
Viele starten ins neue Jahr mit guten Vorsätzen – und scheitern im medizinischen Alltag schnell an Zeitdruck und Belastung. Dieser Artikel zeigt, warum Rituale wirksamer sind als Vorsätze und wie Ärztinnen und Ärzte sie als unterschätztes Führungsinstrument nutzen können, um Verbundenheit, Leistung und die (mentale) Gesundheit für sich und ihre Teams zu stärken.
Neue Rituale zu Jahresbeginn
Der Jahresbeginn ist traditionell der Moment, an dem wir innehalten, zurückblicken und neue Energie schöpfen. Viele Menschen formulieren in dieser Zeit gute Vorsätze. Doch gerade im hochverdichteten medizinischen Arbeitsumfeld scheitern diese häufig daran, dass sie zu vage, zu ambitioniert oder zu wenig im Alltag verankert sind. Ein wirkungsvollerer Ansatz sind Rituale. Wissenschaftlich verstanden handelt es sich dabei um vordefinierte Abläufe, die sich durch Starrheit, Formalität und Wiederholung auszeichnen und in ein größeres System von Symbolik und Bedeutung eingebettet sind (Hobson N. M. et al. The Psychology of Rituals: An Integrative Review and Process-Based Framework. Pers Soc Psychol Rev. 2018; 22(3): 260-284). Im Unterschied dazu beschreiben Coyne et al. rituelle Aktivitäten als besonders personalisiert und emotionsbasiert – im Gegensatz zu Routinen, die primär funktional ausgerichtet sind (Impact of Routines and Rituals on Burden of Treatment, Patient Training, Cognitive Load, and Anxiety in Self-Injected Biologic Therapy. Patient Prefer Adherence. 2022; 16: 2593-2607).
Merke:
Ein Ritual ist mehr als eine Routine: Es ist eine wiederkehrende Handlung mit persönlicher oder gemeinsamer Bedeutung, die Orientierung, Stabilität und emotionale Entlastung schafft.
So ist die Händedesinfektion vor Patientenkontakt eine hygienische Routine. Wird sie jedoch vor dem Betreten eines schwierigen Patientenzimmers ganz bewusst durchgeführt – verbunden mit einer positiven inneren Einstimmung auf das Gespräch, kann aus dieser Routine ein Ritual werden.
Psychologische Funktionen von Ritualen
Während Routinen funktionale Abläufe vereinfachen, erfüllen Rituale zentrale psychologische Funktionen. Wissenschaftlich lässt sich zeigen, dass Rituale Emotionen, Leistungs- und Zielzustände sowie soziale Verbindungen regulieren. Treten in einem dieser Bereiche Defizite auf, wird ritualisiertes Verhalten häufig verstärkt. Umgekehrt kann die bewusste Ausübung von Ritualen dazu beitragen, genau diese Defizite zu verringern (Hobson N. M. et al. 2018, siehe oben).
Auch soziale Effekte sind gut belegt. Liberman und Kolleginnen schließen in ihrem Artikel darauf, dass Menschen, die dieselben rituellen Handlungen ausführen, eher dazu neigen, sich anzuschließen (The early social significance of shared ritual actions. Cognition. 2018; 171: 42-51). Spannend ist auch die Erkenntnis aus der Anthropologie, dass Rituale mit synchronen Körperbewegungen eher zu einer Stärkung prosozialer Einstellungen führten (Fischer R. et al. How do rituals affect cooperation? An experimental field study comparing nine ritual types. Hum Nat. 2013; 24(2): 115-25).
Im Rahmen von Hospizmitarbeitenden wurde zudem gezeigt, dass Rituale ein wichtiger Weg sein können, um das Mitgefühl zu stärken und Burnout zu verringern (Montross-Thomas L. P. et al. Personally Meaningful Rituals: A Way to Increase Compassion and Decrease Burnout among Hospice Staff and Volunteers. J Palliat Med. 2016; 19(10): 1043-1050). In dieser Arbeit wird auch geschlussfolgert, dass Organisationen davon profitieren können, wenn sie Schulungen und Unterstützung für personalisierte Rituale unter den Teammitgliedern anbieten, insbesondere für neue Mitarbeitende, die möglicherweise einem höheren Burnout-Risiko ausgesetzt sind.
