich Ihre Reflexionsfähigkeit – eine Kompetenz, die in der modernen Medizin ebenso bedeutsam ist wie fachliches Wissen.
Auch der bewusste Umgang mit der eigenen Selbstdarstellung ist wissenschaftlich untersucht. Ellis A. P. et al. (2002, siehe oben) konnten zeigen, dass Bewerberinnen und Bewerber in strukturierten Vorstellungsgesprächen regelmäßig eigene Leistungen und Erfahrungen aktiv darstellen. Besonders bei Fragen nach bisherigem Verhalten war diese Form der Selbstpräsentation mit günstigeren Bewertungen verbunden. Dabei geht es jedoch nicht darum, sich besser darzustellen, als es den eigenen Kompetenzen entspricht. Vielmehr sollten vorhandene Kompetenzen durch konkrete Beispiele nachvollziehbar werden. Gerade Ärztinnen und Ärzte neigen häufig dazu, Erfolge als selbstverständlich anzusehen und ihre eigene Rolle dabei eher zurückhaltend zu beschreiben. Ein Vorstellungsgespräch ist jedoch einer der wenigen Momente, in denen die eigenen Erfahrungen ausdrücklich sichtbar gemacht werden dürfen – und sollten.
Die eigenen Ziele, Werte und Prioritäten kennen
Mindestens ebenso wichtig wie die Vorbereitung auf Fragen der Klinik ist die Vorbereitung auf die eigenen Fragen. Wer die eigenen beruflichen Ziele, Werte und Prioritäten kennt, kann die eigenen Vorstellungen im Vorstellungsgespräch oder in einer Vertragsverhandlung klarer formulieren. Die Forschung zur Selbstführung beschreibt diese bewusste Ausrichtung des eigenen Denkens und Handelns an persönlichen Zielen als eine wesentliche Grundlage erfolgreichen beruflichen Handelns (Neck C. P. et al. Two decades of self‐leadership theory and research: Past developments, present trends, and future possibilities. Journal of Managerial Psychology 2006; 21(4): 270–295).
Überlegen Sie bereits vor dem Vorstellungsgespräch, welche Rahmenbedingungen Ihnen für Ihre berufliche Entwicklung besonders wichtig sind. Möchten Sie wissenschaftlich arbeiten? Ist Ihnen ein breites operatives Spektrum wichtiger als eine frühe Führungsfunktion? Welche Arbeitszeitmodelle sind mit Ihrer aktuellen Lebenssituation vereinbar? Wer die eigenen Prioritäten kennt, kann diese im Gespräch klarer formulieren und bewusst entscheiden, welche Aspekte verhandelbar sind und welche nicht.
Ein gelungenes Vorstellungsgespräch endet daher nicht mit der Frage, ob Sie die Stelle erhalten, sondern mit der gemeinsamen Einschätzung, ob die fachlichen, persönlichen und organisatorischen Erwartungen beider Seiten zusammenpassen.
Merke
Ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch beginnt nicht erst mit dem Betreten des Besprechungsraums. Vielmehr entscheidet die Vorbereitung häufig darüber, wie sicher Ärztinnen und Ärzte auftreten, ihre Kompetenzen darstellen und ihre eigenen Vorstellungen formulieren können. Dabei umfasst eine gute Vorbereitung weit mehr als die Beschäftigung mit dem eigenen Lebenslauf. Sie beginnt bereits mit der inneren Haltung, setzt sich über die persönliche Wirkung und die fachliche Vorbereitung fort und endet erst mit einer klaren Vorstellung davon, welche Erwartungen beide Seiten an die zukünftige Zusammenarbeit haben.
Weiteren Input zu einer guten Vorbereitung und dazu, wie Sie nach einem gelungenen, von beiden Seiten geführten Auswahlgespräch in eine erfolgreiche Vertragsverhandlung gehen können, finden Sie im Artikel "Ärztinnen und Ärzte in Führung: Die Spielräume bei der Gehaltsverhandlung besser nutzen".
Die Autorin:
Prof. Dr. med. Sonja Güthoff, MBA, ist Ärztin am LMU Klinikum München, Führungskräfte-Trainerin, Professorin für Gesundheitsmanagement, Medical Leadership und Digital Health an der AKAD Hochschule Stuttgart, Stress- und Burnout-Coach sowie unter anderem TÜV zertifizierte KI Trainerin. Auf ärztestellen.de gibt sie regelmäßig Tipps zu Führungs-Themen. Als Leiterin des Instituts für ein gesundes Arbeitsleben im Gesundheitswesen (INSTGAG) begleitet sie Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachkräfte und andere Zusammenarbeitende im Gesundheitswesen dabei, sich und andere besser zu führen. Kontaktieren Sie Sonja Güthoff gerne unter info@sonjaguethoff.de.
Sie möchten mehr zur Möglichkeit erfahren, einen MBA im Bereich Medical Leadership zu absolvieren? An der AKAD Hochschule Stuttgart können Sie flexibel im Fernstudium den akkreditierten und staatlich anerkannten MBA Medical Leadership nur für Ärztinnen und Ärzte studieren.
Mehr Informationen gibt es auf www.akad.de. Bei Angabe des Rabatt-Codes AKADAERZTESTELLEN erhalten Sie zudem einen Rabatt von 20 Prozent auf die Studiengebühren.



