Steigende Ärztezahlen: Warum gibt es trotzdem Ärztemangel?

16 August, 2023 - 07:20
Stefanie Hanke / Konstantin Degner
Krankenhausflur

Es erscheint paradox: Alle klagen über den Ärztemangel - gleichzeitig steigt die Zahl der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte seit Jahren an. Warum der Ärztemangel trotzdem ein reales Problem ist, beleuchten wir in diesem Beitrag.

Blickt man nur auf die reinen Zahlen, deutet erstmal nichts auf einen Ärztemangel hin: In den vergangenen 60 Jahren hat sich die Zahl der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland mehr als vervierfacht – auch im Verhältnis zur Bevölkerung. Gab es 1960 noch knapp 92.000 berufstätige Ärztinnen und Ärzte (ein Arzt / Ärztin pro 786,3 Einwohner / Einwohnerinnen), waren es 2022 mehr als 421.000 (ein Arzt / Ärztin pro 197,6 Einwohner / Einwohnerinnen).

Grafik "Berufstätige Ärztinnen und Ärzte seit 1960" zum Download (jpg, 92 kB)

Und auch in Bezug auf die berufstätigen Ärztinnen und Ärzte in den Krankenhäusern zeigt sich ein ähnliches Bild: Die Zahl der Angestellten hat in den letzten 30 Jahren deutlich zugenommen – auch, was Vollzeitstellen betrifft: Gab es 1991 insgesamt gut 109.000 Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus (mehr als 95.000 davon in Vollzeit), waren es 2021 fast doppelt so viele: 203.000 (173.000 davon in Vollzeit).

Grafik "Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus 1991-2021" zum Download (jpg, 118 kB)

Ärztemangel trotz steigender Ärztezahlen

Gibt es also keinen Grund zur Sorge? Leider nicht. Denn der Ärztemangel ist schon jetzt ein Problem – viele Kliniken können offene Stellen schon jetzt nicht besetzen. Und das wird in Zukunft noch zunehmen: Denn in den nächsten Jahren gehen viele ältere Ärztinnen und Ärzte in den Ruhestand.

Folgende Faktoren spielen beim Thema Ärztemangel eine große Rolle:

  1. Fehlverteilung
    Die Ärztedichte in Deutschland ist zwar im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch, aber die Ärztinnen und Ärzte sind schlecht verteilt. Die meisten arbeiten in den Großstädten. Im ländlichen Raum fehlen sie hingegen.
     
  2. Demografischer Wandel
    Der demografische Wandel in Deutschland führt zu einer älter werdenden Bevölkerung und einem steigenden Bedarf an medizinischer Versorgung. Gleichzeitig gehen immer mehr erfahrene Ärztinnen und Ärzte in den Ruhestand: Etwa 20 Prozent stehen unmittelbar vor dem Rentenalter – vor allem in der Allgemeinmedizin und der Inneren Medizin.
     
  3. Wochenarbeitszeit
    Hinzu kommt: Auch die gewünschte Wochenarbeitszeit sinkt über alle Altersgruppen hinweg. Rein statistisch sind 1,2 Nachwuchs-Ärztinnen und -Ärzte für um einen ausgeschiedenen Arzt oder eine ausgeschiedene Ärztin zu ersetzen. Denn schon in der Grafik oben sieht man, dass zwar insgesamt die Zahl der Ärztestellen gestiegen ist, der Anteil der Vollzeit-Beschäftigten aber schon jetzt rückläufig ist.
     
  4. Ausbildung
    Die begrenzte Ausbildungskapazität für Medizinstudierende in Deutschland trägt ebenfalls zum Ärztemangel bei. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach fordert zwar, die Zahl dieser Studienplätze um 5.000 zu erhöhen, doch das reicht leider nicht aus. Im vergangenen Wintersemester haben sich laut der Stiftung für Hochschulzulassung 35.567 Personen auf 9.948 Studienplätze beworben.
     
  5. Image
    Die Attraktivität des Arztberufs ist in den vergangenen Jahren gesunken. Lange Arbeitszeiten und eine unzureichende Work-Life-Balance schrecken potenzielle Medizinstudierende ab. Schätzungen zufolge entscheiden sich 10-15 Prozent der Studierenden nach dem Studium gegen den Beruf als Arzt oder Ärztin und gehen beispielsweise in den Medizinjournalismus oder in die Pharmabranche.
     
  6. Bürokratie
    Die aufwendige Bürokratie im Gesundheitswesen, übermäßige Dokumentationspflichten und Abrechnungsverfahren belasten Ärztinnen und Ärzte und nehmen ihnen wertvolle Zeit für die Patientenversorgung. Laut einer Studie der Stiftung Münch verwendet fast die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte täglich mehr als zwei Stunden für Verwaltungsaufgaben.

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