(Team-)Rituale definieren
Im Grunde haben wir bereits individuell, in der Familie und im Team (uns mehr oder weniger bewusste) Rituale. Bevor Sie gegebenenfalls neue Rituale gemeinsam definieren, sammeln Sie als ersten Schritt einfach mal, welche Rituale bereits bestehen bzw. welche Rituale den Teammitgliedern auch außerhalb der Arbeitssituation wichtig sind. Woran möchten Sie selbst und Ihr Team festhalten? Was möchten Sie noch positiv unterstützen und daher ein neues (Team-)Ritual etablieren? Denken Sie daran, nicht nur eine Routine einzuführen, sondern dieser eine (gemeinsame) Bedeutung beizumessen. Formulieren Sie gemeinsam, wie häufig und in welchen Schritten das (neue) Ritual durchgeführt wird.
Es ist besonders wichtig, dass wir uns als Ärztinnen und Ärzte in Führung dann auch an die Vereinbarungen halten, damit wir als gutes Vorbild voran gehen – das stärkt die Akzeptanz des Rituals im Team. Zu guter Letzt sollten wir einen Evaluationstermin festsetzen, wann reflektiert wird, ob das Ritual den erwünschten Effekt bringt oder ob Anpassungen notwendig sind. Es könnte auch sein, dass man sich doch wieder von einem Ritual trennen darf, das sich nicht bewährt hat. Da sich für ein neues Ritual unsere Gewohnheiten ändern dürfen, braucht es allerdings eine gewisse Zeit. Eine maßgebende Studie von Lally et al. (How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. Eur. J. Soc. Psychol. 2010; 40: 998–1009) zeigte, dass Probandinnen und Probanden zwischen 18 und 254 Tage (Median 66 Tage) benötigten, um selbst gewählte, einfache Gewohnheiten (wie Essensgewohnheiten ändern oder morgendliche Sit-Ups machen) zu automatisieren (siehe auch „Ärztinnen und Ärzte in Führung: Leichter Führungs-Kompetenzen umsetzen“).
Tipp:
Nutzen Sie für sich und im Team ein Rahmenmodell zur Entwicklung eigener (Team-)Rituale:
- Ziel klären (Welche Wirkung soll entstehen?)
- Bedeutung vermitteln (Ohne Bedeutung kein Ritual.)
- Frequenz festlegen (Wie oft und wann durchführen?)
- Sequenz festlegen (z. B. 3–5 Schritte)
- Vorleben durch Führung (entscheidend für Akzeptanz)
- Nach ca. 8 Wochen reflektieren (Was wirkt? Was braucht Anpassung? Loslassen?)
Toolbox Führung
Ideen für individuelle Rituale im ärztlichen Alltag
Individuelles Morgenritual
Überlegen Sie bewusst, wie Sie Ihren Tag beginnen möchten. Wollen Sie sich bereits im Bett oder beim Betreten der Klinik oder Praxis positiv einstimmen, etwa mit einem inneren Satz wie: „Heute wird ein guter Tag, an dem mir vieles gelingt“? Oder integrieren Sie eine kurze sportliche Einheit, etwa gezielte Dehn-, Yoga- oder Kraftübungen. Auch kleine Veränderungen, wie konsequent die Treppe zur Station zu nehmen, können ritualisiert werden.
Power Posing
Nutzen Sie kurze Pausen, etwa beim Zähneputzen, beim Einwaschen im OP oder zwischendurch, um bewusst eine High-Power-Pose einzunehmen. Es gibt Hinweise darauf, dass Sie damit Ihre Leistung verbessern können (Cuddy A. C. et al. Preparatory power posing affects nonverbal presence and job interview performance. J Appl Psycho. 2015; 100(4): 1286-1295) und Ihren Cortisolspiegel senken sowie Ihren Testosteronspiegel erhöhen können (Carney D. R. et al. Power posing: brief nonverbal displays affect neuroendocrine levels and risk tolerance. Psychol Sci. 2010; 21(10): 1363-8). Eine High-Power-Pose ist eine offene, raumeinnehmende Körperhaltung, die Selbstsicherheit und Präsenz unterstützt. In der stehenden „Hero“-Pose stehen beide Beine fest und parallel auf dem Boden, die Hände werden in die Hüften gestemmt und der Kopf ist aufgerichtet. In der sitzenden „Boss“-Pose sitzt man entspannt zurückgelehnt, legt die Füße erhöht ab und verschränkt die Hände hinter dem Kopf (siehe auch „Ärztinnen und Ärzte in Führung: Über Wirkung leichter führen“).
Journaling bzw. Erfolgsjournal
Die Psychologin Dr. Bluma Zeigarnik beschrieb in ihrer Dissertation, dass wir Aufgaben, die wir noch nicht abgeschlossen haben, besser erinnern als solche, die bereits von uns erledigt wurden (Zeigarnik B., Das Behalten erledigter und unerledigter Handlungen. in Untersuchungen zur Handlungs- und Affektpsychologie III. Lewin K. (Hrg.). Psychologische Forschung. Bd. 9., 1-85). Daher haben wir am Abend oft das Gefühl, wenig geschafft zu haben. Zur positiven Selbststärkung kann als individuelles Ritual hilfreich sein, sich abends regelmäßig fünf Dinge aufzuschreiben, die gut gelungen sind, die man geschafft hat oder auf die man stolz ist (siehe auch „Ärztinnen und Ärzte in Führung: Impostor Phänomen leichter überwinden“).
Ideen für Team-Rituale in Klinik und Praxis
Morgenbesprechung, Übergaben und Visiten positiv starten
Beginnen Sie bewusst damit, was gut gelaufen ist: positive Entwicklungen bei Patientinnen und Patienten, gelungene Zusammenarbeit oder auch private Lichtblicke. Dieses Ritual kann helfen, positive Emotionen zu aktivieren und die Zusammenarbeit konstruktiv zu gestalten (siehe auch „Ärztinnen und Ärzte in Führung – Positive (Selbst-)Führung in der Medizin“).
Post-Event-Ritual nach kritischen Situationen
Zur gemeinsamen Verarbeitung von kritischen Situationen kann das Team z. B. drei Fragen für sich vordefinieren: „Was ist passiert? Wie fühlt es sich an? Was brauchen wir jetzt?“. Hierzu kann ein besonderer Rahmen geschaffen werden wie z. B. ein bestimmter Raum, mit Tee oder Kaffee zusammensetzen, künstliche Kerzen anzünden oder ähnliches (siehe auch „Ärztinnen und Ärzte in Führung: (Sich) Besser durch Second Victim Symptome führen“).
Wertschätzungsritual einmal pro Woche
Schaffen Sie Raum für gemeinsames, positives Feedback. Jede Person benennt eine konkrete Beobachtung guter Teamarbeit oder schreibt eine wertschätzende Eigenschaft für ein anderes Teammitglied auf einen individuellen Zettel auf. Dieser wird dann jeweils anschließend dem anderen Teammitglied übergeben (siehe ergänzend auch: „Ärztinnen und Ärzte in Führung: Feedback als Führungstool“).
…und noch ein kleiner Team-Tipp: Überlegen Sie auch, wo Sie bei gemeinsamen Ritualen synchronisierbare Körperbewegungen einbauen können, um eine prosoziale Einstellung zu verstärken (z. B. in Stresssituationen gemeinsame tief atmen und dabei die Hände z. B. mit der Einatmung nach oben führen und bei der Ausatmung wieder abwärts, gemeinsames Tanzen auf Betriebsfesten etc.).
Die Autorin:
Prof. Dr. med. Sonja Güthoff, MBA, ist Ärztin am LMU Klinikum München, Führungskräfte-Trainerin, Professorin für Gesundheitsmanagement, Medical Leadership und Digital Health an der AKAD Hochschule Stuttgart, Stress- und Burnout-Coach sowie unter anderem TÜV zertifizierte KI Trainerin. Auf ärztestellen.de gibt sie regelmäßig Tipps zu Führungs-Themen. Als Leiterin des Instituts für ein gesundes Arbeitsleben im Gesundheitswesen (INSTGAG) begleitet sie Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachkräfte und andere Zusammenarbeitende im Gesundheitswesen dabei, sich und andere besser zu führen. Kontaktieren Sie Sonja Güthoff gerne unter info@sonjaguethoff.de.
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